Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 17 (28.4.1911)
- Date
- 1911-04-28
- Page
- Seite 200 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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denen zur Beschaffung eines Chors die Mittel gebrechen. Wer , die persönlichen Leistungen des Verfassers als ausübenden. Vorbeter jemals zu ' würdigen Gelegenheit hatte, wer die^ Meisterschaft bewundert hat, mit der er selbst den traditionellen^. Gesang nach Künstgesetzen zu gestalten und vorzutragen versteht, der wird nicht zweifeln, daß ein berufenerer Bearbeiter^ desselben kaum gedacht werden kann. Dazu kommt noch , seine langjährige segensreiche Wirksamkeit als Lehrer zahl-, reicher, aber gesuchter Kantoren, die dafür Gewähr leisten-., daß wir es hier nicht mit einem schnell entstandenen, sondern,, mit einem, durch die Jahre gereiftem Produkte zu tun haben-".. Nach solchem Urteil wird es nicht wundernehmen, wenn., die Gesänge aus der Vorbeterschule begeisterte Ausnahme,, in den Synagogen Israels fanden. Während Moritz Deutsch in seinerVorbeterschnle als Meister in der Bearbeitung desTräditions- . gesanges erscheint, zeigt er sich in seinen „deutschen Shnagogen- : undSchulliedern für Solo und Chor mit Orgelbegleitung" als, ein feinfühlender Musiker. Dem religiösen Bedürfnis der Neuzeit entsprechend, vertonte er mehrere deutsche Gebete, aus dem Geigerschen Gebetbuch, ebenso einzelne Lieder von I. Freund zu Festen und Gelegenheiten, welche als Erbaüüngsmittel des öffentlichen Gottesdienstes sich bewährten. Greife ich aus diesem Liederkranz eins heraus, und zwar das, Lied zur Totenfeier „Herr, was ist der Mensch", so hat Deutsch mit dem Vortrag dieses Liedes große Popularität erlangt. Wer den Namen „Deutsch" erwähnt, spricht auch zugleich von seinem Schwanengesang „Herr, was ist der Mensch".- Dieses. Lied ist auch vermöge seiner originellen Melodie und reicher Harmonie als eine Verle in der Synagogen-Gesangsliteratur f, anzusehen, und aus dem Munde seines Autors zu hören, gewann dasselbe noch viel mehr Reiz. Ja, Deutsch bezauberte die Hörer durch seinen hinreißenden Vortrag. Hierbei sei mirL gestattet, zU erwähnen, daß Deutsch bei der Durchreisen Richard Wagners durch Breslau als der Befähigteste befunden " wurde, xxv einem zu Ehren dieses Meisters veranstalteten" Konzerte, daß Lied „Winterstürme" aus der Walküre unter Begleitung des Komponisten, vorzutragen, wobei dieser über die musikalische Auffassung des Sängers.7 sehr erfreut war. Ein Ausspruch Eugen Guras „er habe noch nie so schön ein Schubertsches Lied vortragen hören, wie von Deutsch", sei hier auch Erwähnung getan. Deutschs Streben war besonders auf das jüdische Kantorat * gerichtet. Daher arbeitete er fort und fort an der Veredlung des Gottesdienstes, stets darauf Bedacht nehmend, daß der Gesang von großem Einfluß auf das Gemüt ist; die rechte Weihe, wie der rechte Vortrag, bringen erst den Inhalt der Gebete und Gesänge zum wahren Verständnis. In dieser Auffassung ging Deutsch auch mit dem Nachfolger'Geigers, Dr. Joel, in der weiteren Ausgestaltung des Breslauer Gottesdienstes Hand in Hand. Die Joelsche Anschauung verkörperte sich in Deutsch, indem er alle möglichen Mittel suchte, um den israelitischen Geist zu heben und zu fördern. Deutsch wollte in seinem Fach das erstreben, was. die anderen auf anderen Gebieten für Israel zu schaffen und zu wirken imstande waren. Er wollte unsere alten charakteristischen Sangweisen, Israels Nationalgesänge, die tief in unserem religiösen Leben wurzeln, von ihren durch die Zeit erlittenen Schäden säubern, sie ver- ■' edeln und sie uns erhalten helfen. Von diesen Vorsätzen beseelt, schuf Deutsch die „Breslauer Synagogengesänge, Liturgie der neuen Synagoge für Solo Und Chor mit und ohne Orgel-! begleitung", die 1880 im Druck Erschienen. Hier lernen wir