Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 17 (28.4.1911)
- Date
- 1911-04-28
- Page
- Seite 199 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Mitglied hineingekommen, der von dem Herrn Abgeordneten ebenfalls namentlich angeführte Herr Prof. Loewy, gegen dessen Orthodoxie auch nicht der geringste Einwand erhoben, werden kann, und von dem wir in unserem Vortrage an das Ministerium neben dieser seiner Richtung hervorgehoben haben, daß er alS besonders tüchtige Persönlichkeit vontrefflichem Charakter gilt und jedenfalls Interesse und Verständnis für die uns beschäftigenden Aufgaben besitzt. Ebenso find bei dem anderen Kollegen, den Herr Dr. Simon als liberalen Parteimann angcsprochen hat, seine Tüclligkeit als Jurist, seine große Erfahrung und Arbeitskraft, sein Charakter und Ansehen und namentlich seine eingehende Kenntnis der Verhältnisse der Landgemeinden maßgebend gewesen und hervorgehoben worden. Meine Herren! Es muß schon weit gekommen sein, wenn in diesem Hause überhaupt über die Personen im Oberrat, über die Aeußerungen, die er bei.ihrer Auswahl abgegeben hat, gesprochen werden muß. Diese Auswahl ist Sache der geordneten Organe, und nur dann, wenn Beschwerden sachlicher Art gegen den einen oder anderen vorgetragcn werden können, ist es, glaube ich, Sache der Synode, sich gegen die von den geordneten Organen getroffene Wahl auszusprechen und Abhilfe zu verlangen. Die Synode ist ja zuständig, Beschwerden zu erheben, und Herr Dr. Simon mag solche im einzelnen Vorbringen. Vorerst aber muß eine seiner Behauptungen ganz entschieden zurückgewiesen werden: die Darstellung, als ob eigentlich in unserer Landesshnagoge der Oberrat allmächtig sei. Meine Herren, das badische Judentum könnte auch ohne den Oberrat existieren. Die Grundlage bilden die Gemeinden und nicht der Oberrat. Die Gemeinden wählen ihre Synagogenräte und ihre Beamten, sie wählen auch die Rabbiner und.Bezirksältesten nach ihrem eigenen Geschmack, gar nicht nach dem des Oberrats und manchmal nicht in Uebereinstimmung mit dem Öberrat. Ich komme daher zu denl Ergebnis, daß den allgemeinen Ausführungen, die Herr Dr. Simon hier gegen den Oberrat vorgebracht hat, keinerlei greifbare Tatsachen zugrunde liegen. Was aber die Hervorhebung der Gegensätze zwischen liberaler und nichtliberaler Richtung betrifft, so gehen diese Dinge, über die man Bücher schreiben könnte, weit über den Bereich unserer Landesshnagoge hinaus. Ich meinerseits gehe darauf nicht ein und ich kann nur den Wunsch äußern, daß. auch von seiten der Synode, der solche Aeußerung natürlich freisteht, möglichst wenig Gebrauch von dieser Gelegenheit gemacht werde. Hierauf ergriff der Ministerialdirektor am Ministerium der Justiz, des Kultus und Unterrichts, Geh. Oberregierungsrat Dr. Böhm, das Wort zu folgenden bedeutsamen Ausführungen: Hochgeehrte Herren! Als Ministerialkommissar des Großherzoglichen Oberrats sehe ich mich veranlaßt, dem, was Herr Geheimrat Mayer eben mitgeteilt hat, hinzuzusügen, daß alles, was er über die Zusammensetzung des Oberrats gesagt hat, durchaus den Tatsachen entspricht. Ich habe cs lebhaft bedauert, daß aus den Worten des Herrn Dr. Simon entnommen werden konnte, es sei zwischen der jetzigen und der früheren Regierung, insbesondere zwischen Seiner Königlichen Hoheit dem Großherzog und seinen erlauchten Vorfahren ein Unterschied in der Stellungnahme zum Judentum zu konstatieren. (Lebhafte Beifallsrufe.) Der Herr Präsident hat das zurückgewiesen, Herr Dr. Simon hat dann den Rückzug angetreten, und ist wohl darauf nicht weiter zurückgekommen Aber das muß ich . sagen: ich glaube das Haus der Zähringer hat seit Karl Friedrich dem Judentum gegenüber eine solche Stellung angenommen, und unser jetziger Landesherr steht genau auf demselben Boden, daß es nicht nötig, daß es nicht richtig war, auch nur den Namen des Großherzogs in diesem Zusammenhangs zu nennen. (Lebhafter, anhaltender Beifall und Händeklatschen). Weiterhin über muß auch das zurückgewiesen werden, wenn Herr Dr. Simon einen Unterschied zwischen den Mitgliedern des Oberrats und, wie er sagte, seiner „Spitze", dem Ministerialkommissar machen. wollte.