Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1911)
- Date
- 1911-04-14
- Page
- Seite 174 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Moritz Deutsch l. A. Biographische Studie vom Königlichen Musikdirektor' A. Friedmann-Berlin. ' A^as Gebet soll und muß das Wesen unseres Synagogen-- „ gottesdienstes bleiben, es darf weder hinter Opfer noch hinter Gesang und Musik zurücktreten, soll nicht durch Schnörkeleien und Schaugepränge verunziert werden, soll in. seiner erhabenen Einfachheit ergreifen. Aber daß das Gebet gehoben werde durch die Begleitung von Gesang und Musik, das ist gegenwärtig Bedürfnis, und wenn Gesang und Musik im Tempel in den Vordergrund traten am Sabbat und Festtagen, so dürfen, so müssen sie in unseren Synagogen als Begleiterinnen dem Gebet einen größeren Nachdruck, eine tiefere Innigkeit verleihen." So schrieb Abraham Geiger in seinem Gutachten an den Vorstand der jüdischen Gemeinde zu Berlin über die rituale Statthaftigkeit der Orgel bei dem synagogalen Gottesdiensten Der jüdische Gottesdienst ist nach Geiger „der volle Ausdruck der tiefinnersten Ueberzeugung, die umfassende Darstellung aller anregenden Glaubenswahrheiten, aller das Gemüt ergreifenden Ahnungen, er kleidet alle Beziehungen zu Gott, je nach deren Auffassung, in tiefempfundene Worte, er ist nicht erschöpft mit der Darlegung der augenblicklichen Gefühle des einzelnen, er erfüllt sich mit der ganzen geschichtlichen Vergangenheit,' mit allen Verheißungen und Erwartungen für die Zukunft, und zwar der ganzen Glaubensgemeinschaft. Bei dieser tiefen Bedeutung und umfassenden Wichtigkeit des Gottesdienstes ist es demnach naturgemäß, daß der Drang, ihn rein, in geläutertem Inhalt und veredelter Form zur Darstellung zu bringen, sich immer erneut, nicht zur Ruhe gebracht werden kann, bis er seine volle Befriedigung gefunden, daß er mit der fortschreitenden Vertiefung der religiösen Erkenntnis gleichfalls Schritt halten will, nach neuem entsprechenden Ausdrnck ringt." Zur Realisierung dieser hohen Anschauung fand Geiger in. Kantor Deutsch eine große Stütze. Denn in Deutsch umarmten sich Tauro und Awaudo zu einem harmonischen Bund. Auf Tauro gründete sich sein ganzer Bildungsgang, daher hatte er auch Sinn für Awaudo, für einen edlen, geläuterten Gottesdienst. Geiger und Deutsch gingen Hand in Hand in der Ausgestaltung des Breslauer Gottesdienstes. Dieser, durch Schaffung von neuen Musikstücken, jener durch Bearbeitung des Gebetbuches. So wird es von großem Interesse sein, den Werdegang Deutschs zu erfahren. Moritz Deutsch erblickte am 16. Dezember 1818 in Nikotsbürg (Mähren) das Licht der Welt. Seine wohlhabenden Eltern ließen dem ungemein geweckten Knaben eine vielseitige Erziehung angedeihen, indem sie ihn sowohl im Hebräischen als auch in weltlichen und musikalischen Disziplinen unter¬ Gberkantor Deutsch. richteten. Ein besonderer Wunsch der frommen Eltern war es, daß der kleine Moritz sich dem Talmudstudium widmen sollte, um später den Rabbinerberuf zu wählen. Deutsch genoß zuerst in seiner Vaterstadt einen gediegenen hebräischen Unterricht, dann bezog er 1840 die Universität Prag. Die Großstadt bot ihm reichlich Gelegenheit, neben seinen umfangreichen theologischen Studien auch seinen innern Drang für Gesang und Musik zu befriedigen. Seiner großen Begabung und seinem unausgesetztem Fleiß ist es zu verdanken, daß er, noch im Jünglingsalter stehend, die rabbinische „Licenlia docendi“ erlangte. Um seine talmudischen Kenntnisse zu erweite^ und zu vertiefen, ging Deutsch nach Wien. Hier hörte er in der Seitenstettengasse den Gottesdienst unter Sulzer, über den Deutsch später die Worte schrieb: „Der Schöpfer dieses neuen Synagogengesanges, dieser auserwählteEhaasan, dieser Originelle, dieser Unnachahmliche." Der Sulzersche Vortrag machte auf den jungen Theologen, einen überwältigenden Eindruck, so daß in ihm der Gedanke erwachte, das weitere Studium der Theologie fallen zu lassen und sich dem Kantorenfach zu widmen. Die Anschauung des Talmuds, der den - Bekennern des Judentums für die beiden intellektuellen Träger der Gemeinde den Lehrer, 21 und den abgesandten Vertrauensmann für die Andacht, 1122 rvbp hohe Verehrung einflößt. Deutsch wählte den letzten Beruf, weil er für Gesang und Musik ganz besondere Neigung verspürte. Eine Prüfung bei Meister, Sulzer bestätigte, daß der junge/ Theologe für das Kantorsach alle nötigen Fähigkeiten, wie hervorragende Stimme, gutes Gehör und tiefes musikalisches Verständnis für den Vortrag hebräischer Gebete, be-. saß. So widmete sich Deutsch dem Vorbeterberuf und hatte an dem großen Organisator des Synagogengesanges, Salomon Sulzer, eine kräftige Stütze. Deutsch oblag mit großem Fleiß und Eifer seinen Musikstudien im Wiener Konservatorium, und die bedeutendsten Musiker der Residenz waren seine Lehrer. Der Eleve D. machte hervorragende Fortschritte und errang bei Musikaufführungen im Konservatorium den ersten Preis, seine große Begabung für Gesang und Musik wurde von den größten damaligen Meistern der Musik nicht allein jüdischer, sondern auch christlicher Konfession rühmend anerkannt. Unter den jüdischen Musikern war es besonders Sulzer, der den begabten, strebsamen Deutsch unter seine Fittige nahm. Als nämlich bei der Wiener Kultusgemeinde in der Seitenstettengasse die zweite Kantorstelle vakant wurde, empfahl Sulzer für diesen Posten den Konservatoristen Deutsch. Es bedurfte nur des Hinweises, und Deutsch wurde neben Sulzer als zweiter Kantor engagiert. Es war kein leichtes für Deutsch, an der Seite eines Sulzer zu amtieren und sich auch zu behaupten. Sulzer, der den Wiener Gottesdienst ebenso seine Gesangsmethode verbreitet wissen wollte, ließ den jungen Deutsch an