Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1911)
- Date
- 1911-04-21
- Page
- Seite 187 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Maybaum am Schluß warnt, wenn er der Gemeinde die Pflicht auferlegt, mit Rücksicht auf die Anschauungen der Gesamtheit die Toten, getreu der bisherigen Sitte, zu beerdigen. die Feuerbestattung nicht zu fördern, d. h. ihr nicht durch die Anlage eines Krematoriums Vorschub zu leisten. Deshalb sehe ich mich zu folgenden Ausführungen veranlaßt, zumal sich mir anläßlich eines Gutachtens, das ich auf Verlangen des'Ministeriums für geistliche Angelegenheiten in Mecklenburg-Schwerin -vor kurzem anzufertigen hatte, nach eingehender Beschäftigung mit dieser Materie ganz andere Resultate ergeben haben. Die gründlichere Behandlung dieser angeschnittenen Frage erscheint mir deshalb von höchster Wichtigkeit, weil die Anhänger der Feuerbestattung (gerade wie Maybaum) durch den Hinweis auf das Fehlen eines direkten Verbots in den Religionsgesetzen und durch Anführung der bekannten biblischen Stellen manchen, der sonst über religiöse Forderungen ernst denkt, hierin aber der schwierigen Materie halber nicht Bescheid weiß, für ihre Anschauungen gewinnen und so zu einem Verstoß gegen die Anschauungen der Religion verleiten. Denn'im Hinblick auf die in den maßgebenden .Religionsquelleru des Judentums herrschenden Anschauungen müssen wir die Feuerbestattung vom religionsgesetzlichen Standpunkt als unzulässig erklären. Daß die Erdbestattung zur biblischen Zeit Sitte, Brauch und Norm war, beweisen neben der Tatsache, daß die Stammväter in der Höhle Machpelah ihre letzte Ruhestätte gefunden, die vielen Stellen der Bibel, in denen vom Begraben der Toten in der Erde die Rede ist. Die wenigen Stellen, welche von einer Art Leichenverbrennung zu reden scheinen, beweisen für eine etwa zur biblischen Zeit herrschende Sitte gar nichts. Denn Jeremia 34, 5; II. Chronik -16, 14; 21, 19 sprechen gar nicht von Leichenverbrennung. Schon die darin sich findende Ausdrucksweise „Jemandem einen Leichenbrand anzünden," zeigt deutlich, daß es sich dabei um eine zur Ehre des Toten vorgenommene Verbrennung von Spezereien und Wohlgerüchen handelt, eine Sitte, von der bereits Josephus bei der Erzählung von der Leichenfeier des Herodes berichtet. (Antiquitäten XVII, 8, 3, bellum Jud. I, 33, 9.) Diese Auffassung ist bei den ältesten jüdischen Bibelerklärern und Uebersetzern (vergleiche Perles, Die Leichenverbrennung in den alten Bibelversionen (Frankel-Grätz, Monatsschrift 1869, S. 76 bis 81]) ebenso wie bei den neuesten christlichen Exegeten (Cornill-- Jeremia; Duhm, Jeremia; Benzinger-Chronik) vorhanden?) Der einzige Fall, in welchem von einer allerdings mit der modernen keineswegs identischen Leichenverbrennung (da ja nur die Fleisch- und Weichteile verbrannt, während die Gebeine bestattet wurden) berichtet wird, ist 1. Buch Samuel, 31, 12. 13. (Ainos 6, 10, von Maybaum angeführt, beweist nichts. Vergleiche Perles und die Kommentare). An dieser Stelle wird erzählt, daß die Bewohner von Jabes in Gilead die Fleisch- und Weichteile Sauls und seiner Söhne verbrannt und die Gebeine bestattet haben. Hier ^handelt es sich aber um einen Ausnahmefall; entweder um ein außerordentliches Verfahren mit Leichen, die bereits von den Feinden geschändet und arg zugerichtet waren, oder um die Absicht, der weiteren Entehrung durch die Feinde vorzubeugen. Bedeutende Erklärer (Raschi, Malbim) denken, dem Talmud und Targum folgend, auch hier an die bei Königen übliche Ver¬ 0 Zu'nzs Uebersetzung ist hier nicht maßgebend, und Hamburger der in Septuaginta exauaav - xa^covxott unrichtig anführt (Real- Encycl. III Suppl. II, Seite 41) sagt, bafj Zunz der Uebersetzung gefolgt. Die besten Handschriften der Septuaginta lesen §xX«po«vxXaixjovxai — „sie beklagten" — ebenso Syrer. brennung^von Spezereien oder Geräten. Aber diese Auffassung ist hier infolge des sprachlichen Ausdrucks („sie verbrannten sie") schwerlich mit Gewißheit aufrecht zu erhalten?) Dennoch spricht für diese Auffassung die Tatsache, daß an den ParallelsNellen (IL Samuel 2, 4. 