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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-04-14 · Heft 15 (14.4.1911) · p. Seite 175

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 15 (14.4.1911)
Date
1911-04-14
Page
Seite 175 (sequence 7)
Language
German
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erste kantorale Funktionen heran. So oft Deutsch vor-; betete, errang er mit feiner großen wohlgebildeten Tenorstimme und seinem künstlerisch abgeklärten Vortrag ungeteilten Beifall. Sein Gesang lockte viele Zuhörer ins Gotteshaus und verschaffte ihm viel Ruhm und Anerkennung. Alle prophezeiten dem 2. Wiener Kantor eine große Zukunft, und sein Ruf drang weit über die österreichische Hauptstadt hinaus. Der Wiener Gottesdienst galt in den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts als Muster und Vorbild für die jüdischen Gemeinden der Diaspora. In den jüdischen Gemeinden Nordeuropas regte sich ebenfalls der Wunsch nach einem geregelten Gottesdienst. Zu diesen gehörte auch die Hauptstadt Schlesiens, Breslau. Diese hochgebildete Gemeinde berief zur Realisierung der gottesdienstlichen Neuerung ihren ersten zeitgemäßen Kantor in der Person Deutschs aus der Kaiserstadt Wien. Sein Probevortrag fiel glänzend aus. Er begeisterte die Gemeinde durch seine vorzüglich geschulte, wohlklingende und umfangreiche Tenorstimme. Sein Vortrag war künstlerisch vornehm und von tiefem Verständnis für die hebräische Sprache durchdrungen. In Deutsch war vieles zur höchsten Vollkommenheit vereinigt. Er war Chasan, Sänger, Komponist, vielseitig gebildet. So ausgerüstet für das Vorbetersach trat Deutsch am 20. November 1844 sein Amt in Breslau an. Hier bot sich ihm ein weites Arbeitsfeld. Ohne Muße und Ruhe gab er sich seiner großen Aufgabe hin, den Breslauer Gottesdienst nach dem Muster seines großen Meisters und Lehrers, Sulzer, zu gestalten. Zunächst organisierte er einen gemischten Chor, studierte mit demselben die gottesdienstlichen Gesänge und brachte dessen Leistungen auf eine künstlerische Höhe. Der Beifall des Kantors und des Chores steigerte sich mit jedem Gottesdienst, und die Gemeinde drückte oft ihre große Zufriedenheit dem neugewählten Kantor aus. Der neugeschassene Kultus lockte auch Andersgläubige ins Gotteshaus, und Deutschs hervorragende Fähigkeiten wurden auch von Musikern nichtjüdischer Konfession anerkannt und gewürdigt. Kein Wunder, wenn Deutsch zur solistischen Mitwirkung in Oratorien aufgefordert wurde. Deutsch entledigte sich der ehrenvollen Aufgabe mit künstlerischem Geschmack, und die Tageszeitungen hoben die Beherrschung des oratorischen Stils sowie die geschmackvolle Vortragsart beim Solisten hervor. Allein Deutsch begnügte sich nicht mit dem Errungenen. Er studierte weiter bei den hervorragendsten Musikern Breslaus, wie Dr. Baum gart, Mosevius und Seidel und war bestrebt, die gewonnenen Kenntnisse auf das Kantorat zu verwerten. Deutsch brachte nicht allein die Sulzerschen Gesänge im Gottesdienst zur höchsten Vollendung, sondern er entfaltete auch seine eigene Muse hierbei. Mit allen musikalischen Gesetzen ausgerüstet, komponierte er Chöre und Rezitative für den Gottesdienst. Alle seine Gesänge tragen den Stempel eines bedeutenden Chasan und eines hervorragenden Musikers. „Es tut not," schrieb er „daß der Komponist sich in den' Geist des heiligen Textes versenke, dem er in Tönen einen erhöhten Ausdruck verleihen will; da ist unerläßlich, daß er ganz erfüllt sei von jenen heiligen Gefühlen, die er in einer zur Andacht versammelten Gemeinde wecken will." Unter dieser Anschauung vertonte Deutsch die hebräischen Gebete. Kein Wunder, daß seine Gesänge bei dem Beter tiefe Andacht hervorriefen und, sein Ruf weit über seine Wirkungsstätte hinaus drang, der Breslauer Gottesdienst wurde als Muster und Vorbild für viele deutsche Gemeinden hingestellt. Nach solchen Erfolgen' wurde Deutsch.aufgefordert, eine Kantorenschule einzurichten, deren Zöglinge als