Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 17 (28.4.1911)
- Date
- 1911-04-28
- Page
- Seite 196 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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bezichtigt worden. Damals richteten die Söhne des zu Unrecht Angegriffenen an den Präsidssnten des Reichstags ein Schreiben und baten ihn, dies zur Kenntnis des Reichstags zu bringen. Das in dem Schreiben verwendete Material besteht erstens in einem Schreiben des Staatsministers v. Stosch vom 27. März d. I , der bezeugt: „Von der Unterhaltung . des damaligen Kronprinzen mit dem Geheimen Kommerzienrat Magnus im Jahre 1880 bin ich nur Augennicht Ohrenzeuge gewesen. Ich weiß nur, daß Herr Magnus unmittelbar nach dem Fortgehen Seiner Kaiserlichen Hoheit, den ich bis zum Wagen geleitete, jenen Aussp.ruch des hohen Herrn, der die antisemitische Bewegung scharf verurteilte, seinen Genossen erzählt hat ... Ich weiß, daß das geäußerte Urteil durchaus den Ansichten weiland Seiner Majestät des Kaisers Friedrich III. entsprach- und ich kann hinzufügen, daß in den mannigfachen Unterredungen, welche ich mit meinem langjährigen Freunde, dem damaligen Kammerherrn v. Normann gerade über diese Sache gepflogen habe, die questionierte Aeußerung als von Seiner Kaiserlichen Hoheit gemacht, nie im Zweifel stand. .•? - Ferner hat der bekannte Schriftsteller Dr. Gumbinner am 8. dr M. eine notarielle Erklärung abgegeben, worin er aussagt, er habe jener Unterredung als Augenzeuge beigewohnt, habe zwar den ganzen Inhalt der Unterredung nicht vernehmen können, erinnere sich aber deutlich, daß das Thema der Unterredung die antisemitische..Agitation betras, und daß der Kronprinz dabei die Worte brauchte. Er habe während seiner Anwesenheit im'Ausland dort von den hiesigen Vorgängen Kenntnis genommen und sich d^x Scham ' nicht erwehren können. „Nach Schlußder. Versammlung," so erklärte Dr. Gumbinner weiter, „verließ, ich das Englische Haus in Begleitung des Herrn Geheimen Rat Magnus und Geheim en Oberregierungsrat Wulffsheim. Die Herren erzählten mir den vollständigen Inhalt des, obtzn gedachten Gesprächs und verpflichteten mich, über diese Vorgänge nichts in die Oeffentlichkeit zu.bringen. Selbstverständlich bin ich dieser Verpflichtung strengstens nachgekommen, konnte aber gegenüber der Veröffentlichung in der „Nationalzeitung" nur zugeben, daß. dieselbe genau den mir gemachten Mitteilungen und, soweit dies möglich war, meinen persönlichen Wahrnehmungen entsprochen, hat." Drittens schreibt Dr. Georg v. Bünsen unter dem. 3. d. M. an einen der Söhne: „Noch frisch unter dem Eindruck der Aeußerung Sr. Kaiserl. Hoheit des Kronprinzen, daß Er die Judenhetzer als eine Schmach für die Nation empfinde, hat mir Ihr Herr Vater davon berichtet. Das weiß ich bestimmt und zugleich, daß in ganz Berlin niemand das Wort des Stadtrats Magnus in Zweifel gezogen haben würde " Gleichzeitig erinnert Herr v. Bunsen an einen Brief, den er am 20. Juni 1880 an den Stadtrat Magnus gerichtet, um ihm mitzuteilen, daß die damalige Frau Kronprinzeß im Lause eines Gesprächs über die damalige antisemitische Agitation geäußert habe: Ich hoffe, daß man weiß, wie scharf und entschieden der Kronprinz und ich sie mißbilligen. Srirk aus London. Von Dr. I. ChoHner. U^^anche modernen hebräischen. Schriftsteller, und nament- •V 1; V lich der bekannte hebräische Satiriker Leon Gordon, der in der Mitte des vorigen Jahrhunderts in Rußland lebte, beschrieben hier und da in ihren Schriften die kuriose Art und Weise, worin so viele streng orthodoxen russischen