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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-04-21 · Heft 16 (21.4.1911) · p. Seite 183

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 16 (21.4.1911)
Date
1911-04-21
Page
Seite 183 (sequence 3)
Language
German
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die Alliance leugnet, gegen den Zionismus aufgetreten zu sein, /und sich nicht für zuständig hält, eine Einwirkung zu üben. Herr Wolsson teilt in seiner Antwort ein Stück eines Schreibens des Herrn Salomon- Rein ach an Herrn D. Fresco, den Herausgeber des in Konftantinopel erscheinenden Blattes „El Tiempo“, mit. Wir lassen das Schreiben hier folgen, da es auch unseren Anschauungen entspricht: „Ich habe öfters Gelegenheit gehabt, über den Zionismus zu sprechen mit eminenten Vertretern der jungen Türkei, Freunde — wie sie es ja alle sind — der Alliance israelite Universelle. Ich hegte die Befürchtung,, daß sie diese zu gleicher Zeit reaktionäre und wahnwitzige Bewegung, welche in einem Lande, wie die heutige Türkei, nicht nur mit loyalen Gefühlen, sondern auch mit dem gesunden Menschenverstände unvereinbar ist, ernst nehmen würden. Ich habe immer mit einer wahren Erleichterung feststellen können, daß die Herren-: die sich bei mir erkundigten, sich keinen Illusionen über die Wichtigkeit und die wirkliche Kraft des Zionismus Hingaben. Ich , sehe im Zionismus zwei Elemente: Einerseits.ein zweifellos sehr sympathisches: Das Elend der unterdrückten Israeliten in Rußland und Rumänien, die sich vor einer Wirklichkeit, die sie zerschmettert, in das Gebiet der Träume .flüchten; das andere Element, in meinen Äugen sehr wenig respektabel, ist der. Ehrgeiz, der Reklamedurst gewisser Agitatoren. In den'Ländern, wo die Juden verfolgt werden, kann der Zionismus ein vertröstendes Hirngespinst sein; in der Türkei ist er nur eine Dummheit." Zu äußerst lebhaften Debatten kam es kürzlich in der russischen Duma bei der Beratung des zum § l 'O der Semstwo- Ordnung von den. Nationalisten eingebrachten Amendements, das die Juden von jeglicher Teilnahme an den Semstwowahlen völlig ausschließt.. Nach einigen widerlichen Ausfällen gegen die Juden seitens der Nationalisten, die mit einer temporären Gesetzesbestimmüng zuungunstender Juden sich nicht begnügten, sondern deren Ausschließung von der Teilnahme an den Semstwowahlen für alle Zeiten verlangten, bemerkte der Duma-Abgeordnete Schingariow: „Zu beklagen ist das Land, das seine Bewohner fürchtet, und unglücklich ist die Regierung, die ihre Herrschermacht in der Beschränkung der Rechte ihrer. Schutzbefohlenen erblickt und das heilige Gesetz vergißt, das allen Bürgern des Reiches gleiche Rechte gewährt. Nur unheilvoller Fanatismus und blinder Haß vermögen nicht das Lügengewebe der Judenfeinde auseinanderzureißen, die gegen die rechtlosen Hebräer erhobenen Beschuldigungen zu widerlegen. Die reine Ironie aber ist es. daß unsere Regierung von nationalistischer Seite mit der Wahrnehmung jüdischer Interessen verdächtigt wird — unsere Regierung, die in Wirklichkeit die Juden erbarmungslos verfolgt, ja — zu ihrer Schande sei es gesagt — die Rechte aller nichtrussischen Stämme mit Füßen tritt. Für mich und alle, die gleich mir die Lage unserer jüdischen Mitbürger objektiv beurteilen, ist es klar, daß eine Politik, die von Haß geleitet wird, nicht nur Verbitterung erzeugt, sondern auch gefährlich und für die Regierung im höchsten Grade schädlich ist. Wenn Ihr die Juden ihrer Rechte beraubt, wie dürft Ihr. von ihnen Pflichten verlangen? Wenn Ihr sie von der Beteiligung an den Semstwowahlen ausschließt, so habt Ihr kein Recht, ihr Vermögen zu besteuern und ihnen materielle Lasten zur Erhaltung der Kömnmnen aufzubürden. Das Amendement zum § 10 verstößt nicht bloß gegen die Gerechtigkeit, sondern auch gegen die Vernunft. Die Fraktion der „Volks- Freiheit" hat stetsgegen die Unterdrückung der fremden Stämme, ganz gleich welchen Namen sie führen, protestiert, und so protestieren wir auch jetzt, gegen den, Zusatz zum § 10 der Semstwo-Ordnung, obgleich wir nicht im geringste^ hoffen, daß unser Protest irgendwelche Wirkung haben wird." .In gleicher Weise äußerte sich auch/ der Abgeordnete Ro-drtschow, der mit sittlicher Entrüstung die von den Nationalisten gegen die Juden erhobenen Anklagen zurückwies und es.