Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1911)
- Date
- 1911-04-14
- Page
- Seite 180 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Typus als der vornehmere galt. Auf solche vage Indizien gründen die Rassefanatiker ihre Hypothese von der ursprünglichen Identität deH Germanen und Indogermanen und ihre Lehre vom Pangermanismus, der zu ergötzlichen Phantastereien führt, von denen Zollschän einige Proben gibt. Was die Frage nach der Rassebeschaffenheit der heutigen Juden betrifft, so läßt sich nichts weiter sagen, als daß frer ein Mischvolk sind, das von der Umgebung, in der die Juden seit' Jahrhunderten leben, mehr oder minder beeinflußt ist. Ich habe darüber eingehender im „Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur von 1910" gesprochen und verweise also aus das dort Gesagte. Viel wichtiger als die anatomischen Merkmale, als blonde oder schwarze Haare, blaue oder dunkle Augen ist für die Entstehung des sogenannten jüdischen Typus der Einfluß des. Milieus, die Ausprägung der Gesichtszüge; des Mienenspiels, der Gesten und Sprachgewohnheiten usw. .Das Fehlen der erwähnten jüdischen Eigentümlichkeiten verwischt bald bei der Mehrzahl der Juden fast jeden Unterschied zwischen ihnen und ihrer Umgebung, und dieser Umstand ist die beste Widerlegung jeder Rassetheorie. Auch dieser Punkt kommt bei Zollschän zu wenig zur. Geltung. Freilich verkennt er die Gefahren der Assimilation an die Umgebung, für das Judentum als solches nicht und stellt in ausführlichen Tabellen die Verluste dar, die es durch Taufen, Mischehen und religiöse Indifferenz im Laufe der letzten Jahrzehnte erlitt und noch fortwährend erleidet. Er erblickt eine Garantie für den Fortbestand des Judentums nur im engen Zusammenleben seiner Bekenner in einer Art moderner Ghettos, wie sie sich in New Aork und London herausbilden, oder in einem gemäßigten Zionismus, der den Juden wieder eine Stätte kompakten Zusammenwohnens in Palästina oder sonstwo verschaffen soll. Im übrigen urteilt er über die Zukuttftsaussichten des Judentums höchst pessimistisch. - Die vorstehenden Zeilen können von dem reichen Inhalt des Buches natürlich nur eine dürftige Vorstellung geben. Alle Anerkennung verdient die erstaunliche Literaturkenntnis und der Fleiß des Verfassers; wir hätten nur etwas mehr selbständiges Urteil auch in wissenschaftlichen Fragen gewünscht. Doch da ein solches nicht in der,Absicht des Verfassers lag, so können , wir sein Fehlen höchstens bedauern. Allen Juden, die an der Enstehungsfrage ihres Volkes , und an. seinen Zukunftsaussichten Anteil nehmen, ist die Lektüre des Buches dringend anzuraten; es wird sie über manche dunkle Fragen aufklären und zu erneutem Nachdenken anregen. ' Sigmund Feist. * — Frances Külpe: Doppelseele. Roman. München und Leipzig bei Georg Müller. 1910. Dieser Roman von 529 Seiten ist die Bildungsgeschichte eines Architekten Heinrich Stürmer, eines Mannes mit wunderbaren Anlagen, feurigem Temperament und einer ungeheuren Lebenskraft und ebenso starkem Liebesbedürfnis. Er spielt, wie die Dichtungen der Verfasserin überhaupt gern, in Livland und hätte als Ganzes, so bedeutsam vieles darin ist, keinen Anspruch daraus, in diesen Blättern besprochen zu werden, da der Held des Romans selbst und die unzähligen jungen Damen, mit denen er zeitweise irr Beziehung tritt, nichts mit Juden zu tun haben. Aber wichtig ist er für uns, weil zwei jüdische Personen, nicht nur episodische Figuren sind, sondern in großen Abschnitten des Werkes mächtig in die Handlung eingreifen, das sind: der Hauslehrer des Helden Isidor Cohn, und dessen Cousine Mirjam Falk. Der erstere, der in dem Hause des christlichen Architekten sehr wohl ausgenommen, ja einmal auch energisch gegen eine ihm widerfahrene Unbill verteidigt wird, ist ein körperlich siecher, aber geistig hochbedeutender Mensch, eine Jdealgestalt sittlicher Größe und Entsagung, der den entschiedensten Einfluß aus seinen Zögling ausübt, aber nach einer Unmanier der Dichterin, einfach. verschwindet, sobald sie ihn nicht mehr brauchen kann. Die andere, eine schöne, lebensprühende Tänzerin, die an