Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 17 (28.4.1911)
- Date
- 1911-04-28
- Page
- Seite 195 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228961-3228979--67422-3279638- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
-ISS Der „Berliner Börsencourier" veröffentlichte in seiner Osternummer einige Antworten, die auf ein Rundschreiben eingegangen waren, das der Verband jüdischer Jugend- Vereine an eine Reihe, bedeutender Männer gerichtet hatte. Der Verband will zur Jahrhundertfeier des 11. März 1812 eine Gedenkschrift herausgeben, Aussprüche enthaltend, die das Ziel verfolgen, die schulentlassene jüdische Jugend zu treuen, selbstbewußten Anhängern ihrer allehrwürdigen Gemeinschaft und zugleich zur freudigen Erfüllung ihrer Pflichten gegenüber dem deutschen Vaterlande heranzuziehen. Ich weiß nicht, aus welchem Grunde schon jetzt einige Aussprüche einzelner hervorragender Politiker abgedruckt wsxden, ste sind offen gestanden nicht von solcher Bedeutung, daß sie unserem Publikum dargeboten zu werden brauchen. Dagegen sind die Aeußerungen des Kriegsministers v. Heeringen und des Staatssekretärs v. Tirpitz interessant. Ueber sie berichtet das genannte Blatt. Der Kriegsminister schreibt: „Die Ueberzeugung eines vom Glauben seiner Väter treuen Juden achte ich durchaus hoch und kann Ihrem Streben, dies Gut heilig zu halten, nur den besten Erfolg -Wünschen. Auch habe ich volle Anerkennung dafür, daß Sie sich das Ziel gesetzt haben, die jüdische Jugend zu freudiger Pflichterfüllung gegenüber ihrem deutschen Vaterlande zu erziehen. Es wird der Armee und damit dem Vaterlande von Nutzen fetiv wenn die Wehrpflichtigen jüdischer. Herkunft beim Eintritt in die Armee von dem Bewußtsein der Notwendigkeit treuer Pflichterfüllung durchdrungen sind." Auch der Staatssekretär des. Reichs-Marineamts v. Tirpitz meint, daß die Bestrebungen, die jüdische Jugend gleichzeitig zu treuer An. hänglichkeit an den Glauben ihrer Väter und zu freudiger Pflichterfüllung dem Vaterlande gegenüber zu erziehen, seine volle Sympathie besäßen. Weitere Folgerungen aus diesen Aussprüchen möchte ich nicht ziehen. Daß preußische und deutsche hohe Beamten den gesetzlichen Zustand respektieren, versteht sich von selbst, aber Albumblätter und dergleichen sind keine Wechsel auf die Zukunft, keine Vorherverkündigungen politischer Maßregeln. * Wie man erst jetzt aus dem demnächst zur Ausgabe gelangenden Jahresbericht des „Hilfsvereins der deutschen Juden" erfährt, hat sich diese unsere große Hilssorganisation anläßlich der blutigen ^zesse gegen die Juden in Schiras und anläßlich der bedrohten Lage der persischen Juden überhaupt unter anderem auch an das deutsche Auswärtige Amt gewandt. Der jetzt vorliegende Bericht über diese Aktion zugunsten der persischen Juden bei der deutschen Regierung läßt in seiner etwas allgemein gehaltenen Form nicht deutlich den Umfang und den Erfolg dieses Jnterventionsschrittes erkennen. Es heißt nämlich in dem Jahresbericht darüber: „Die traurigen Mitteilungen, die im Vorjahre von der schwierigen Lage der Juden in Persien zu uns gelangten und die Nachricht von den Exzessen im Judenviertel der StadlSchiras, bei denen zwölf Juden getötet, hunderte verwundet und fast alle Häuser geplündert wurden, veranlaßten uns, uns an das deutsche Auswärtige Amt zu wenden. Wir baten um authentische Auskünfte über die Lage der persischen Juden, über die angegebenen Ausschreitungen und ersuchten, daß die deutschen Vertreter sich in gegebenen Fällen unserer persischen Glaubensgenossen annehmen. FDc'fdas große Entgegenkommen, das wir gefunden haben und das unserewWfischen