5; 21, 12 ff. und I. Chronik 10, 12). die dasselbe erzählen, nur vom Begraben und nicht vom Verbrennen gesprochen wird. David läßt den Bewohnern von Jabes danken mit den Worten: „Gesegnet seid ihr dem Herrn, daß ihr solche Barmherzigkeit an eurem Herrn Saul getan und ihn begraben habt." Neueste Erklärer wie Professor Budde und Professor Klostermann streichen deshalb den Satz'als Glosse oder lesen statt „sie verbrannten sie den im Hebräischen ähnlich lautenden Ausdruck (NLO^I) „sie hielten Leichenklage über sie."^) Wie dem auch immer sei, eine solche fragliche Stelle bietet keinen Anlaß zum Beweise, daß in Israel das Verbrennen von Leichen Sitte war, oder gar, wie Maybaum meint, „als eine edlere Art der Beisetzung" galt. Mit Recht sagt Professor Budde: „Die Verbrennung von Leichen als ehrendes Verfahren oder auch nur als schlichter Brauch ist in Israel ganz unerhört." Dagegen ist das Verbrennen der Leiche schimpfliche Verschärfung der Todesstrafe oder ein schweres Vergehen. Ja, als ein Grund gegen die Auffassung von der ehrenhaften Bestattung durch Feuer ist jedenfalls die Tatsache anzusehen, daß der Feuertod eine Strafe für den todesschuldigen Sünder oder Verbrecher, eine Entehrung und Schmach war (conß Lev. 20,14; 21, 9. Gen. 38, 24; Josua 7,15. 25; I. Kön. 13, 2; II. Kön. 23,20; Maleachi3,21; Ezechiel 28,18; II. Kön. 23,16; II. Chronik 34, 5). Nur die verheerende Pest brachte außerordentliche Maßregeln mit sich, und um der Ansteckungsgefahr willen wurden' die Fleischteile der Leichen verbrannt, aber die Gebeine wurden gesammelt und begraben. Es gibt keine einzige Stelle in der heiligen Schrift, aus der man auf eine Sitte der Leichenverbrennung in ruhigen Zeiten mit Sicherheit schließen könnte. Der Prophet Amos (2, 1) rügt es sogar an dem König von Moab, daß er die Gebeine des Königs von Edom zu Kalk verbrannt habe. Diese Tat verdiene schwere Ahndung, „denn er hat dem toten Feind die Ruhe des Grabes entzogen und seine Gebeine durch Feuer gepeinigt". Tod und Grab waren in der Vorstellung so eng verbunden, daß man sich den Tod ohne Grab kaum denken konnte und der Sprachgebrauch oft für „Tod" das Wort „Grab" setzt. II. Mose 14, 11 heißt es: „Gibt es denn keine Gräber in Aegypten, daß Du uns weggenommen, um in der Wüste zu sterben?" — Job 17, 1: „Mein Lebensgeist ist zerstört, die Gräberstätte wartet mein" (vgl. Job 5, 26; 17, 14. Daniel 12, 2). Diese Vorstellung der Beerdigung (als einer Gottesordung) liegt auch den Worten Genesis 3,19 zugrunde: „Bis Du zur Erde zurückkehrst (griechische Bibelübersetzung: „bis Dü Dich zur Erde zurückwendest" — d. h. nach Erklärung mancher: „nicht andere Dich gewaltsam zu Asche verwandeln"), denn Staub bist-Du und zum Staube, sollst Du zurückkehren" (nicht zur „Asche" nach Erklärung mancher, siehe dagegen Lazarus „Die Erneuerung des Judentums",' Berlin 1909, Seite 75/76) und Koheleth 12,7: „Der Staub kehrt zurück ^) Josephus VI 378 (XIV 9) sagt an der Hauptstelle: „Darauf bestatteten die Jabisener unter Wehklagen die Leiber am schönsten Orte", also gar nichts von Verbrennen. . - -■ 2) Klostermann erklärt für einen Schreibfehler, veranlaßt durch eine ungewöhnliche Orthographie unb Budde, der auch an eine Glosse denkt, meintes sei nicht undenkbar, daß ein Glossator dem verhaßten Saul noch im Tode einen Schimpf,.angetan hat.,