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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-04-14 · Heft 15 (14.4.1911) · p. Seite 177

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 15 (14.4.1911)
Date
1911-04-14
Page
Seite 177 (sequence 9)
Language
German
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'S loift arurn a kühles Windel Glättendig die lange Zweigen Vun die Baimer, welche stehen Vor die kleine Ghettohaislech Still verlosten — Un zum Mitten Mark, dem Brunnen, Kummen Jünglech, schöppen Wasser, 'S sennen dort schoin kleine Waiblech, Halb verschlosen mit die Krüglech, . Stehn sei wartendig beim Brunnen, Un es reißen sich die Jünglech, Schlägen, schreien, un a Machne Neie Kinder kummen on- Langsam öffnen sich die Türen, Zum Bes-Medresch gehen Jüden, Tritt bei Tritt, in Seid un Atles, Asoi glücklech un zufrieden. 'S warst die Sunn noch matte Strahlen, Un die Luft werd kühler, weicher. Un dos kleine Ghettostädtel Werd vun Obendscheenkeit reicher . . . Rädlech Jüden steh'n zusammen Var der Schül un var'n Bes-Medresch Un derzählendig sich Maaßes Kucken sei zu stehen Steren . . . Jünglech spielen, jogen, tanzen Un die Tates schreien: „Stiller!" — 'S warft die Sunn die letzte Strahlen, Un die Luft werd kühl un kühler. Dunkler werd die Welt, vertrachter. In Bes-Medresch w^rd schoin lechtig! Un die stille Mbenhälslech^a^ , 'Steh'n vercholemt asor prächtig.v*-..- 'S scheint as 's schmeichelt Gott vun Himmel Blickendig zu seine Jüden, Langsam gehen sei ihm loiben Asoi dankbar un zufrieden ... Salamon Dembitzer. / Osllah. 0ie ziehen hin durch der Wüste Brand, Die lang' geknechtet in Feindes Land. Die Herzen schwellen in junger Kraft, Da nun verronnen die grause Haft. Kein grimmer Späher den Kindlein droht, Sie sind errettet aus Qual und Not; Und die Luft durchzittert ein einziger Schrei: „Singet und jubelt! Frei sind wir, frei!" Ein Seufzen klinget so tief und schwer. Aus Ghettomauern dringt bang' es her. Dort draußen strahlet des Wissens Licht, Die düstern Kerker erhellt es nicht. Ta endlich naht der Erlösung Zeit, Die Tore öffnen dem Tag sich weit, Und es brechen die Bande der Tyrannei; „Jauchzet dem Herren! Nun sind wir frei!" Und die gelechzt nach der Sonne Schein, Sie treten stolz in der Kämpfer Reih'n; Ein strebensfrohes, ein stark Geschlecht, Das mutig streitet für Wahrheit, Recht. Sie trinken dürstend der Weisheit Quell, Still wird ihr Sehnen, das Aug' wird hell. Es fluten Ströme, die lang vereist. — „Zum Licht, zur Höhe. — Frei ist der Geist!" Sophie Jacobsohn. Lrim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. Berechtigte Uebersetzung von Rosa Trencsöni. X. 3ch bin doch neugierig," sagte er im Selbstgespräch, „warum man heute keinen Perek sagen könnte?" — Esterchen schämte sich ihres Fehlgriffs. Ach, was mochte Liweitzer von ihr denken? Gewiß hielt er sie für sehr unwissend und verlachte sie im stillen. Esterchen wurde blutrot, als ihr dieser Gedanke durch den Kopf fuhr. Sie wunderte sich stelbst über ihre Empfindlichkeit und wollte sich einreden, daß es sie ihres Vaters wegen schmerze, denn die Mängel der Kinder fallen bekanntlich auf deren Eltern zurück, , Gott bewahre, daß sich die Sache verbreite! Wie würde man das verdrehen, verunstalten! Am Ende würde man auch, ihrem Vater schauderhafte Ungeheuerlichkeiten andichten. Zuweilen schalt sie sich dann selbst. Warum kränkte sie sich doch wegen dieser Sache? Mag doch jener Liweitzer denken, was er will, was kümmert das sie? Er geht sie doch nichts an, dieser Liweitzer; er ist doch nur ein Bocher, den sie nie bemerkt hätte, wenn ihr nicht der närrische Einfall gekommen wäre, ihn mit Blümele Beer zu verheiraten. Es tat ihr wohl, sich derart über die Unannehmlichkeit hinwegzusetzen, doch auch das beruhigte sie nicht ganz, denn sie war viel zu klug und viel zu gerecht, um diese geringschätzende Beweisführung für begründet zu halten. Jener Liweitzer war keine Null. Sie sah ihn ein-, zweimal in talmudischem Disput mit ihrem Vater, und wie wuchs da seine gebeugte Gestalt, wie klang da seine Stimme, wie brannte da sein Auge, wie leuchtete da die Intelligenz von seiner. Stirn. Da war an ihm keine Spur von Aengstlichkeit, von demütiger Unterwürfigkeit zu sehen; er sprach fest und entschlossen. Dieser Liweitzer war keine Null. Liweitzer war ein bedeutender Mann. Manches andere kam ihr noch in den Sinn, was, wenn man Männerwert abschätzt, nicht besonders wichtig ist. Es fiel ihr ein, daß auch das Aeußere dieses Liweitzer auffallend interessant war. Er war hochgewachsen^ breitschultrig und sehnig; sein Gesicht eigenartig bleich, doch beinahe ideal schön. Schau dir nur an, was für ein Glück diese Blümele hat! Nicht jedes arme Mädchen bekommt einen solchen Mann und auch nicht jedes reiche Mädchen. Ach, wie schlecht man ihr doch heute das Bett gemacht hatte. Sonst sank ihr Köpfchen weich in das feine Leinenkissen, Heute war es ihr, als ob sie auf Steinen läge, sie wälzte sich bis zum Anbruch des Morgens herum ohne einschlafen zu können. Dann schlief sie ein und träumte. Sie dachte, daß sie eine große Dummheit begehe, wenn sie. sich bemühe, jene beiden unpassenden Menschen zusammenzubringen. Blümele ist ein einfaches Mädchen, und Liweitzer braucht keine solche Frau. Liweitzer könnte, eine andere Frau brauchen: Eine schöne, reiche und gebildete Frau — wie sie es ist. Schon im Traum erbebte.sie bei diesem Gedanken. Und als sie erwachte, hatte sie ein Gefühl, als ob sieetwas sehr Ungebührliches begangen hätte und als ob sie schweres Schuldbewußtsein drücken müßte.

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