Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1911)
- Date
- 1911-04-21
- Page
- Seite 192 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228961-3228978--67414-3279629- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
3. Die Nummer wird eröffnet durch einen Artikel üb H. Steinthal, dessen Bild beigegeben ist. Aus Steinthals Briefen w^We^geilhickt die Stellen herausgehoben, die fick für die Jugend eignen. Diesen Auszügen folgen solche aus einem Aufsatze Steinthals „Aus der Synagoge". In der Abteilung „Rezensionen" werden die Novellen von Luise Allgenstädt als nicht empfehlenswert bezeichnet. Ich lasse. jedem sein Urteil, halte es aber für nickt richtig, dieses auch in unserer Zeitung günstig besprochene Werk als ein „neues Missionsbuch" abzutun. 4. Ehemals war diese Zeitung eine Wochen-, später eine Monatsschrift und ist nun ein Vierteljahrsblatt geworden. .Es bringt ein paar Besprechungen und kürzere Artikel. Der Herausgeber, der selbst sein eifrigster Mitarbeiter ist, beginnt mit einem Wort „An unsere Leser" und bringt eine größere Arbeit, eine „alte Einleitung in die Misckna". Die Ausstattung des Blattes ist nicht sehr würdig, Viertel jahrshefte sollten doch wenigstens einen anständigen Umschlag haben 5. Einer der Hauptaufsätze, wie so manche andere dieser trefflich ausgestatteten Zeitschrift, reich illustriert von A. S. Hahuda „Ein bedeutender Fund althebräischer Inschriften aus derÄe^^es Königs Ahab von Israel" unterrichtet in sehr hübscher Weise über die bedeutsamen Funde und verbreitet sich hoffnungsfreudig über die aus ferneren Ausgrabungen zu schöpfenden Gewinne für die Erkenntnis der früheren jüdischen Geschichte. Ueber einen modernen jüdischen Künstler, den Bildhauer Hugo Kaufmannchandelt K. Schwarz unter Beigabe vieler lrefflicher^Mustrationen seiner Plaketten, Denkmäler, Studienköpfe usw., von denen freilich kein einziges Werk einem jüdischen Vorwurf gewidmet ist. Außer diesen beiden ausführlichen Aufsätzen bringt das Heft mancherlei Belehrendes und Unterhaltendes. Ausführliche Mitteilungen aus dem deutschen Bureau der Ulianoe israölite universelle machen wie gewöhnlich den Schluß des Heftes aus. 6. Der Grund, daß ich diese Zeitschrift nenne, von der mjr freilich nur die eine Nummer zugegangen ist, liegt darin, daß dem Titel dieser Nummer, vermutlich auch aller folgenden, die Nachbildung einer Zeichnung Josef Israels „Auf der Flucht" beigegeben wird. Die Zeichnung freilich ist so flüchtig und die Nachbildung so klein, daß man den genialen Meister aus dieser Reproduktion nicht recht zu würdigen vermag. Das Blatt ist, wie das an der Spitze stehende Jto-Programm zeigt, durchaus zionistisch, das wird auch bewiesen durch die einzelnen allgemeinen Artikel, die Nachrichten, „Aus der Bewegung", und die Berichte aus verschiedenen anderen Ländern. 7; Die sehr nützliche Zeitschrift, die schon mehrfach an dieser Stelle angeführt worden ist, bringt, wie üblick, zwei Abteilungen« erstens: Abhandlungen, zweitens: statistisches Archiv, von denen mir die zweite wichtiger scheint, als die erste. Diese statistischen Darlegungen von Berufen, Eheschließungen, Bevölkerungsbewegungen, Unterricht, aus Berlin, München, Oesterreich, Florenz, Luxemburg, Luzern sind von bleibendem Wert. Auch von den Aufsätzen sind einzelne sehr instruktiv. Mir persönlich war der von B. Goldberg. „Die jüdische Presse in Rußland" besonders interessant, ohne daß ich durch diese Hervorhebung die anderen fleißigen Studien zurücksetzen möchte. 8. Der Separatdruck enthält Ignaz Schwarz: „Zur Mortalitätsstatistik der Wiener Ghettobewohner^ 1648—1669. Es ist eine weitere. Ausführung eines Abschnittes aus Schwarz' vortrefflichem Werke. »Das Wiener Ghetto". In dem genannten Werke waren aus dem städtischen Totenprotokoll die auf die Juden bezüglichen Beschau- Daten veröffentlicht; in diesem Aufsatz bringt der Verfasser diemortalitäts-statistische Verarbeitung dieser Daten und entwirft, dadurch ein annäherndes Bild der Sterblichkeitsverhältnisse des zweiten Wiener Ghettos. Eine höchst lehrreiche Arbeit. 