Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1911)
- Date
- 1911-04-21
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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Insgesamt wurden aus der Vereinskasse 8222.50 Mark Unterstützungen bzw. Beihilfen gewährt. Aus dem alsdann vom Kassierer erstatteten Kassenbericht war zu entnehmen, daß die jährlichen Beiträge nur 2557 Mark betrugen, während-an einmaligen Beitrügen, 5626 Mark eingingen. Wie in den Vorjahren erhielt der Verein auch im Jahr 1910 von der Deutsch-Israelitischen Gemeinde eine Subvention von 1000 Mark. Die Gewinn- und Verlustrechnung schließt mit einem Fehlbetrag von 1692 Mark, der teilweise aus dem Roulance-!onds entnommen werden mußte. Die Abrechnung wurde als richtig anerkannt und genehmigt. Gefterreich-Nngsrn. — Wien, 16. April. In der unter Vorsitz des Landmarschalls von Galizien Graf Badeni im Januar 1911 abgehaltenen Enquete wurde der allgemeine Wunsch geäußert, daß die jüdische Bevölkerung im Wege der Selbsthilfe die Hebung der kulturellen und wirtschaftlichen Lage der Juden in Galizien anstrebe und zu diesem Zwecke ein Landesverein gegründet'werde. Da der gleiche Gedanke schon vorher in einer Vorkonferenz am 28. November 1910 angeregt wurde, ist nunmehr am 5. April l. I. von jüdischen Bürgern aller Parteirichtungen ein Landeskomitee konstituiert worden, welches die Vereinsstatuten festgestellt hat und nunmehr unmittelbar an die Gründung dieses Vereins schreiten will, um ehestens eine praktische Tätigkeit im Lande entwickeln zu können. K. Wien- 16. April. Hier wird momentan sehr eifrig an der Vorbereitung für die durch die frühzeitig erfolgte Auflösung des Reichsrates notwendig gewordenen Neuwahlen gearbeitet. Es handelt sich in erster Reihe darum, den bisherigen jüdischen Abgeordneten ihre Mandate zu sichern und womöglich neue Wahlbezirke zu erobern. Sehr freudig wird hier die Tatsache begrüßt, daß Dr. Ofner in einer öffentlichen Versammlung erklärte, neuerdings eine auf ihn entfallende Wahl als Reichsratsabgeordneter anzunehmen. Es verlautete ursprünglich, daß Dr. Ofner sich vom politischen Leben gänzlich zurückzuziehen gedenke. In seiner Kandidaturrede erklärte Dr. Ofner, daß sein Programm das alte geblieben sei: Schutz allen Armen und Unterdrückten. Von diesem Gesichtspunkte betrachte er auch die Jud enfrage, die den Großteil seiner Wähler so nahe berühre, weil nicht in Wien allein, sondern in ganz Oesterreich die Juden unter Zurücksetzung, Unrecht und Bedrückung am heftigsten leiden. Seine Parole laute dabei: nicht zurückweichen, sondern mutig kämpfen. Interessant ist auch die, Kandidatur des Führers der orthodoxen Juden in Galizien, David Schreiber, dem seine Parteigenossen das Mandat des Städtebezirkes Zolkiew-Rawa-Sokal angeboten haben. Diesen Bezirk hat bisher der Vizepräsident des Abgeordnetenhauses Ritter v. Strazinsky vertreten. Es unterliegt keinem Zweifel, daß bei einigermaßen zielbewußter Arbeit die jüdischen Mandate nicht nur erhalten, sondern auch um einige vermehrt werden könnnten. Die erste Bedingung hierzu ist die Einigkeit, die sich aber namentlich in Galizien so schwer erzielen läßt. — Erzherzog Rainer hat dem Herausgeber der „Drohobhczer Zeitung", Buchdruckereibesitzer A. H. Zupnik, für den anläßlich des 50jährigen Jubiläums des Erzherzogs als Kurator der Akademie der Wissenschaften. in der „Drohobhczer Zeitung" veröffentlichten Artikel in einem eigenhändigen Schreiben den Dank ausgesprochen. Die genannte Zeitung erscheint in Jargon mit hebräischen Buchstaben und vertritt die Interessen der jüdischen Bevölkerung in Galizien. Frankreich. L. 1. Paris, 11. April. Am Freitag den 7. d. M. starb plötzlich in seinem 60. Lebensjahre der bekannte Gras Isaak v. Camondo. Der Verblichene war Verwaltungsrat der Banque äs Paris et des Pays-Bas, Präsident der Compagnie g6n6rale du gaz pour la France et PEti-anger, ber Gesellschaft der andalusischen Eisenbahnen, der neuen Portlander Zementgesellschaft de Boulonnais, Präsident und Verwaltungsrat vieler finanzieller und industrieller Gesellschaften. Graf Isaak v. Camondo war in der Künstlerwelt sehr bekannt; er. war Musiker und Komponist; er begründete die Gesellschaft der Künstler und Freunde der Oper, deren Präsident er war. Vor kurzem erst wurde der Heimgegangene zum Präsidenten der Gesellschaft