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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-04-14 · Heft 15 (14.4.1911) · p. Seite 178

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 15 (14.4.1911)
Date
1911-04-14
Page
Seite 178 (sequence 10)
Language
German
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„Ich bin ein schlechtes Ding," schalt , sie sich, „und neidisch bin ich auch." Und, wie um ihr Gewissen zu entlasten, fuhr sie mit dem Herbeischaffen der Ausstattung noch eifriger fort, und quälte sich noch mehr mit dem Entwerfen der Pläne, auf welche Art und Weise sie Liweitzer mit Blümele zusammenbringen könnte. Das Problem erschien ihr jetzt schwieriger denn je, und sie setzte auch kein solches Vertrauen mehr in das Gelingen des Plans. Sie befürchtete vielmehr, daß Liweitzer den Antrag zurückweisen würde. Trotzdem gab sie das Projekt nicht ganz aus. Das würde doch das arme Mädchen sehr betrüben. Gott bewahre, daß man ihr von neuem Kummer bereite. Nun denn, Samstag wird sie die Sache zu Ende führen. Sie wird nicht mehr so einfältig seinwie das-vorige Mal. Indes bereitete sie sich vergeblich vor. Der Sabbat traf wohl pünktlich ein, doch Liweitzer kam nicht. Eschkeles brachte an seinerstatt einen anderen Bocher, denn ohne Bocher kann man das Mittagessen am Sabbat nicht verzehren. „Und unser Bocher?" fragte Frau Eschkeles. „Ich höre, daß er krank ist," erwiderte Reb Kolmen. Esterchen erbleichte; ein Glück, daß man es nicht sah. „Was fehlt-ihm?" V Srole Posbenak, der Ersatz-Bocher, wetzte seine Kehle. Er wußte, daß jetzt an ihn die Reihe käme. „Was fehlt ihm?" wandte sich jetzt Frau Eschkeles an ihn. „Eigentlich weiß nur der Rebbe, was geschehen ist; wir ahnen es nur. aber es kann wahr sein, was wir ahnen, denn so etwas ist schon geschehen." - Jeder wollte wissen, was denn eigentlich geschehen sei. Srole Posbenak wetzte abermals seine Kehle: „E hot awode Elije Nuwe deblickt."^ Verwundert lauschte man dieser Neuigkeit, und Srole Posbenak tat es unendlich wohl, sich auf diese Art in-den Mittelpunkt des Interesses gesetzt zu haben. „Es geschah," fuhr er fort, „daß der Rebbe abends den Sohar hineinbringen ließ und auch Gedalje bei sich behielt. Er fragte ihn, ob er in der Mikwe* 2) gewesen war. Gedalje bejahte. Dann fragte er ihn, ob er Donnerstag gefastet habe. Gedalje sagte, er habe gefastet. „Nur am Donnerstag," fragte der Rabbi. Gedalje schwieg und da wußte der Rabbi, daß er nicht bloß am Donnerstag gefastet habe. Denn Gedalje ist ein Heiliger, und der andere Haus-Bocher sagt, daß er sich seit dem vorigen Sabbat ganz verändert habe. Schon am Sabbat war er ganz anders als sonst. Am Sabbat-Nachmittag hat er Perek gesagt, und wie er ihn gesagt hat, war es,- als ob die Schechine3) auf seiner Stirn geleuchtet hätte." „Perek hat er gesagt?" fragte Esterchen, und ihre Stimme bebte.; „Perek hat er gesagt," erwiderte Srole Posbenak. „Das ist ein Wunder, aber kein solches Wunder, denn Gedaljt ist kein gewöhnlicher Mensch. - Und der zweite Häus-Bocher hat auch gesagt: „Es is eppes Kabole drin."4) Nun, er müßte Perek sagen, und er hat Perek gesägt. Am darauffolgenden Montag hat er gefastet und am Dienstag nur Brot gegessem Am Mittwoch hat er auch nichts Warmes genommen und am Donnerstag wieder gefastet. Und Freitag hat ihm der Rabbi gesagt, er möge den Sohar hereinbringen, und er trug den Sohar hinein. Und sie haben bis Mitternacht den Sohar gelernt. Um Mitternacht sagt ihm der Rabbi: y Er hat sicherlich, den Propheten EliaS erblickt,; 2) Das rituelle Bad. 3) Ueberirdischer Glorienschein, soviel als heiliger Geist. 