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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-04-28 · Heft 17 (28.4.1911) · p. Seite 202

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 17 (28.4.1911)
Date
1911-04-28
Page
Seite 202 (sequence 10)
Language
German
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Wenn man keine hat, ist sie gewiß nicht gut. Aber, daß man keine hat, das muß man nicht jedem an die Nase binden. Ein gescheiter Mensch trägt seine Armut nicht auf den Markt, denn er sinkt dann gleich im Ansehen. Berele aber gab acht darauf, auf das Ansehen. Im Tempel fühlte er sich unter den Letzten nicht wohl. Was ihm hier an' Achtung zukam, davon ließ er kein Jota nach. Er hätte aber davon Nachlassen müssen, wenn seine Armut ruchbar geworden wäre und er von der Gemeinde Gnadenbrot empfangen hätte. Darum also verheimlichten sie so ängstlich ihre Armut. Doch jetzt machten sie schon vergeblich ein Hehl daraus. Efterchen bemerkte das klagelöse Elend und nahm sich vor, zu helfen. „Vater," sagte sie, zu Hause an gelangt, „Beers haben schon seit einigen Tagen kein warmes Essen gehabt. Der Hunger hat die Frau aufs Krankenbett geworfen. So tuet doch etwas für die armen Leute." Eschkeles streichelte den Kopf seines Töchterchens: „Sag's Deiner Mutter, liebes Kind. Sie wird sie schon mit Fett, Fleisch und Mehl versorgen. Ich aber werde ihnen Holz schicken." . - ■ ■ ' „Um Gottes willen," sprach Esterchen erschrocken, „wo denkst Du hin? Das sind keine solchen Leute. Diejenigen, welche so fasten können, nehmen kein Almosen an." : „Also, was denn soll ich mit ihnen tun?" „Hilf ihnen, Almosen ist keine Hilfe." „Was ist denn Hilfe?" „Das Brot, für welches der Mensch arbeitet. Verhilf ihm zu einem Erwerbe, lieber Vater. Gebet ihm irgendeine Beschäftigung, irgendein Amt; Onkel Berele ist ja ein gescheiter Mann." Eschkeles war nicht der Mann, der solchen Reden gegenüber unempfänglich geblieben wäre. Er beschäftigte sich ernstlich mit Bereles Sache und zerbrach sich den Kopf darüber, was da zu machen wäre. Er besprach die Sache mit Reb Mendl Eibisch, dem Vorstand der Gemeinde und auch mit anderen. Da die Gemeinde ihrer für Blümele Übernommenen Verpflichtung noch nicht entsprochen hatte und jedermann sich Berele gegenüber als Schuldner fühlte, richtete sich das allgemeine Interesse wieder auf Bereles Familie, und ohne Meinungsverschiedenheit wurde beschlossen, Berele Beer gründlich aufzuhelsen. Die Absicht war gut und der Wille, ehrlich, doch eine schwere Sache, diesen in die Tat umzusetzen. Die Gemeindestellen waren alle besetzt. Man hatte einen .Tempeldiener, Fleischbankaufseher. Osterbrotaufseher, Totenwächter, Leichenbekleider, man hatte Kaddischsager, Minjemänner von Amts wegen. „So stehen wir," sagte Reb Mendl Eibisch in der Versammlung, die er zu diesem Behufe einberufen hatte. „Alle Aemter sind ausgefüllt!" „Geehrte Herren," begann Lajtinant Flesch, „der heutige Fortschritt kennt keine Schranken." „Wer spricht hier von Schranken?" winkte ihm der Vorstand ab. „Wir reden von Berele Beer und nicht von Schranken." Lajtinant Flesch lächelte. Riesige Geringschätzung war in diesem Lächeln enthalten.! „Auch ich rede von keinen wirklichen Schranken,, geehrter Herr Vorstand. Das ist nur die Introduktion, wenn Ihr es wissen wollet; gebildete Leute beginnen ihre Reden mit einer Introduktion." Unbeschreibliches