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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-04-21 · Heft 16 (21.4.1911) · p. Seite 190

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 16 (21.4.1911)
Date
1911-04-21
Page
Seite 190 (sequence 10)
Language
German
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Die Gefährten, welche ihn pflegten, blickten einander an. Sie wußten schon, wer ihn erwarte. Und als das Fieber des Kranken nachließ, gingen sie beifeite und besprachen den Fall, als ob sie noch niemals darüber gesprochen hätten. Auch am Nachmittag wurde im Beshamedresch davon gesprochen, obwohl man am. Sabbat nicht traurig sein darf. Der Sabbat ist ein Tag der Ruhe, der Erholung. „Vielleicht glaubt Ihr gar, daß heute ein Fasttag ist," machte Gerschem Freidiger die Betrübten aufmerksam. „Heiliger Sabbat ist he.ute und nicht Tischebow. Gewiß ist der arme. Gedalje sehr krank, aber Gott wird ihm schon helfen. Gott hat schon größere Wunder vollbracht. Lasset uns Prackerlech spielen." „Ja, lasset uns Prackerlech spielen," schloß sich Srole Posbenak dem Vorredner an. Nach dem Abendgebet trat Gerschem vor den Rebbe hin: „Rebbe," sagte er leise, „Gedalje ist dem Tode nahe." Der Rebbe wandte sich um, ging zu seinem Betstuhl zurück und betete für den kranken Liweitzer. Und seine Schüler beteten mit ihm. . Als sie das Gebet beendigt hatten, trat Gerschem wieder vor den Rebbe hin: „Rebbe, ich weiß, daß dem Gebet des Rebben große Kraft innewohnt, doch könnten wir vielleicht nach dem Kerzenzünden' wieder beten." Der Rebbe sagte darauf, daß sie abends nochmals beten' werden. „Du hast recht," stimmten ihm die anderen bei, als der Rebbe sich entfernt hatte, „dies ist kein rechtes Pidjen Hane-, fesch, i) Dazu gehört Geld." Und als sie den Sabbat verabschiedet halten, suchten sie ihre Alltagskleider hervor und stöberten in den leeren Taschen herum. Sie fanden bloß Kreuzer und mancher nicht.einmaldas. Nun legten sie diese zusammen. Im ganzen braucht man achtzehn Sechser und es war sehr schwierig diese große Summe zusammenzubringen. Im Beshamedresch zählten sie das Geld — es fehlten noch vier Kreuzer. Wo diese hernehmen? Just achtzehn Sechser sind nötig, wenn man eben, keine achtzehn Silbergulden hat, denn die Zahl achtzehn gibt das Wort „Chaj" was Leben bedeutet. -Das Gebet aber hat nur dann Wirkung, wenn man Geld beilegt, um es unter, die Armen verteilen zu können. „Wartet nur, ich bringe es schon," sagte plötzlich Srole Posbenak, dem man einen heftigen inneren Kampf ansah. Mitleidig betrachteten ihn die Genossen, war er doch unter ihnen der Aermste. Ost fehlte ihm sogar das trockne Brot, und auch heute hätte er gehungert, wenn ihn Eschkeles nicht an Gedaljes Stelle als Ersatz-Bocher mit sich ge-' nommen hätte. „Du?!" fragten sie erstaunt, „hast Du denn etwas?" „Ich werde schon haben," erwiderte Srole trotzig. Dann stürmte er mvon. „Man wird mich davonjagen," brummte er unterwegs- „Der Rcbbe wird mich aus der Jeschiwa Hinausweisen. Meine Kameraden werden aus mich herabsehen . .. Vielleicht schreiben sie es gar meiner Mutter, und meine Mutter wird erfahren, wer ich bin, was ich bin, daß ich ein nichtswürdiger Mensch bin . . . ein Schügetz,* 2) ein ApekojreZs) . . . Aber ich will mich nicht daran kehren ... Ich Hab' das Ei gegessen, . h Seelenablösung. 