Religionslehrer am Rabbinerseminar zu gleicher Zeit ausgebildet werden sollten. Wahrlich ein herrlicher Gedanke! Stimmbegabte deutsche Jünglinge strömten nach Breslau, um sich die edle Gesangsmethode des Meisters Deutsch anzueigneuund auch zugleich am Rabbinerseminar ihre Religionslehrerprüsung zu absolvieren. Deutsch ging mit großer Liebe und Aufopferung ans Werk, und viele Kantoren, die noch heute in großen Gemeinden amtieren,. verdanken Deutsch ihre Ausbildung. Der Unterricht erstreckte sich auf alle Disziplinen, die ein Kantor in einer gebildeten Gemeinde nötig hat. Vor allem sollten die Eleven aus dem Mund des Meisters das alte Chasonus in modernem Geist vernehmen. Deutsch fixierte die altjüdifchen Intonationen und brachte dieselben seinen Zöglingen bei. Auch das moderne Rezitativ wurde im Institut doziert, um die angehenden Kantoren vielseitig für ihren Berus vorzubereiten. Alle diese Gesänge sammelte Meister Deutsch und veröffentlichte sie später nach einer 15 jährigen segensreichen Dozenten-Tätigkeit in einer Sammlung, „Vorbeterschule" genannt. Seiner Bedeutung für das jüdische Kantorat entsprechend, zeigte der allgemein bewunderte und verehrte Meister Deutsch großes Interesse für alle Erzeugnisse auf dem synagogalgesanglichen Gebiet. Ein aus der Feder des Königsberger Kantors H. Weintraub erschienenes Werk »Leime bes adonoj,, veranlaßte Deutsch zu einer musikwissenschaftlichen Auseinandersetzung, die noch heute von großem Interesse ist, und die ich daher hier wiedergebe. Sie lautete: „Unsere traditionellen Melodien sind in drei Hauptgruppen einzuteilen. Die erste Gruppe bilden diejenigen Melodien, die dem modernen System angehören. Sie wurden und werden noch immer seit dem vorigen Jahrhundert von den Juden in Deutschland gesungen. Sie sind die einfachsten aber auch die profansten von allen und bezeichnen ungefähr die Stufe, auf welcher auch der Kirchengesang im Iß. Jahrhundert stand, als das Konzil von Trient seinen vernichtenden Tadel über die damalige mit unheiligen Liedern vermischte geistliche Musik aussprach, und Palestrina mit der Reform derselben beauftragt wurde. Nur mit dem Unterschied, daß die Melodien in der Kirche durch den Kontrapunkt künstlich verdeckt und dadurch dem Wahrnehmen des Laien fast ganz entzogen wurden; während unsere Melodien immer einstimmig gesungen, jedem Empfänglichen leicht zugängig waren. Eine zweite Gruppe bilden die Melodien, die weder einem neuen noch einem alten Tonsystem, soweit unsere Nachforschungen reichen, angehören. Die bei weitem größere Zahl derselben verdankt ihre Entstehung wahrscheinlich den unter slawischen Völkern lebenden Juden. Wie alt sie sind, ist schwer zu sagen; allein; mögen sie nun einem orientalischen, vielleicht gar einem mit den Griechen untergegangenen enharmonisch-chromatischen Klanggeschlecht entsprungen sein, oder mögen sie im Abendlande unter dem Einfluß des slawischen Nationalgesanges entstanden sein, so viel ist gewiß, daß eine fortschreitende Entwicklung in ihnen nirgends wahrzunehmen ist, und daß sie alle auf der gleichen Stufe des Naturgesanges außerhalb aller rhythmischen, modulatorischen und harmonischen Gesetze stehen. Eine dritte Gruppe endlich bilden die Synagogal- Jntonationen „Chasonus". Diese scheinen am meisten zu der irrtümlichen Ansichtverleitet zu haben, daß wir es in unseren Nationalmelodien mit den Kirchentonarten zu tun haben, und in der Tat mögen sie ursprünglich aus diesen hervorgegangen sein;: allein ihre jetzige Gestalt beweist zur Genüge, daß sie im Lause der langen Zeit zum Teil vergessen worden sind. Wenn der Kirchengesang sich Melodien und Intonationen aus den ersten Jahrhunderten der ängstlichen Zeitrechnung bis auf die neuste Zeit erhielt, so war dies ihm nur möglich geworden durch die engen Grenzen, welche durch gegebene Formate und geregelte Tonarten ihm vorgezeichnet wurden, die er nie überschreiten durste." (Fortsetzung folgt.)

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