Lärmen entstand daraufhin. Die Leute sprangen auf, schlugen aus den Tisch, nur, daß sie nicht aus der Haut fuhren. „Was wollen Sie?" schrie man durcheinander. „Schon wieder wollen Sie eine Neuerung? Einen Turm auf den Tempel, nicht wahr? Eine Orgel, was? Na ja, er wird's kriegen!" Dreimal mußte der Vorstand Ruhe gebieten, bis der Lärm nachließ und es endlich ganz still wurde. Als die Ruhe wieder hergestellt war, stand Tojwije Rotfleck ans und erhob seine Stimme: * „Ein Wunder, daß sich unter uns die Erde nicht aufmacht," begann er die Ansprache. „Oder verdienen wir es vielleicht, daß uns'die Erde auf ihrem Rücken trägt? Verdient es vielleicht Lajtinant Flesch?" «Ich protestiere! Im Namen des Fortschritts und der Bildung protestiere ich!" fiel ihm dröhnend Lajtinant Flesch in die Rede. „Nun, Ihr sehet, daß er nicht verdient, von der Erde getragen zu werden," fuhr Tojwije Rotfleck, ohne sich beirren zu lassen, fort. „Dieser Niemand Protestiert. Im Namen des Fortschritts und der Bildung Protestiert er. Was ist der Fortschritt? Nu, laß^ hören, was der Fortschritt ist? Ist er vielleicht Balbos') in der Gemeinde? Zahlt er vielleicht Steuer, wie ich? Was wollen Sie mit dem Fortschritt? Wenn Sie noch einmal den Fortschritt erwähnen, dann weiß ich, was ich machen werde." „Nun. was werden Sie machen?" fragte Lajtinant Flesch. „Ruhe soll sein!" donnerte der Vorstand. „Herr Rotfleck hat das Wort." „Nun, dieser Niemand. Nun, ich sage, es ist eine Schande, eine Schmach. Lauter gescheite Leute wären hier ohne diesen Reformer," sein Auge blitzte spöttisch auf Flesch hin, „und so viel gescheite Leute haben keinen einzigen Einfall. Na, das tut nichts. Hier bin ich und ich werde sagen, was für eine Stelle wir Berele Beer geben sollen. Eine schöne Stelle, eine anständige Stelle und er kann davon schön leben." In gespannter Erwartung blickten ihn die Leute an. Tojwije Rotfleck fühlte, daß er jetzt die wichtigste Person sei und fuhr mit stolzer Würde fort: „Der Vorstand sagt, daß jedes Amt ausgefüllt ist und ich sage, daß nicht jedes ausgefüllt ist. Eine sehr wichtige Stelle ist nicht besetzt." „Welche? Welche?" frug man von allen Seiten. „Ich will Euch sagen, welche. Also, was haben wir jetzt? Wir haben Winter. Und was für einen Winter? Keinen gewöhnlichen Winter. Und wenn kein gewöhnlicher Winter ist, dann treten die Schowewem?) ein. Nu, Herr Flesch," wandte er sich spöttisch zu dem Lajtinant, „was sagen Sie dazu? Werden Sie vielleicht fasten? Ihr Kopf soll so leben, wie Sie fasten werden. Und Sie Herr Vorstand? Vielleicht werden Sie fasten? So soll Fleschs Kopf leben, wie Sie fasten werden. Oder wird vielleicht Haschl Ochs fasten? Fleschs Kopf soll so leben. Wer will fasten? Keiner will fasten. Also was soll man tun, wenn man doch fasten muß. Wir nehmen einen auf, der an unserer Stelle fastet. Nun, so lasset uns Berele Beer ausnehmen.. Möge er dieses Jahr der Schowewem-Faster sein. Für jedes Fasten bekommt er einen blanken Gulden. Er kann jede Woche zweimal fasten und davon prächtig leben." Eschkeles schüttelte den Kopf. Das ist denn doch zu drollig, daß man dem hungrigen Menschen auf solche Art helfen will, daß man ihn zum Fasten treibt. Doch der Mehrheit gefiel -1) Steuerzählendes Gemeindemitglied. . 2) Sich systematisch wiederholende Fasttage. '

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