- Ich halte es für meine Pflcht, hier zu erklären, daß ich durchaus solidarisch mit dem Oberrat bin. Wenn Herr Dr. Simon gemeint hat, die Regierung sei für die Handlungen des Oberrats nicht verantwortlich zu machen, weil sie davon keine Kenntnis habe, so würde ich, wenn letzteres der Fall wäre, mich einer Pflichtverletzung schuldig gemacht haben. Kraft meines Amtes als Ministerialkommissar war es meine Pflicht, mich in die Verhältnisse der Landessynagoge einzuarbeiten. Soviel an mir liegt, habe ich das getan. Die Vorschläge. die seitens des Oberrats an das Ministerium gekommen, sind ohne jede Voreingenommenheit geprüft worden. Das Ministerium hat nicht unterscheiden können, ob einer der Vorgeschlagenen ein Liberaler oder ob er ein Orthodoxer ist.. Was das Ministerium wünscht und was, wie ich glaube, bis jetzt auch erreicht -worden ist, das war: Männer zu finden, die sich der allgemeinen Achtung, des allgemeinen Vertrauens der Judenheit in Baden erfreuen; tüchtige, ehrenhafte Männer, die begeistert für die Sache sind, die sie vertreten. Und seitdem ich die Ehre habe, als Ministerialkommissär an der Spitze des Oberrats zu stehen, habe ich bei allen Verhandlungen des Oberrats nur den einen Eindruck gehabt, daß eine, ernste, sachliche Prüfung eingetreten ist. (Lebhafter Beifall.) Das ist ja ganz klar, meine Herren, daß jeder von uns seine Welt . anschauung und seine Ueberzeugungen zu vertreten hat, wie das jeder rechte Mann tut. Nie aber wird er sich leiten lassen von maßlosem Fanatismus, sondern er wird der Sache die Ehre geben, und ich muß sagen, der Oberrat ist so zusamnlengesetzt, daß die Mitglieder wirklich die Sache über persönliche Ansichten zu setzen vermögen. Ich kann hier nur nochmals konstatieren, daß das. was der Oberrat getan hat, soweit es überhaupt zur Kenntnis und Beschlußfassung des Ministeriums und höherer Stellen kommen mußte, durchaus gebilligt wird, und daß ich entschieden Protest gegen einen Unterschied in der Haltung des Oberrats und der Regierung einlegen muß. (Fast allgemeiner, anhaltender, in Bravorufen und Händeklatschen sich äußernder Beifall.) Natürlich folgte hierauf eine lange Gegenrede des Dr. Simon, die mit steigendem Unmut angehört wurde und ihm schließlich den zweiten. Ordnungsruf des Präsidenten zuzog. Darüber und über den weiteren Verlauf der Sitzung werden wir in der nächsten Nummer berichten. Moritz Deutsch l. A. Biographische Studie vom Königlichen Musikdirektor . A. Friedmann-Berlin. II. Unsere Melodien dagegen sind nie durch die Schrift fixiert worden, die mündliche Ueberlieferung aber gab, da ein Tonsystem nicht festgesetzt wurde, einem jeden die vollständige Freiheit, die von Kantoren nach Kräften benutzt wurde. Belege hierzu findet man reichlich auch im dritten Teil der „Weintraubschen Gesänge." So mit der wissenschaftlichen Seite des Synagogengesanges vertraut, wandte sich Deutsch der „dritten Gruppe" desselben, dem „Chasonus" mit ganz besonderer Hingebung zu. Die Bearbeitung dieses Stoffes erheischt nicht allein die natürlichen Anlagen eines Künstlers, sondern der Autor muß auch ein begeisterter Jude sein, Israels Geschichte kennen, gutes Verständnis für dieselbe haben und. ein tüchtiger Hebräer sein. Deutsch besaß die eben erwähnten Eigenschaften und unter diesem Eindruck erstand die bereits oben erwähnte „Vorbeterschule", die 1871 im Druck erschien. In dem klar geschriebenen Vorworte, das über den Ursprung des RitualgesangeS anregende Mitteilungen macht, sagt der Komponist selbst: „Ich habe mich bestrebt, den traditionellen Gesang nach Kunstgesetzen zu ordnen, möglichst zu vereinfachen und eng mit dem Texte zu verbinden, ihn aber nichts destoweniger in seiner Originalität zu erhalten." Ueber Deutschs erstes Opus brachte seinerzeit auch die „Schlesische Zeitung" eine Besprechung, die hier im Auszuge wiedergegeben sei: „Durch die einstimmige Notierung der Intonationen in der Vorbeterschule ist jetzt auch der Kantor der kleinsten Gemeinde in der Lage, würdig und angemessen die frommen Weisen der Väter erklingen zu lassen, und ist eine angemessene Gestaltung des Kultus auch für solche Gemeinden ermöglicht.