Glaubensgenossen zugute kommen Mrd, sprechen wir hier dem Herrn Staatssekretär Kiderlen-Wächter unseren Dank aus." — So angenehm es wäre, wenn die jüdische Oeffentlichkeit etwas Näheres über die Bescheidung des Ersuchens seitens des Herrn Staatssekretärs erführe, so wird man es verstehen, wenn vielleicht gute Gründe für die Vorenthaltung von Details vorliegen. * Am Anfang der vorigen Wochenübersicht hatte ich die Aeußerungen der „Staatsbürgerzeitung" überdieUnterredung des Kronprinzen mit dem Stadtrat Magnus erwähnt. Ich kann nun aus authentischem Material Mitteilen, daß die Darstellung des antisemitischen Blattes in jeder Weise falsch ist. Die Unterredung fand nicht statt in einer Gesellschaft im kronprinzlichen Palais, sondern bei einer Versammlung der Victoria-National-Jnvalidenstiftung. Diese Unterredung wurde nicht etwa so geführt, daß die beiden Unterredner allein waren, und sich der von der „Staatsbürgerzeitung" als Zeuge angeführte Baron D. in der Nähe befand, sondern in einer Korona der Vorstandsmitglieder der genannten Stiftung, hochangesehener Männer, welche den Ausspruch in jeder Weise bestätigt haben. Cs ist ferner darauf hinzuweisen, daß bei Lebzeiten des Kronprinzen seine Aeußerungen veröffentlicht wurden und unwidersprochen blieben, und daß trotz der Veröffentlichung dieser Bemerkung, ja vielleicht gerade wegen dieser Veröffentlichung, der hohe Herr dem Stadtrat Magnus sein Vertrauen weiter schenkte, bei dessen Beerdigung einen Kranz übersandte und sich durch den Kammerherrn v. Normann vertreten ließ. Durch einen Erlaß vom 26. Februar 1883 gab er als Protektor der Victoria-National-Jnvalidenstiftung „zum ehrenden Andenken des Verewigten Höchstseiner vollsten Anerkennung der hingebenden und erfolgreichen Tätigkeit desselben besonderen Ausdruck." Unmittelbar nach dem Tode von Magnus, am 13. Februar 1883, veröffentlichten sämtliche Berliner Zeitungen Nekrologe. In einem dieser Nachrufe, dem der „Berliner Zeitung", wird die Verbindung mit dem Kronprinzen erwähnt, und dann heißt es: „Diese Beziehungen führten auch dahin, daß unser Kronprinz wiederholentlich Gelegenheit nahm, um mit dem Verstorbenen über die antisemitische Bewegung zu sprechen, und indem unser Thronfolger seine entschiedene Mißbilligung dieser Bewegung Herrn Meyer Magnus gegenüber aussprach, beauftragte er ihn, von diesen Anschauungen auch vor der Oeffentlichkeit Gebrauch zu machen. So drangen durch dieses Mundstück zuerst die Ideen unseres Kronprinzen in weitere Kreise. Und wenn der .Verstorbene einesteils durch sein Leben und Wirken, durch seine aufopfernde Hingabe für zahlreiche gemeinnützige und humanitäre Bestrebungen ein lebendiger Protest gegen die genannte Bewegung war, so hat er anderseits auch indirekt als Verkünder der Worte unseres Kronprinzen dazu beigetragen, jene schmachvollen Bestrebungen einzudämmen." Diese Aeußerungen sind vor beinahe 30 Jahren in einer Berliner Zeitung veröffentlicht worden, fünf Jahre lang hat dann der deutsche Kronprinz noch gelebt, niemals ist es ihm eingefallen, diese und ähnliche Aeußerungen irgendwie dementieren zu lassen, es ist also eine ganz unerhörte Dreistigkeit, eine völlige Entstellung der Wahrheit, die das Antisemitenblatt begeht, die von vielen bezeugten, von den allein Kompetenten niemals widersprochenen Aeußerungen nun, nachdem wohl alle Zeugen jener Unterredungen gestorben sind, zu bestreiten oder zu beschränken. Die ganze Angelegenheit ist schon einmal vor fast 20 Jahren im Deutschen Reichstag durch Herrn Liebermann v. Sonnenberg zur Sprache gebracht, von dem Genannten ist gleichfalls Herr Meyer Magnus der Fälschung