Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1911)
- Date
- 1911-04-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse 75. ^latirxanx Nr. 16 Berlin, 21. April 1911 Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Nuäolk vlosse, SerUn, Jerusalemer Strasse 46/49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-preis: durch den Luch- Handel,ot>er die pofl (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 ITT. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentum;", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, Z» richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin« Tfttftitff Zu Passah - Ende. Vvn S. Hochfeid. — Die Woche. — IJiUJuU« Dr. M. Altschüler. Von I. Mainzer. — Die sechste ordentliche Tagung der badischen Landessynode. — Aus Kroatien. Von Rabbiner Dr. Kaufmann. — Zur Frage der Feuerbestattung. Von Landesrabbiner Dr. Silberstein-Schwerin i. M. — Feuilleton: Beim Lämpchen. Roman von Peter Ujvrlri. — Zeitschriftenschau. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Königsberg i. Pr., Posen, Breslau, Hamburg, Wien, Paris. — Von Nah und>Fern. Lu KMgh-Lndk. Von S. Hochseld. ie beiden letzten Tage des Passahfestes unterscheiden sich von den beiden ersten nur durch die spezielle Erinnerung, die an ihnen haftet, nicht aber durch die allgemeinen Festgedanken, die sie wachrufen. Freiheit! ist die Botschaft, die auch sie dem Israeliten künden, nur gesellt sich zu dieser Freiheiisbotschaft der Hinweis : auf die eigentümlichen Umstände, unter denen sie vor Jahrtausenden zum zweitenmal an die Unterdrückten und Verfolgten erging. Das israelitische Volk hatte die Erlösung von der Knechtschaft eine kurze Spanne Zeit bereits gekostet, es hatte sich gewiß schon in überschwenglichen Hoffnungen von künftigem Glück und Heil gewiegt, da drohte die Verfolgung durch den Aegypterkönig alle Hoffnungen jäh zuschanden zu machen. Es waren furchtbare Stunden, die Mose und seine Getreuen! durchlebten, als sie am Schilfmeer das Herannahen der Feinde erwarten mußten; es stand ihnen der sichere Tod bevor oder, was noch schlimmer war, die Vernichtung des kaum begonnenen Freiheitswerkes. Da schuf das Eingreifen Gottes einen Ausweg, auf den niemand vorbereitet gewesen, die Fluten des Wassers teilten sich, und auf schmalem Pfade zwischen den Wellen konnten die geängstigten Scharen sich retten. Wir fragen heute mit Recht bei jeder geschichtlichen Erinnerung, die wir begehen, was soll sie uns, was können wir aus ihr lernen -und welche Aufschlüsse für unser eigenes Leben aus ihr gewinnen. Uns scheinen Beziehungen zwischen jenen uralten Vorgängen und der Gegenwart in doppelter Hinsicht vorzuliegen. Wir können aus ihnen Belehrung schöpfen sowohl in bezug auf die politische Lage, in der wir uns befinden, als auch im Hinblick auf die Besserung, die wir anstreben. Die eine Beobachtung drängt sich gewiß'dem unbefangenen Beurteiler unserer Zeit sofort aus: wir haben schon schönere Tage gehabt, als wir sie heute durchleben müssen-, Tage, vergoldet durch das Morgenrot der Freiheit, das uns nach langer Nacht der Knechtschaft aufgegangen war wie. unseren Vätern in Aegypten. Wir machen heute dieselbe Erfahrung wie die Israeliten nach dem Auszug: es tut unseren Machthabern im innersten Herzen leid, die bürgerliche Befreiung der Juden zugelassen oder gar gefördert zu haben. Weite Kreise in unserem Vaterlande betrachten unsere Gleichstellung als einen schweren Politischen Fehler, der vor Jahrzehnten vielleicht nicht zu umgehen war, den man aber jetzt] durch Verwaltungsmaßnahmen soviel wie möglich wieder? gut zu machen habe. Wir stehen im Zeichen des Rückschritts. « Um diese Tatsache zu erweisen, bedarf es kaum der Aufzählung bestimmter Einzelheiten. Wir fühlen allesamt, daß es so ist. Sonst könnte der Gedanke an die letzten Militärdebatten im Deutschen Reichstag, an die hartnäckige Verweigerung der Osfiziersehren von seiten der regierenden Kreise auch dem Vertrauensseligsten die Augen öffnen. Ist die jüdische Bevölkerung feit 25 Jahren körperlich und moralisch so minderwertig geworden, daß man. ihr vorenthalten muß, was man ihr bis dahin in gerechter und verständiger Auswahl anstandslos gewährt hat? Ist es nicht eine Beschämung sondergleichen, wenn man jüdischen Vätern, die selber die Epauletten in Ehren tragen durften, behördlich bescheinigt, daß sie ihren patriotischen Geist und ihren unantastbaren Charakter auf ihre Söhne nicht zu vererben vermocht haben? Doch wer will bei dieser Ungerechtigkeit verweilen, von der doch nur ein geringer Bruchteil unserer Brüder betroffen wird, und all die zahllosen Ungerechtigkeiten verschweigen, unter denen unsere Gesamtheit täglich und stündlich zu leiden hat! Ganze Erwerbsgebiete, die ehemals den Juden ebenso wie den Christen offen standen, werden heute wie auf Verabredung ihnen verschlossen. Es gibt Industrien und Handelszweige, die'sich mit Stolz rühmen, judenrein zu sein. Die wissenschaftliche Laufbahn sucht man schon dadurch den Bekennern des rechten Glaubens zu reservieren, daß man die, untersten Volontär- und Assistentenstellen nur noch an die Inhaber eines Taufscheins vergibt. Stände heute einer unserer Vorkämpfer auf, der noch den Fortschritt der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts mitgemacht hat, er würde vielleicht in die Worte des Meister Anton aus Hebbels „Maria Magdalena" ausbrechen: „Ich verstehe die Welt nicht mehr."/ Die eine Parallele zu unserer Festerinnerung scheint zu stimmen; wir hatten die Freiheit schon mit vollen Zügen ge-, kostet, wiegten uns bereits in seligsten Hoffnungen und müssen nun eine Enttäuschung nach der anderen erfahren. Die andere Parallele zu ziehen, auf ein übermächtiges Eingreifen Gottes, auf ein Wunder zu hoffen, das der Freiheit eine Gasse bricht, dazu fehlt uns heute der Glaubensmut. Wir versuchen es ' statt dessen mit der Selbsthilfe, wir wehren uns so gut wir können, Wir organisieren uns, rütteln die Lauen auf, reichen