dem schönen Christen, den sie im Hause ihrer Verwandten .sieht, Wohlgefallen findet, ihm ihre Liebe schenkt, aber es dann ruhig fertig bringt, ein Engagement in Petersburg anzunehmen und ein paar Jahre später auch nichts dagegen hat, sich von einem reichen jüdischen Fabrikanten heiraten zu lassen. Diese beiden, so sehr verschiedenen jüdischen Persönlichkeiten, sind mit ganz-besonderer Teilnahme gezeichnet. Ebenso auch die Eltern des Erstgenannten. Sonst kommen nur gelegentliche Bemerkungen über Schulgenossen des Helden des Romans vor, wobei - es nichtganz-ohne-spöttische. Bemerkungen abgeht. Der ganze Roman Ist auch der Beachtung in unseren Kreisen wert, denn es ist ein Werk voll seiner psychologischer Bemerkungen, trefflicher Charakteristikenauch sehr interessant wegen seiner Schilderung russischer Zustände und russischer Landschaften. ■ - - ■ ■ L. G. ' Sxrechsaal. Sehr geehrte Redaktion! ^^estatten Sie, bitte, dem Unterzeichneten zu der Notiz: „Z Ur Sch ächtfrage" in einer der letzten Nummern Ihres geschätzten Blattes (Seite 135) einige Bemerkungen. Sie schreiben: „Für die Richtung, welche unser Blatt in erster Linie verfolgt,' besteht die jüdische Religion nicht ausschließlich in der Beobachtung ritueller Vorschriften." Damit soll doch wohl nicht gesagt sein, daß es im Judentum überhaupt eine Richtung gibt, für die tatsächlich die Beobachtung ritueller Vorschriften den ausschließlichen Inhalt der Religion bildet.' Es ist doch überall nur dies die Frage, ob und in welchem Grade außer den sittlichen auch die rituellen Gesetze zu beobachten sind. Dies sollte auch in. der Hitze des Parteigefechts jeder gegnerischen Richtung zugegeben werden. Zu noch lebhafterem Widerspruch fordert meines Erachtens dep Schlußsatz der Notiz heraus: Es.handle, sich zwar bei der Vielweiberei der Mohammedaner und bei der Witwenverbrenuung der Inder um Vorgänge, die der öffentlichen Moral widerstreiten, dagegen käme bei dem' Schächten „höchstens Tierquälerei" in Betracht. Widerstreitet etwa Tierquälerei der öffentlichen Moral nicht? Oder war etwa Tierquälerei den Israeliten nicht schon längst ein Greuel, als Vielweiberei noch bei ihnen zugelassen war? Gerade vom Standpunkt des Judentums muß mit Entschiedenheit betont werden, daß das Schächten als religiöse Satzung nur deshalb aufrecht erhalten werden kann, weil es nach dem Urteil der Wissenschaft nicht nur die hygienisch zweckmäßigste, sondern auch die mildeste^ Tötungsart darstellt. Wäre das Schächten nachweisbar Tierquälerei, so wäre es mit den höchsten Grundsätzen des Judentums nicht im- Einklang, und die Juden selbst würden sicherlich die ersten sein, die gegen die altgeheiligte Institution in ihrer eigenen Mitte den Kampf eröffneten. Uebrigens ist es nicht so wunderbar, daß der rationelle und ethische Wert der Einrichtung von der modernen induktiven Wissenschaft bestätigt worden ist. Beruht sie doch aller Wahrscheinlichkeit nach in allen ihren Einzelheiten auf den praktischen Erfahrungen, die bei Gelegenheit des täglichen Opserkults während eines sehr langen Zeitraums von den Priestern gesammelt wurden, also Männern, die zur geistigen Elite der Nation gehörten. Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. phil. M. Friedländer. * n Graetz' Geschichte der Juden, Band VIII, Kapitel 4, Ans., lautet _ Anmerkung 1: „Zacutta ... DTlKDfc "IfiV .. . Filipowski D'SbK 'Dä *im\ gewiß eine zu geringe Zahl." Ich habe den seligen Graetz darauf hingewiesen, daß hier nur ein Druckfehler vorliege und daß statt gelesen werden müßte. Darauf schrieb er mir am 7. Februar 1885: „Ich danke Ihnen sehr dafür, daß Sie mich aus Errata in meiner Geschichte aufmerksam gemacht haben. Die Korrektur '1 statt ist gewiß richtig, und , ich wundere mich, daß ich nicht darauf gekommen bin. Wenn man aber einen Wust von Literatur durchlesen und im Kopfe behalten muß, kann man leicht zu Dummheiten kommen." Die Bemerkung ist nachmals wohl in Vergessenheit geraten. Bei einer künftigen Auflage sollte sie nicht unberücksichtigt bleiben. Tilsit. V .. . Ehrlich. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bäuchwitz in Berlin.