Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1911)
- Date
- 1911-04-21
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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75. Jahrgang Nr. 16 Der GemeindeLote. Berlin, 21. April 1911 Vellage zur „Allgemeinen Leitung des Judentums". GorrrlpondmHkn und Kschrichtm. Deutschland. A. Berlin, 18. April. Am 7. d. M., dem letzten Tage des abgelaufenen Schuljahres, schied Herr Direktor Dr. Holzman aus seinem Amte als Leiter der Knabenschule der jüdischen Gemeinde und ihrer Lehrer-Bildungsanstalt. Dieser bedeutungsvolle Vorgang fand seine entsprechende Würdigung. Der offiziellen Abschiedsfeier in der Aula ging eine gewissermaßen häusliche im Konferenzzimmer voran, woselbst unter schlichten, warmherzigen Worten des Lehrers B aruch ein von den Kollegen gestiftetes großes Bild deS scheidenden Direktors neben denl seines Vorgängers Horwitz angebracht, ihm selbst aber ein Album mit den Bildern der Kollegen überreicht wurde. Von letzterer Aufmerksamkeit besonders freudig bewegt, dankte Herr Direktor Dr. Holzman in gerührten Worten. Die eigentliche Abschiedsfeier wurde mit einem Gesänge des durch Zöglinge des Seminars verstärkten Schülerchors eingeleitet. Sodann nahm Herr Provinzialschulrat Dr. Ullmann, der Vertreter desProvinzialschulkollegiums, das Wort. Er brachte ein anerkennendes Schreiten der Staatsbehörde zur Verlesung und knüpfte daran im eigenen Nanien Worte voll solcherWärme, ja Begeisterung, daßmanaus ihnen — auch wenn es nicht ausdrücklich gesagt worden wäre — unverkennbar die persönliche, aufrichtige und hohe Wertschätzung des Redners für den Gefeierten heraustönte. Wer — so führte Herr Provinzialschulrat Dr. Ullmann unter anderem aus — so wie er Herrn Direktor Holzmann noch vor kurzem bei der letzten Lehrerprüfung acht Stunden hintereinander mit ungeminderter Frische und eindringendster Anteilnahme am Werke gesehen hat, fragt sich, ob es nötig ist, daß Herr Direktor. Holzman schon jetzt sein Amt niederlegt. Wenn dieser sich aber doch dazu entschlossen hat, ehe sich irgendwelche Zeichen des Alters bemerkbar machen, so ist das nur ein neuer Beweis für seine durch und durch ethische und von ethischen Idealen getragene Persönlichkeit. — Herr Geheimer Sanitätsrat Dr. Stern, der dann dem lebhaften Dank des Gemeindevorstandes für die überaus gewissenhafte, pflichtgetreue und erfolggekrönte Amtsführung des Herrn Direktor Dr. Holzman Ausdruck lieh, verkündete — was schon durch die Zeitung bekannt geworden war — daß der Gemeindevorstand, um den Scheidenden in einer seinem Wesen wohl am meisten genehmen Weise zu ehren, der seinen Namen tragenden Stiftung 5000 Mark zugewiesen habe. — Eine so reiche Gabe, sagte der folgende Redner, Geheimer Regierungsrat Professor Dr. Geiger, könne der durch ihn vertretene Schul- und Talmud-Thora-Vorst and nicht bieten, aber er wolle es sich nicht nehmen lassen, Herrn Direktor Holzmann, mit dem er so viele Jahre in ungetrübter Harmonie zusammengearbeitet hab^^eln Zeichen seiner tiefen Verehrung und Dankbarkeit darzübringen, und so übergebe er ihm einen Abguß der Büste Abraham Geigers, des Mannes, den er (der Redner) mit Stolz seinen Vater nenne und pon dem er wisse, daß er für die innere Entwicklung Holzmans richtunggebend gewesen sei. — Im Namen des Kollegiums der Knabenschule, zugleich innerhalb desselben als der älteste Schüler, zeichnete Herr Brinn in treffender Weise ein Bild des Direktors, der getreu seinem bei der Amtsübernahme ausgesprochenen Vorsatz: „Ich will lehrend lernen und lernend lehren", aus sich einen Meister des Unterrichts und ein nachhaltig wirkendes Vorbild für seine dem Lehrerberus sich widmenden Schüler gemacht hat. Für das Kollegium der Lehrer-Bildungsanstalt sprach dann Herr Dr. Engelmann, der darlegte, wie Dr. Holzman in seiner Person und seinem Wirken die tiefsten modernen Bestrebungen der Pädagogik gleichsam vorausgeahnt und längst verwirklicht hat. Sein Geist wird auch nach seinem räumlichen Scheiden im Seminar fortwirken. — Nachdem noch der Seminar-Abiturient Land im Namen seiner Kameratzen