4) Es liegt etwas Mystisches in dieser Sache'.? „Gedalje, bist Dü krank?" Gedalje verneinte. „Gedalje, dazu gehört Kraft." sagt der Rabbi zu ihm, „bist Du stark genug, Gedalje?" Gedalje sagt, daß er stark genug sei. „Dazu gehört viel Glaube, Gedalje," sagt zu ihm der Rebbe. „Hast Du genug Glaube dazu?" Gedalje erbleichte und schwieg. „Gehe schlafen, Gedalje," sagte der Rabbi. Gedalje ging aus dem Zimmer. Eben schlug die Uhr die Mitternachtsstunde, und er war müde. Als er die Tür hinter sich zumachen wollte, erfaßte' ihn ein Schwindel, so daß er sich an den Türpfosten anlehnen mußte und durch die Türspalte indas Arbeitszimmer des Rebben hineinblicken konnte. Das Zimmer des Rebben — Srole dämpfte geheimnisvoll die Stimme — war voll mit weißem Feuer, und der Rebbe saß in dem weißen Feuer, und neben ihm saß jemand, der aussah, wie im weißen Feuer das rote Leuchten. Gedalje meinte zu erblinden, er schrie laut auf und brach zusammen. So hat ihn der zweite Haus-Bocher gefunden, und als er ihn fragte, was ihm fehle, da hat Gedalje nichts geantwortet, sondern gezittert, weil ihn das Fieber schüttelte. Und als er ihn zu Bett brachte, sprach er auch nicht. Nur später, als er eingeschlafen ist, hat er gesprochen." „Was hat er gesprochen?" fragte Gitl, die gespensterhafte Geschichten außerordentlich liebte. Er sagte: „Rebbe, ich hab^s nicht wollen. Ich habe meine Augen gesenkt, Rebbe, und mein Herz verschlossen, und ich habe sie doch gesehen. Ich kann nicht dafür, daß ich sie gesehen habe. Ich habe gefastet, Rebbe, und habe mich kasteit, aber darum bin ich doch nicht rein. Ich habe gelernt, doch ich wußte nicht, was ich lerne, ich .Habe ., gebetet, doch ich wußte nicht, was ich^bMr; Mp ich habe geweint, geweint. Und die Tränen brannten mich, weil ich in meiner Seele Feuer Ätspütte'': Feuer! Feuer! Ich habe Feuer gesehen! . . Srole Postbenak verschlang ein halbes Ei und schloß dann seine Erzählung: „Er hat Feuer gesehen. Er hat es im Zimmer des Rebben gesehen. Und das Feuer, das war kein Feuer, sondern es war ein Prophet oder etwas anderes." „Was konnte es sein?" fragte Gitl und legte einen großen Schenkel auf des Bochers Teller. „De heilige Schechine," sagte Srole mit Ueberzeugung und nagte mit Begeisterung das dicke Fleisch vom Schenkel herunter. Reb Kolmen Eschkeles schwieg. Man hätte gern seine Meinung gehört, doch er war ein kluger Mann und schwieg. Die Frauen indessen sprachen während der Mahlzeit nur davon. Sie nahmen gar keinen .Anstoß an dieser Geschichte; hatten sie doch dergleichen mehr als einmal gehört. Der Rabbi ist ein heiliger Mann, ein großer Kabbalist, kein Wunder wenn er mit dem Propheten. Elms befreundet ist. „Gut, gut," sprach, schließlich Reb Kolmen, „das alles ist sehr schön, doch, davon wird der Bocher nicht gesund. Es wäre gut, mein Kind," sagte er zu seiner Frau gewendet, „wenn man ihm etwas schicken würde. Vielleicht etwas Milch oder eingekochte Früchte." Frau Eschkeles packte sofort einige Gläser voll eingesottenen Obstes, feine Bäckereien, etwas Milch und Wein in einen Korb. . Das Absenden war viel umständlicher. Den Dienstboten allein kann man nicht damit betrauen, da ist eine Begleitung

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