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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-04-21 · Heft 16 (21.4.1911) · p. Seite 182

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 16 (21.4.1911)
Date
1911-04-21
Page
Seite 182 (sequence 2)
Language
German
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Hingaben ein, erheben Proteste. : Wir halten Versammlungen ab, fassen Resolutionen, agitieren und suchen Stimmung zu machen. Diese verdienstliche Arbeit, in der manche unserer Besten einen Teil ihrer Lebensaufgabe erblicken, soll nicht verkannt und herabgesetzt werden; wir wünschen ihr vollen Erfolg und beteiligen uns an ihr, soweit es in unserer Macht steht. Abei; die Frage möge uns gestattet sein: kann diese Arbeit viel zuwegebringen ohne einen durchgreifenden Umschwung in der allgemeinen Geistesrichtung? Muß nicht das Gefühl für Recht und Wahrheit erst die Oberhand gewonnen haben über Selbstsucht und Lüge, ehe ein Appell an das Rechts- und Wahrheitsgesühl den nötigen Widerhall finden kann? Und ist es vermessen,- dabei auf die Hilfe Gottes zu hoffen, der die Geister lenkt und dessen Walten wir in dem Siege des Rechtes und der Wahrheit erkennen? ' Gewiß, wir rechnen nicht mehr mit Wundern, mit Unterbrechungen des Naturlaufes zu unseren Gunsten, wir haben uns an den Gedanken der Gesetzmäßigkeit alles Geschehens gewöhnt und finden, daß er zu unserer Gottesvorstellung in höherem Grade paßt als der alte Wunderbegriff. Aber auch wenn wir die ältesten biblischen Berichte über den Durchzug durch das Schilfmeer sorgfältig prüfen, finden wir, daß sie durchaus in den Grenzen der natürlichen Möglichkeiten bleiben. 'Was sich damals ereignet hat, Trockenlegung eines seichten Meeresbodens, Zurückströmen der wiederkehrenden Fluten, können wir heute noch alle Tage an den Ufern des norddeutschen Wattenmeeres beobachten. Nicht die Aufhebung der Naturgesetze, sondern ihr Eintreten zu einer Zeit, wo sie der Mensch am allerwenigsten erwartete, hat die späteren Wundererzählungen mit ihren Uebertreibungen und poetisierenden Ausschmückungen veranlaßt. In diesem Sinne ist uns heute noch alles Unbekannte, Unerwartete, Ueberraschende wunderbar. Die eigentlichen Wunder aber liegen für uns auf dem Gebiete des Geistes. Hier, wo nicht blinder Zwang, sondern Freiheit herrscht, wo Zwecke regieren und nicht mechanische Kausalität, dürfen wir auf ungeahnte Wendungen, auf neue Bahnen, aus eine aufsteigende Entwicklung hoffen. Darum nähren wir bei aller tapferen Selbsthilfe, die wir versuchen, in unserem Innern die fromme Sehnsucht nach Zeiten, in denen die scharfen Gegensätze, unter denen wir heute leiden, einer milderen und gerechteren Beurteilung Platz gemacht haben; wir harren auf Tage, wo Gerechtigkeit und Liebe nicht mehr bloße Worte sind, die man im Munde führt, sondern Mächte, die die Herzen erfüllen und die Hände lenken. Kommen diese Tage einst wie der Frühling nach hartem Winter, so wollen wir sie als Gnadengabe Gottes dankbar hinnehmen und seine wundertätige Hilfe lobpreisend anerkennen. Me Mache. Berlin, den 18. April. as Passahfest, wenigstens dessen erste Tage, sind, wie es scheint, ruhig vergangen, ohne daß irgendwo das entsetzliche Märchen des Ritualmordes aufgetaucht ist und seine blutigen Folgen' gezeitigt hat. Statt Märchen aufzutischen, sucht die „Staatsbürger Zeitung" eine geschichtliche Tatsache als ein Märchen zu erklären. Für alle Wahrheits- # liebenden ist es ein unumstößliches Faktum, daß der edle » Kaiser f^riedrich dem Stadtrat Maanus gegenüber den» Antisemitismus als die größte Schmach des Jahr-I Hunderts bezeichnet hat. Dem gegenüber>will das genannte» Blatt dartun, daß sich jene Aeußerung auf einen bestimmten Vorfall, auf die üble