Rabbiner ihr heiliges Amt zu verwalten pflegten. Diese, sagen sie, kümmern sich gewöhnlich vorzugsweise um die Beobachtung und Ausrechterhaltung von veralteten und unschönen religiösen Gebräuchen von seiten ihrer Gemeindemitglieder, während sie. für den ethischen Wert der jüdischen Religion, den selbst^Nichtjuden hochschätzen, fast gar keinen Sinn haben. Nun lebt seit einigen Jahren hier und in verschiedenen Provinzialstädten Englands eine kleine Anzahl von russischest Rabbinern, die daselbst religiöse Funktionen verrichten, dabei aber dieselben Typen repräsentieren, die die besagten hebräischen Schriftsteller so drastisch schildern. Diese haben sich bisher mit wenigen unliebsamen Ausnahmen ziemlich ruhig verhalten, doch haben sie sich kürzlich zu einer Handlung veranlaßt gefunden, die in hiesigen jüdischen Kreisen recht vie Aufsehen erregt hat. Sie haben nämlich in Leeds, einer englischen Provinzialstadt, wo eine große Anzahl von Juden wohnt, eine Konferenz veranstaltet, die einige Tage dauerte und worin manche Vorschläge proponiert und angenommen wurden, die den Zweck haben sollen, die Interessen der, äußersten Orthodoxie im ganzen englischen Reiche zu fördern und aufrecht, zu erhalten. - Da die fragliche Konferenz die...einzige war, die je in England stattgefunden, so dürsten folgende kurze Bemerkungen darüber für die Leser dieser Blätter nicht ganz überflüssig erscheinen. Die an/ der Konferenz teilnehmenden russischen Rabbiner machten — inter alia — folgende drei, für sie höchst wichtig erscheinende Propositionen. Erstlich sollte es den Juden , Englands streng verboten sein, die hebräische Sprache in regelrechter Weise zu lernen oder gar sie als eine lebende zu behandeln. Dann sollen sie .es als eine religiöse Pflicht ansehen, das Tanzen und jeglichen Theaterbesuch aufzugeben, und endlich sollen ihre Frauen stets einen ihr Haar unsichtbar machenden „Scheitel" tragen. Diese Vorschläge nun, die so recht an das alte Ghettoleben erinnern, glaubten die Mitglieder der Konferenz ganz ernst, würden durch ihre Annahme das englische Judentum auf eine feste Basis setzen und ihm zugleich auch großen Respekt von seiten der Außenwelt verschaffen. Daß diese Ansicht aber keineswegs richtig ist, wird wohl jeder eingestehen, der den modernen Zeitgeist kennt. Wahrlich, die ganze Konferenz ruft manchem den bekannten lateinischen Spruch ins Gedächtnis, der da lautet: Difficile est satiram non scribere. In keinem Lande der Welt wird wohl die Bibel ebenso häufig und mit derselben intensiven Aufmerksamkeit und gebührender Achtung allgemein gelesen und diskutiert/ als es hier in England der Fall ist. Dieser Umstand nun verdankt seine Entstehung der sogenannten „autorisierten" englischen Uebersetzung beider Testamente, die vor 300 Jahren hier , entstanden ist. Demnach wurde vor kurzem das 300 jährige Jubiläum dieser Uebersetzung nicht allein in den meisten hiesigen Kirchen, sondern auch in verschiedenen nicht-religiösen Versammlungen gefeiertwobei vorzugsweise dem Alten Testament — unserer Bibel von seiten der Redner viel Lob gezollt wurde. Unter den letzteren befanden sich der Fürst der englischen Kirche, der Erzbischof von Canterburh, der englische Premierminister, der amerikanische Gesandte und verschiedene andere hochgestellte Persönlichkeitendie in England leben. Es würde mich zu weit führen, wollte ich hier selbst nur einen kleinen Teil von Auszügen aus den vielen Reden und Zeitungsartikeln bringen, die in Verbindung mit dem fraglichen Jubiläum kürzlich hier gehalten und veröffentlicht wurden, worin auf MM