2) Soviel als gottloser Kerl. b) Epikuräers. . . -V welches er hätte essen sollen, Hab' auch die Bohnensuppe, das Ritschet, die Kugel und den Gansbraten gegessen. Und das alles hätte er essen sollen . . . Und er hat nichts gegessen, weil er krank ist . . . und jetzt braucht man das Geld zum Pidjen Hanefesch. Und ich werde es hergeben." - Als er in sein Zimmerchen kam, sperrte er die Tür hinter sich zu, zündete eine Kerze an und setzte sich vor seinen Koffer. Zitternd steckte er den Schlüssel in das Schlüsselloch des Kofferchens, als ob er etwas Verbotenes täte. Zwei — dreimal blickte er ringsherum, ob ihn wohl niemand belauschte. Er rannte zur Tür und versuchte sie zu öffnen; dann lief er zum Fenster und lehnte große Folianten an die Scheiben, damit niemand hereinschauen könne. Dann setzte er sich wieder zum Koffer hin. Er war bleich und zitterte an allen Gliedern, als er jetzt den Deckel des Koffers emporhob. . Langsam und vorsichtig griff er bis an den Boden hinunter. Dort liegen die Schätze zwischen ein paar zerrissenen Hemden. Langsam und vorsichtig zog er die Hand aus der Tiefe des Koffers hervor. Er hielt darin zwei Stück wunderschöne Topfenkuchen. Obenauf war eine dicke Zuckerschicht, und an den Rändern quoll der Topfen hervor, in welchem Rosinen lächelten. «* „Lea wird mir das abkaufen," flüsterte er, „Lea liebt Süßigkeiten und hat immer ein paar Kreuzer zur Verfügung. Und dies wird sie kaufen, diesen herrlichen Topfenkuchen." Und wie er die Kuchen so betrachtete, steckte er die Zunge hervor und leckte mit deren Spitze den Zucker herunter. „Für sie wird es auch ohne Zucker gut genug sein," beruhigte er sich. Dann brach er die hervorstehenden Topfenstücke ab und aß dieselben aus. „Das gehört nicht dazu," brummte er, „das hätte schon zu einem anderen Stück gehört." Tann löschte er die Kerze aus und ging in die Küche. Sein Herz krampfte sich schmerzlich zusammen, doch blieb er deshalb nicht stehen. Aus der Küche trat er in das Zimmer der Hauswirtin. Lea saß beim Tisch und schliß Federn. ' Mit großer Mühe erhielt er seine vier Kreuzer. Srole gab die zwei Kuchen hin und rannte in das Beshamedresch. „Hier sind die vier Kreuzer," sagte er zu Gerschen Freidiger. „Jetzt können wir schon beten." Der zweite Hausbocher meldete dem Rabbi, daß die Jeschiwa beisammen sei. Sie erwarten des Pidjen Hanefesch. Der Rebbi kam herein und das Beten begann. Die achtzehn Sechser ergänzte der Rabbi mit so vielen Sechsern, daß es eine Summe ausmachte, welche dem Zahlenwert von Gedaljes Namen entsprach. Dann legte er, so oft des Kranken Name in das Gebet eingeflochten wurde, diesen in Zahlen aus. Srole Posbenak weinte für Gedalje aufrichtige Tränen. „Herr der Welt," betete er leise, „was liegt daran, mag mich der Rebbe wegjagen und die Kameraden mich verachten, was liegt daran; nur mache den armen Gedalje gesund. Lasse ihn gesund werden um meinetwillen, der sich gesättigt hat, als er nicht essen konnte." Nach Schluß des Gebets teilte per Rabbi das Geld in kleine Häuschen. In jedem Häufchen waren achtzehn Kreuzer. Diese sollte man unter die Allerärmsten austeilen. „Wer morgen keinen Kosttag hat," sprach er, „der möge sich melden." Niemand meldete sich.

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