der Freunde des Louvre gewählt und zum Mitglied der Kommission der Nationalmuseen ernannt. Der Graf I. v. Camondo war Komtur der Ehrenlegion, Großoffizier der Krone vom Italien und Ritter vieler ausländischer Orden. Heute morgen fand dessen Beisetzung auf dem Friedhof von Montmartre statt. Blumen und Kränze wurden von der Familie des Entschlafenen verbeten. Auch Partezettel wurden von derselben nicht ausgegeben. Die heutige Nummer der Zeitung „Excelsior" bringt folgende Mitteilung über den Dahingeschiedenen: „Ter Staatssekretär der schönen Künste, Dujardin-Beaumetz, empfing gestern morgen'den Pariser Notar Charpentier, der ihm eine interessante Neuigkeit brachte. Vor dem Minister das Urkundenportefeuille öffnend, welches gewisse Aktenstücke enthielt, die sich auf die Testamentsverfügungen des Grafen I. de Camondo beziehen, der vor einigen Tagen verschieden ist, las der Notar mit lauter Stimme folgende Bestimmung: „Ich vermache meine ganze Kollektion dem Louvremuseum und 100000 Franken für Unterbringungsspesen. Der Louvre muß alles nehmen, und es ausstellen. Falls derselbe diese Kondition nicht annimmt, so vermache ich meine Kollektion dem kleinen Palais." Herr Dujardin-Beaumetz erklärte, daß, der Gewohnheit nach, die Verwaltung der Nationalmuseen zusammentreten werde, um sich über diese großartige Schenkung auszusprechen. Erinnert sei noch daran, daß, als im vorigen Monat Herr Mairet, der Präsident der Gesellschaft der Freunde des Louvre, starb, dieser Posten Herrn v. Camondo angeboten wurde, der aber diese Ehre ablehnte, indem er sich auf seine Eigenschaft eines Ausländers berief. Herr von Camondo, der in dieser Weise dem Louvre die Schätze seiner Kollektion vermachte, wollte die Tat eines Franzosen vollziehen, und zwar in delikater und nobler Weise, welche in den Grund des Herzens der Kunstfreunde dringen wird. Dieses Vermächtnis ist von der größten Wichtigkeit, ganz besonders reich an Schönheiten der italienischen Kunst der Renaissance (die Bronzen gab er bereits vor zwölf Jahren dem Louvre durch einen, notariellen Akt, und der Besitzer derselben reservierte sich bloß die Nutznießung). Die französische Kunst ist unter anderem durch Mehrere wichtige Werke der Maler Peronneau und La Tour und auch. durch die berühmte Pendeluhr mit den drei Grazien von Falcvnet repräsentiert. Der Louvre erbt noch eine bedeutende Anzahl Bilder von Manet. Degas, Renoir, Sißley, Pissarö, Monet und eine unvergleichliche Kollektion von Gemälden, Kupferstichen und Werken persischer und japanischer Töpferknnst. Der Entschlafene entstammte einer altspaniolischen jüdischen Bankiers-Familie, deren Nachkommen nach Rumänien verschlagen waren. Der Vater des Grafen, Abr. Camondo, hatte sich in Konstantinopel niedergelassen, dabei aber rege geschäftliche Beziehungen zu dem jungen sardinisch - italienischen Fürstenhofe unterhalten. König Victor Emanuel II belohnte die Treue des alten Camondo 1867 mit dem Grafentitel. Graf Abr. Camondo zog nach Paris und wurde dort in die Kreise der Alliance gezogen, deren Zentralkomitee er bis zu seinem Lebensende angehörte. Von Mh und jfrrn. ----- Dem Kaufmann Herrn Emil Danneberg in^ Groß-Lichterfelde bei Berlin ist der Kronenorden 4. Klasse verliehen worden. — Die gegen den Redakteur der „Staätsbürgerzeitung" Willi Buch- Buchow wegen Verächtlichmachung der jüdischen Religion erkannte achttägige Gefängnisstrafe wurde auf dem Gnadenwege in Festungshaft umgewandelt. — Professor Dr. Stier-Somlo in Bonn erhielt vom 1. April ab einen Lehrauftrag für soziales Recht, insbesondere Ärbeiterversicherungsrecht, an der Universität zu Bonn. Es ist dies der erste Fall, daß .»|iir. dieses Fach ein Lehrstuhl errichtet wird. Professor Stier-Somlo ist: ein Sohn des Rabbiners Dr. Stier in Berlin. — In Großkotzenburg bei Hanau fand vor kurzem die Weihe einer Sefer Thora - (Thorarolle) statt. Zu der Feier hatte außer vielen Einwohnern auch der katholische Pfarrer sein Haus mit päpstlichen Fahnen geschmückt. — Der Privatdozent Dr. Hermann Jacobsohn in München hat den Ruf als außerordentlicher Professor für indogermanische Sprachwissenschaft an dieUniversitätMarburg als Nachfolger von Professor Thumb angenommen. — Aus Karlsruhe in Baden wird uns geschrieben: Ter Qberrat batte beim Stadtrat 'nachgesucht, bei der Einführung der völligen Sonntagsruhe im