9. Allgemeine Artikel, Bücherbesprechungen, Mitteilungen aus dem Verein in bunter Reihe. Mich hat lebhaft ein kleiner Aufsatz über . die Vorlesungen meines' Vaters angesprochen. In einem „Rundschau" überschriebenen Ärtikel des Herrn Albert Jacobh findet^ sich die merkwürdige Nachricht, daß der Po'Üze7Praside!,t einen jüdischen Rechtsanwalt, der seinen Austritt aus der Gemeinde im Gemeindeblatt nicht veröffentlicht zu sehen wünschte, abschlägig beschieden hat. Ob wirklich die leitenden Artikel, besonders der über die Wahlen in Ostpreußen, für die Jugend besonders angemessen sind, möchte ich bezweifeln. Ich konstatiere gern, daß in der vorliegenden Nummer dieser Zeitschrift kein Wort für den Zionismus zu finden ist. Trotzdem kann ich die Befürchtung nicht unterdrücken, die sich auf zuverlässige Mitteilung stützt, daß diese Jngendvereine, in deren Vorstande vielfach Zionisten sitzen, deren Vorträge sich mit Vorliebe zionistischen Gegenständen widmen, trotz alles zur Schau getragenen paritätischen Charakters, ' Lehrbataillone des Zionismus sind. Ich würde mich freuen, wenn ich mich darin irren sollte, und hoffentlich wird durch die Bemühungen» ‘ ernster Männer, die diesen Jugendvereinen ihren besonderen Schutz! angedeihen lassen, der jüdische Sinn, der in meinen Augen nicht der^ zionistische ist, in der Jugend wirklich gefördert. s ' 10. Von den sehr interessanten Aufsätzen dieser für ein großes Publikum bestimmten Zeitschrift kommen für uns einige Palästina- Bilder in Betracht, die Daul Robrback mit interessantem Text begleitet. Ferner ein Aufsatz von Hermann Weinbeimer. in dem die vielumstrittene Frage untersucht, wird, ob das Alte Testament noch Daseinsberechtigung im modernen Religionsunterricht besitzt. Der Verfasser wendet sich besonders gegen die Anschauungen Kittels. Er will den Sagencharakter der biblischen Erzählungen nicht verschleiert wissen und meint, daß dadurch die Wirkung Gottes nicht beiseite gesetzt, sondern in ihrer Gesetzmäßigkeit erkannt wird. 11. Der Aufsatz enthält ähnliche Gedanken, wie wir sie aus der Feder des Autors in Jahrgang 74 Nr. 21 brachten. Freilich kann in einer Journalschau die Bedeutung eines solchen Aufsatzes über , das Wesen des Judentums und die Aufgabe eines Weltkongresses nicht genügend behandelt werden, vielleicht kommen wir später au den Gegenstand zurück. 12. Die Doppelnummer enthält außer dem Wiederabdruck eines vor 20 Jahren geschriebenen und eines jungst in einer anderen Zeitschrift gedruckten Aufsatzes (wozu solche Reproduktionen?) einen Originalaufsatz über S. Montague (Lord Swahthling), literarische Notizen und vermischte Berichte, auch eine Notiz, daß das vom Verein . ausgeschriebene Preisausschreiben keinen Erfolg gehabt hat. Den Schluß macht ein kleines Stück einer historischen Erzählung. Auf dem Umschlag wird eine Vakanzenliste der israelitischen Stellenvermittlungszentrale zu Frankfurt a. M. gegeben. L. G. Sprechsaal. £fni zionistischen „Jüdischen Almanach 5670" (Wien 1910) erscheint J 1) e§ Dr. S. Bernfeld in einer „Abraham Geiger" überschriebenen v Abhandlung „rätselhaft",- „daß er(Geiger)^so kaltblütig und folgerichtig das Aufgeben der jüdischen Nationalität gepredigt hat." Die Lösung dieses Rätsels ist höchst einfach. Geiger vertrat eben die Auffassung, wie sie auch Max Nordau in seinem Werk „Der Sinn der Geschichte", Berlin 1909. zum Ausdruck bringt. Seite 136 wirft der Zionistenführer die Frage auf: „Sind die Völker überhaupt voneinander verschieden?" und beantwortet sie dahin: „Das ist eine große Frage, die nur Leichtfertigkeit rasch und selbstsicher beantworten wird." Er zählt „Verschiedenheiten" äußerlichster Art auf und bemerkt, „das Innerste des Menschen lassen alle diese Verschiedenheiten unberührt, in ihrem Fühlen, Wollen, Folgern, Tun sind sie einander denn doch gleich, das Gemeinsame ihres menschlichen Wesens überwiegt weit die oberflächlichen nationalen Abweichungen." An einer anderen Stelle (144): „Es ist alles anerzogen und jedes Kind eines Volkes erwirbt unabänderlich die Geistesart eines andern Volkes, wenn es in dessen Mitte, fern von störend eingreifenden fremden Einflüssen, erzogen und gebildet wird und lebt." Seite 146: „Der Begriff des Kollektivorganismus ist mystische Verirrung." Wenn in dem oben bezeichneten Almanack Seite 69 behauptet wird: „Die Sprache ist die Emanation des Nationalgeistes eines Volks; sie ist dessen Produkt, zugleich aber auch die Ursache von dessen Entwicklung," so ist auch Nordau hier anderer Ansicht, denn nach ihm » „ist die Sprache kein Beweis für den Bestand einer eigenartigen! Volksseele und keine Quelle einer angeblichen Völkerpsychologie," I (a. a. O. 140). M. Sp. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. . verantwortlich für die Redaktion Max Bauchwitz in Berlin. -