den Musiker Deutsch, den Fürsten im Reiche der Harmonie kennen. Diese Gesänge haben Eingang in den israelitischen Gotteshäusern gefunden und trugen zur Andacht.und Erbauungviel bei. Zunächst war es die Gemeinde Breslau die die kompositorischen Leistungen ihres Kantorschoch schätzte. Deutschs, Erfolge strahlten weit hinaus über den Kreis seiner heimatlichen Wirksamkeit, und aus vielen Gegenden Deutschlands -strömten Beter herbei, um in der Breslauer Synagoge , den Kantor und Komponisten „Deutsch" zu bewundern. Seinem Hauptwerke, den „Breslauer Synagogengesängen" ließ Deutsch einen „Nachtrag" folgen, bestehend aus 24 Piecen für Solo und Chor mit Orgelbegleitung. Diese Arbeit reiht sich würdig der ersten an^ und legt abermals beredtes Zeugnis für das universelle Wissen des Autors ab. Der Anregung seines großen Lehrers, Sulzer, jedes, Fest mit einem Orgelpräludium einzuleiten, folgend, komponierte Deutsch solche auch für die Breslauer Synagoge. „In diesen Orgelpräludien, nach alten Synagogen-Jntonatiomnkomponiert, pulsiert", wie Josef Singer in der österreichischen Kantorenzeitung schrieb, „jüdisches Leben, so warm und jugendfrisch, daß die von der unglückseligen Zeitströmung eisig kalt angehauchten und bereits erstarrten Glieder zu einem kräftigen. Leben erwachen und Zeugnis ablegen von dem unversiegbaren Quell ewiger Wahrheit und echter Kunstbestrebung." Diese Deutschschen Orgelpräludien, sagt Singer, zeugen von der Tüchtigkeit und fachmännischen Reife ihres Schöpfers. Deutsch aber war nicht allein ein gottbegnadeter Sänger, ein genialer Komponist, ein eifriger Förderer der Synagogenmusik, sondern auch ein bedeutender feinfühliger deutscher Schriftsteller. Letzeres tritt besonders in seinen musikwissenschaftlichen Aussätzen, anläßlich des Erscheinens der Singerschen Broschüre über „die Tonarten des Traditionellen Synagogengesanges, ihr Verhältnis zu den Kirchentonarten und den Tonarten der vorchristlichen Musikperiode" hervor. In diesen literarischen Arbeiten steht der Autor auf hoher Warte der Musikwissenschaft und belehrt seine Fachgenossen über „Unser Ritualgesäng." Diese hochinteressante Abhandlung, die in ein Lob auf den Verfasser der erwähnten Broschüre ausklingt, veröffentlichte Deutsch im Anhang zu seiner Vorbeterschule. So konnte Meister Deutsch auf ein weites Arbeitsfeld zurückblicken, und seine Schöpfungen fanden auch allgemein Würdigung. In den vornehmsten Familien Breslaus war er, vermöge seiner hohen Bildung und liebenswürdigen Wesens, ein gern gesehener Gast. In seinem Hause verkehrten Künstler und Schriftsteller. Mit seiner Gattin Amalie geborene Ausch lebte er seit 1851 in glücklichster Ehe. Ihr widmete er sein erstes Opus: „Die deutschen Synagogen und Schulkinder." Auf seine Kinder konnte er mit Freude und Vaterstolz blicken. Seine Söhne nehmen bedeutende staatliche und soziale Stellungen ein. Sie hängen mit rührender Pietät an ihrem Vater. Die Breslauer Gemeinde suchte ihn oft äußerlich zu erfreuen. .Seine Silberhochzeit 1876 wurde unter großer Teilnahme der Gemeinde gefeiert. Der Vorstand ehrte den Jubilar durch sein Erscheinen und durch Überreichung eines ansehnlichen - Silbergeschenkes. Am 20. November 1884 feierte Deutsch -sein 40 jähriges Amtsjubiläum als erster Kantor der Breslauer Synagogengemeinde. An dieser Feier bekundete , die Kollegen- < schaft des In- und Auslandes ihre Verehrung: für Meister Deutsch durch Bildung eines Komitees, bestehend aus. den Herren Singer, Bauer-Wien, Bär-Gothenburg, Birnbaum- Königsberg, Sarasohn-Stettin und Rosenberg-Stockholm. Sie . überreichten eine Adresse, die mit 100 Unterschriften von '.. Kantoren, Sulzer an der Spitze, versehen war. Das Fest nahm einen glänzenden Verlauf, und der T Jubilar war hoch erfreut über alle Aufmerksamkeiten, die ihm von seiner Gemeinde und den Kollegen dargebracht würden.