äls ,-gemein und erbärmlich" brandmarkte, die Juden als I Auswurf der Menschheit zu bezeichnen. Zum Schluß sprachen die jüdischen Deputierten Nisselowitsch und Fried mann, aus deren von berechtigter, . aber leider machtloser Empörung getragenen Ausführung hier nur einige Sätze folgen mögen. Nisselbwitsch bemerkte: „Wenn auf dieser Tribüne Männer austreten, die sich als „Judenfresser" gerieren, so nehmen wir gar keinen Anstand sie zugleich als „Menschenfresser" zu bezeichnen (stürmischer Widerspruch rechts), für welche wir nur folgende knappe Antwort haben: Ihr wollt uns verschlingen, unser Blut trinken (Lachen rechts), wir aber sagen Euch daß es Euch nie und nimmer gelingen wird Die Juden haben die Schlachtbänke und Scheiterhaufen überdauert, aber auch die Reiche und Völker, die sie errichtet hatten, die zum Teil vom Schauplatz der Weltgeschichte verschwanden, zum Teil ein trauriges Dasein, wie z. B. Spanien, fristen. In gesteigerterem Maße als in anderen Ländern bilden die Juden, in Rußland ein unschätzbares Kulturelement. Wenn es Euch gelingen sollte, die Juden zu verschlingen, so dürft Ihr sicher sein, daß Ihr Euch dabei erwürgen werdet." Der Deputierte Fried mann wies darauf hin, daß die Semstwo-Vorlage durch Stolypin schon in die zweite Duma eingebracht worden wäre; sie habe damals keine Beschränkungen gegen die Juden enthalten. Inzwischen hätten sich die Zeiten und mit ihnen auch die Ansichten vieler Deputierten geändert. Diesen aber rufe er zu: „Nicht auf Eure Hilfe hoffen die Juden in Rußland, sie werden ihre bürgerliche Freiheit durch das freiheitlich gesinnte russische Volk selbst erlangen." <V> . Schon in einer der früheren Notizen (Nr. 14, S.159) war. die Befürchtung ausgesprochen worden, es könnte den Juden Rußlands das Recht entzogen werden, im Heere zu dienen. Mit tiefem Kummer müssen wir gestehen, daß diese Befürchtung : einigermaßen dadurch gerechtfertigt ist, daß einzelne Parteien : ' in Rußland die Juden der Pflichtlosigkeit zeihen. Denn in einem Bericht über eine nicht öffentliche Sitzung der Reichsduma heißt es: Der Gehilfe des Chefs des Marinegeneralstabes wandte sich gegen den Vorschlag des Kadetten Balejanski, das Flottenkontingent um 1000 Mann zu vermindern. Der Rekrutenbestand der Flotte sei seit Jahren auf 9595 Mann festgesetzt,, worauf das Marineamt bestehen müsse. Samußlowski (Rechte) wies darauf hin, daß der Grund . für den Fehlbestand an Rekruten hauptsächlich in der Umgehung der Wehrpflicht durch die Juden läge. Im Jahre 1910 seien 20352. Juden einberufen worden, von denen 11 239 sich nicht gestellt hätten, während von 325 733 Russen nur 1441 fehlten. Markow (Rechte) führte aus, die Wehrpflicht der Juden sei für die Armee vonRachteilt Es sei eine Gesetzvorlage nötig, welche die Juden vom Militärdienst ausschließe. Der Berichterstatter erklärte, die Staatsverteidigungskommission finde keinen Grund, die Frage des Ersatzes der Arme e mit der Nationalitätenfrage zu verquicken. Den Antrag Balejanski lehnte er ab. Aus Kiew bringt die „N. I. K." folgende traurige Nachricht: Die hiesige Polizeibehörde fährt fort, das Wohnrecht der hier lebenden Juden zu „revidieren". Sie hat gegen 200 jüdische Familien"einen Prozeß anhängig gemacht, weil diese angeblich nicht ihr Handwerk, üben, auf Grund dessen sie hier das Wohnrecht genießen, sondern sich mit Handel beschäftigen. Es steht leider zu befürchten, das der weitaus größte Teil dieser 200 Familien nach dem Ansiedlungsrayon abgeschoben und ihr Vermögen konfisziert werden wird. * - Derselben Korrespondenz entnehmen wir über die Feier des Jubiläums des Herrn Hsrkavh den nachstehenden Bericht:

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