mit schlichten, herzlichen Worten des Dankes die Versicherung treuer Erinnerung gegeben und ein Schüler der Knabenschule ein von Herrn Brinn verfaßtes, tiefempfundenes Gedicht vorgetragen hatte, ergriff Herr Direktor Dr. Holzmann das Wort und dankte allen für die freundlichen Worte in dieser Stunde, mehr noch aber für das entgegenkommende Verständnis und die treue Mitarbeit, die er bei Vorgesetzten und Kollegen in seiner Amtstätigkeit gefunden. Ein von Kapellmeister Kellermann koniponiertes stimmungsvolles „Lebewohl!" schloß die eineinhalbstündige Abschiedsfeier, und dann reichte der scheidende Direktor jedem seiner nach Hunderten zählenden Schüler, von denen er jeden einzelnen genau kannte, die Hand, je nachdem mit einem freundlichen, ermutigenden oder ermahnenden Worte. Erwähnt sei noch, daß während beider Feiern die verehrte Gattin des Herrn Direktors Dr. Holzmann ihrem Gatten zur Seite war und daß Herr Stadtschulrat Dr. Fischer, im letzten Augenblick am Erscheinen verhindert, durch ein sehr warm gehaltenes Schreiben seinem Bedauern darüber und seinen und des Magistrats herzlichen Wünschen für einen langen, gedeihlichen, der Arbeit gewiß nicht ermangelnden Lebensabend des aus dem Amte Scheidenden Ausdruck gab. 2Q Berlin, 18. April. Vom Vorstand der jüdischen Gemeinde erhalten wir folgende Zuschrift: Jüdischen Lehrern, die ein über die Bedürfnisse des Elementarunterrichts hinausgehendes Wissen auf dem Gebiete der Religionswissenschaften Nachweisen wollen, ist Gelegenheit geboten, vor einer vom Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde eingesetzten Kommission durch Ablegung einer Prüfung den gewünschten Nachweis zu erbringen. Die Prüfung, die jährlich im März und September stattfindet, erstreckt sich auf folgende Gebiete: Methodik, Biblische Geschichte, Hebräisch, Jüdische Geschichte, Religionslehre, Religionsphilosophie und Einleitungswissenschaft. Gesuche um Zulassung zur Prüfung sind zu richten an den Schul- und Talmud- Torah-Vorstand der jüdischen Gemeinde, Berlins.24, Oranienburger Straße 29. Interessenten wird auf Ersuchen Abdruck des Prüfungs- Reglements verabfolgt. . *** Berlin, 18. April. Der Verein „Freunde der Taubstummen — Jedide Umim" hielt am 9. d. M. unter reger Teilnahme seiner Mitglieder die diesjährige ordentliche Generalversammlung ab. Der Vorsitzende Eeheimrat Dr. Boas eröffnete die Sitzung und gedachte mit warmen Worten der am 5. Januar d. I. verstorbenen Lehrerin und Erzieherin Fräulein Anna Reich, die si!it 35 Jahren in nie ermüdender Liebe und Treue für die Anstalt gewirkt hat. Die Versammlung ehrt das Andenken der Hingeschiedenen durch Erheben von den Sitzen und ninimt mit Befriedigung die Mitteilung entgegen, daß eine Anna Reich-Stiftung begründet worden sei, die schon jetzt über ein Kapital von 1175 Mark verfügt, dessen Zinsertrag einem Zögling zugute kommen solle. Sodann berichtet der Vorsitzende über den bereits begonnenen Erweiterungsbau der Anstalt sowie über die Tätigkeit des Vereins. Im abgelaufenen Schuljahre wurden in der Anstalt 26 Knaben und 22 Mädchen, die aus den verschiedensten Teilen des Deutschen Reiches stammen, von vier Lehrern und zwei Lehrerinnen unterrichtet. Entlassen wurden im Laufe des Jahres fünf Mädchen und drei Knaben. Der Gesundheitszustand der Zöglinge war ein recht befriedigender. In der hieraus folgenden Etatberatung wird der Voranschlag für 1911 in Einnahme und Ausgabe mit 49 360 Mark ohne Widerspruch genehmigt. Zur Balancierung des Etats mußte der Vorstand für einmalige Beiträge 17 555.20 Mark in Einnahme stellen und hofft auf die sich so oft bewährte Wohltätigkeit seiner Gönner. Ebenso einstimmig wird der Kassenbericht genehmigt und dem Schatzmeister die Entlastung erteilt. Bei den sodann vollzogenen Wahlen wurden die turnusmäßig ausscheidenden Vorstandsmitglieder: Geheimrat -Dr. I. Boas, Adolf Köhler, D. Friedmann. Ludwig Ginsberg, Louis Loewenthal-Breslau und Alfred Levy-Hambnrg wieder- und Herr- Bankier und Armeypflegschaftsrat HermannNiedermai e r-München und Frau Joseph Stern-Köln .neugewählt. Einstimmig'erfolgte