Behandlung der Juden, auf widrige ,Prügelszenen während und nach einer Radauversämmlung bezogen habe. Der Gewährsmann der Zeitung soll ein Ohrenzeuge, der Kammerherr Graf B. sein. Es ist kaum nötig, dem Blatt zu beweisen, wie unlogisch es ist-ein Handgemenge als eine Schmach des Jahrhunderts zu bezeichnen,- jene Aeußerung des vorurteilslosen Fürsten ist aber viel zu bestimmt .bezeugt, als daß ein jetzt aus dem Grabe hervorgeholtes Zeugnis etwas dagegen fruchtenkönnte. Daß das Antisemitenblatt es dabei wagt, den verstorbenen Staätrat Magnus, einen Ehrenmann in der schönsten Bedeutung des Wortes der Fälschung zu bezichtigen, soll nur kurz erwähnt werden. * Recht zeitgemäß ist ein größerer Artikel der Münchener Zeitschrift „Natur und Kultur" über das „Märchen von der Brunnenvergiftung durch die Juden". Ein uns zur Verfügung gestellter Auszug lautet so: Mitte des 14. Jahrhunderts setzten in Europa'die grausamen Verfolgungen der Juden ein. 1348 gelangte aus Spanien die Kunde in die Nachbarländer, daß die Hebräer die Brunnen vergiftet und so die Pest erzeugt hätten. Die Anklage war sozusagen Wasser auf die Mühle der „Antisemiten"; sie schürten das Feuer, und die Folge war. ein furchtbarer „Judenbrand". , V Während der polnischen Revolution im 19. Jahrhundert erhoben die Russen öfter die Anklage, besonders polnische Juden vergifteten im Auftrag des Agitations-Komitees die Wasser, um so möglichst viele Soldaten des Zaren kampfunfähig zu machen. Der Artikel bringt nun eine Reihe plausibler Erklärungen dafür, wie diese furchtbaren Anschuldigungen haben Glauben finden können. So heißt es beispielsweise an einer Stelle: In früheren Zeiten, wo Wasserleitungen nicht existierten, wurde das unentbehrliche Naß in den Städten (wie jetzt noch auf vielen Dörfern) an dem meist auf öffentlichen Plätzen befindlichen Brunnen geholt. Nun brauchen an den Wasserbehältern nur einige an der Pest erkrankte oder verendete Tiere z. B: Ratten zu liegen," und die Uebertragung: Ratte (Maus) — Floh — Mensch ist fertig; so haben wir die Erklärung, warum auch bei der Pest von Brunnenvergiftung gesprochen.wird. Politik, Neid, Habgier und andere Triebfedern waren es im allgemeinen, die zu der Beschuldigung führten, daß die Juden die Brunnen vergifteten. Diese Anklagen wurden namentlich Mitte des -14. Jahrhunderts, wo der „schwarze Tod" im- Abendland seine grausige Ernte hielt, erhoben. „Brunnenvergiftung" wurde ebenso zum Schlagwort wie Ritualmord, und einsichtige Zeitgenossen waren sich darüber vollkommen klar, daß als.Ursache der Anklagen „das unendliche Geld, das Barone und Ritter, Bürger und Bauer den Juden schuldeten", in der Hauptsache das Motiv zu der Ermordung usw. der Verhaßten war. Bei den Israeliten gesellt sich als Erklärung, warum gerade sie oft von der Pest verschont blieben, während Andersgläubige davon befallen wurden, hinzu: Im Auge zu behalten ist, daß die Juden durchweg gezwungen waren, in abgesonderten Vierteln, vielfach außerhalb der Städte zu wohnen und ihnen das Betreten der Stadt überhaupt untersagt war. Die Judenquartiere, die Judengassen waren für sich abgeschlossen, .und nur wenn es galt Geld zu leihen oder zu plündern, dann fand man den Weg zu ihnen. . « Das zionistische Zentralbureau in Köln schickt uns einen Briefwechsel, den das Präsidium der zionistischen Organisation mit der Leitung der Alliance israelite geführt hat. Unser Raum gestattet uns nicht, die umfängliche Korrespondenz abzudrucken. Es handelt sich im wesentlichen darum, daß' die Zionisten sich beklagen, die Alliance habe in der Türkei ihre Pläne durchkreuzt, und nun von ihr eine Einwirkung auf Mäßigung der Kampfesweise beider Parteien " verlangt, daß

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