Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1911)
- Date
- 1911-05-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse 75. Jahrgang; Nr. 18 Berlin, 5. Mai 1911 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig NhilipPson Unter Leitung des Schelme« «egieruugr-Nats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „AUgem. Zeitung des Judentum»", Berlin SW,, Jerusalemer Straße qe/gg, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin« O, diese „jüdische Presse"! Von I. Landau. — Die IJlUjuU« Woche. — Rabbiner Dr. Rudolf Ungerleider. — Die sechste ordentliche Tagung der badischen Landesshnode. — Zur Wirtschassgeschichte der deutschen Juden im Mittelalter. Von ®. Caro. — Feuilleton: Beim Lämpchen. Roman von Peter Ujvk-ri. — Literarische Mitteilungen. — Lesefrüchte. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Breslau, Hamburg, Friedrichstadt,'Herne, Frankfurt a.'M., Bruchsal, Wien, Petersburg. — Von Nah und Fern. % diese „jüdische Kresse"! Von I. Landau. a sage man noch, unsere nüchterne Zeit sei der Legendenbildung nicht günstig! Risigs um uns her werden Mythen gesponnen, denen gegenüber manche abenteuerliche Sage das reine mathematische Exempel ist, und wir merken es kaum. Nur weil die^Gewöhnung auch das Abenteuerliche alltäglich erscheinen läßt. Was sind die Fabelwesen der alten Mythologie, was Sphinx und Greif und Pegasus, das geflügelte, edle Dichterroß, gegen die wunderliche Märchengestalt, die eine phantasievolle antisemitische Publizistik sich für ihre Zwecke geschaffen hat! „Die jüdische Presse" nennt sie schlicht und harmlos diese ihre Schöpfung. Der einfache Name läßt auf den ersten Blick die Abenteuerlichkeit des Phantasiewesens nicht erkennen. Erst wenn man mit wachsendem Erstaunen sieht, wie die Erfinder mit diesem ihrem Produkt verfahren, wie sie es immer wieder aus der Versenkung auftauchen lassen, wenn es gilt, einen Kinderschreck für politisch Unmündige heraufzubeschwören, wenn es gilt, einen Sündenbock zur Stelle zu schaffen oder zum Zweck eines guten Fischzugs das Wasser zu trüben, dann erst begreift man die Spukgeftalt und ihren Zweck. Die „jüdische Presse", das heißt die allgemein liberale oder freifinnige Presse, die man als unter jüdischem Einfluß stehend, von Juden verlegt oder redigiert erscheinen lassen möchte, diese jüdische Presse läßt man als eine Art von geschlossener, durch einen Geheimbund, umspannter Einheit erscheinen. Jeder einzelne, der ihr angehört, jeder Verleger, Herausgeber, Redakteur, Mitarbeiter, .Berichterstatter wird als eine Art Vollstrecker des alten Testaments dargestellt. Jeder erscheint in der Schilderung der. antisemitischen Journale als treuer Hüter und Apostel des Talmud und des Schulchan Aruch. Die Gebote dieser Schriften sind ihm heiliges Gesetz, nach dem sein ganzes Wirken sich richtet und das seine Stellung zu jeder politischen Frage, zu jeder politischen Persönlichkeit streng bestimmt. Jeder Gegenstand wird einzig: und allein auf sein Verhältnis zum . Judentum geprüft- und bestimmend für das Verhalten zum Gegenstand ist. ganz ausschließlich der Nutzen oder Schaden, den er dem Judentum bringen kann. Die einzelnen Angehörigen dieser jüdischen Presse aber bilden eine Art von Freimaurertum, das einem einzigen Kommandowort gehorcht, in einer Linie marschiert. Wie verhält sich nun diesem Phantasiegebilde gegenüber die Wirklichkeit? Eine sogenannte „jüdische Presse" innerhalb der allgemeinen politischen Publizistik gibt es überhaupt nicht. Die Bezeichnung kann nur Anwendung finden auf Blätter, die, wie das unsere,! die Vertretung jüdischer Interessen, die Pflege jüdischen ' Wissens, die kritische Berichterstattung über jüdische Literatur, jüdisches Gemeindeleben zu ihrer Aufgabe machen und diesen ihren Zweck in ihrem Namen schon erkennen lassen. Gerade "diese Blätter meinen die antisemitischen Organe aber nicht, wenn sie von einer „jüdischen Presse" reden. Sie wollen mit dieser Bezeichnung diejenigen liberalen Blätter umfassen, deren P erlag oder deren redaktionelle Leitung zufällig gerade in 'jüdischen Händen liegt und wollen sagen oder doch den Eindruck erwecken, daß ausschließlich jüdische Federn im Dienst dieser Blätter stehen. Das schon ist eine Unwahrheit. Es gibt sicherlich kein einziges in einem jüdischen Verlag erscheinendes Blatt, das nicht auch viele christliche Redakteure und Mitarbeiter hätte. Diese christlichen Redakteure und Mitabeiter sind gewöhnlich sogar in der stark überwiegenden Mehrheit. Die Verleger fragen, im natürlichsten Jntereffe ihrer Blätter, bei Anwerbung neuer Mitarbeiter nach ihrer Befähigung, ihrem Charakter, sie fragen nach dem politischen Glaubensbekenntnis, aber niemals nach dem religiösen. Es könnte wohl einmal die Frage aufgeworfen werden, ob, angesichts der Tatsache, daß so viele Unternehmungen grundsätzlich Juden nicht anstellen, auch jüdische Geschäfte zum Ausgleich, und um das Unrecht wettzumachen, nur Juden anstellen sollten. Zu einer solchen Maßregel der ausgleichenden Gerechtigkeit hat man innerhalb dev jüdischen Geschäftswelt noch nie und nirgends gegriffen, - innerhalb der Press e kann man aber auch niemals an sie denken. Hier kommt es denn doch gar zu sehr auf individuelle Begabung, auf Eigenart, Erfahrung, Urteil, Scharfblick und vielerlei besondere Qualitäten an. Ein Buchhalter mag genau dasselbe leisten und wert sein wie. ein anderer, der Leitartikler, der Kunstkritiker ist eine Persönlichkeit für sich in Wesen und Schaffen von jeder anderen grundverschieden. Aber auch der wirklich jüdische, selbst der seines Judentums sich bewußte Journalist wird bei Erörterung einer politischen-einer sozialen Frage nie und nimmer ' auf die Idee kommen, sich zu fragen: wie ist der Gegenstand vom Standpunkt des Judentums anzusehen, so wenig wie ein liberaler