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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-04-14 · Heft 15 (14.4.1911) · p. Seite 173

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 15 (14.4.1911)
Date
1911-04-14
Page
Seite 173 (sequence 5)
Language
German
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Me iwnfelüoneük Hetze des Hundes der Landwirte. us der Feder des früheren langjährigen Herausgebers der „Liberalen Correspondenz", Curt Bürger, ist im Selbstverlag des Verfassers, Gr.-Lichterfelde»West bei Berlin, Ringstraße 34, soeben ein- Broschüre erschienen, welche zum erstenmal auf Grund einer lang jährigen Beobachtung und praktischen Exfahrung die äußeren Därmen der agrarischen Demagogie schildert, und die krasse Jnteressenpolitik sowie den heuchlerischen Patriotismus dieser Organisation, die heute der Hckkptträger des politischen Antisemitismus ist, eingehend darieht. Die .auch schon von großen liberalen Blättern warm empfohlene Broschüre, die jedem an der Zurückdrängung der Agrardemagogie interessierten Politiker ein wertvolles Material an die Handgibt, kann von dem Verfasser direkt zum Preise von 1.50 Mark pro Exemplar bezogen werden. Wir geben aus dem uns zur Verfügung gestellten Aushängebogen einen Abschnitt aus dem Kapitel „Die konfessionelle Hetze" wieder." Wollte man alle die gehässigen Ausfälle, die allein in den Generalversammlungen und Provinzialversammlungen gegen die Juden gemacht worden sind, registrieren, so könnte man damit schon eine ziemlich umfangreiche Broschüre füllen. Die Agitatoren zweiten und dritten Grades, die in der „Rednerschule" des Bundes von Herrn Dr. Hahn „ausgebildet" sind, schlagen in den kleinen dörflichen Versammlungen natürlich noch ganz andere Töne an, da sie sicher sind, daß nur selten hierüber etwas an die breitere Oeffentlichkeit gelangt. Die „Deutsche Volkswacht", das Organ der hessischen Antisemiten, die damals noch gelegentlich mitdem „Windelbeutelbund" der ostelbischen Junker in grimmiger Fehde tagen, —heute hat ihr Führer, Herr Hirschel, längst wieder seinen Frieden mit dem Bunde gemacht, — plauderte damals aus, daß die Agitation des Bundes überall von bezahlten „abgelegten und verkrachten antisemitischen Agitatoren" betrieben werde. Das ist übrigens auch heute noch der Fall; eine ganze Anzahl früherer Redakteure der „Staatsbürger-Zeitung" hat im äußeren Dienst des Bundes der Landwirte bzw.' der Konservativen Unterschlupf gefunden. Einer der gefährlichsten antisemitischen Hetzer, der Geschäftsführer des Bundes für die Provinz Sachsen, Bruno Kreutz, der später wegen Unterschlagung zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden, ist — also auch in dieser Beziehung ein Leidensgenosse des Herrn Hirschel — rühmte sich einst, er habe „drei Redner draußen, die mit antisemitischer Milch gesäugt" seien und das Ihrige tun würden. Hat der Bund der Landwirte zu einer solchen wüsten Hetze gegen die Juden irgendeinen stichhaltigen Grund? Es dürfte ihm sehr schwer fallen, nachzuweisen, daß etwa die Juden als Konfession eine besondere Animosität gegen die Landwirtschaft bekundeten. Die Juden waren das älteste Volk, das Landwirtschaft betrieben hat; sie haben gerade als Ackerbauer es zu einer hohen Kulturstuf gebracht.' Daß sie heute nur vereinzelt dem landwirtschaftlichen Berufe angehören, ist nicht ihre Schuld, sondern die Schuld derer, die sie viele Jahrhunderte in ein Ghetto einpferchten und sie zwangen, andere Berufe zu ergreifen. Die Wirkungen, eines solchen nahezu ein Jahrtausend ausgeübten'Ghettozwanges verwischen sich nicht so schnell.. Und doch hat in der verhältnismäßig kurzen Zeit feit der Emanzipation das organisatorische Talent der Juden und ihr reger Forscherfinn doch auch der Landwirtschaft schon manchen wertvollen Dienst geleistet. Das Internationale Institut für Ackerbau, das vor einigen Jahren unter dem Protektorat ^des Königs von Italien in Rom begründet worden ist und zu dessen Generalversammlung der Bund der Landwirte im vorigen Jahre Herrn Dr. Roesicke delegierte, verdankt seine Entstehung, wie die agrarische Presse ja selbst seinerzeit mitgeteilt hat, der Initiative eines jüdischen Landwirts, des Amerikaners Lu bin. Die bedeutendste und segensreichste Erfindung, die im letzten halben Jahrhundert auf dem Gebiet der Agrikultur chemie. überhaupt gemachtworden ist, die Nutzbarmachung der sogenannten Abraumsalze, also die Gewinnung von Kali, hat die'Landwirtschaft dem jüdischen Chenuker Prof. Dr. Adolf Frank zu verdanken. Das Kali ist heute das wichtigste und wertvollste Düngemittel der Landwirtschaft, ohne das sie überhaupt nicht existieren könnte. Nebenbei bemerkt würde auch der Bund der Landwirte schon längst wirtschaftlich bankerott gemacht haben, wenn ihm nicht aus seinen Verträgen mit dem Kalishndikat — d. h. einer von einem Juden begründeten Industrie — Hunderttausende von Mark an sogenannten „Propagandageldern" zugeflossen wären, die wie die „Milt. d. B. d. L." selbst zugestanden haben, mit dazu verwendet wurden, „Einfluß auf Gesetzgebung und Staatsverwaltung" zu gewinnen, d. h. die politischen Agitationskosten des Bundes zu bestreiten. Ein neues Verfahren, um den Stickstoff der Lust zur Herstellung wertvoller Verbindungen zu benutzen, die für die Landwirtschaft von großer Tragweite sind, hat der Leiter des neuen physikalisch-chemischen Forschungsinstituts, Professor Fritz Haber, entdeckt, der ebenfalls als Jude geboren ist. Ditz' besondere Bedeutung der Haberschen Entdeckung besteht darin, daß die Hauptmasse der Stickstossverbindungen von der Landwirtschaft als künstlicher Dünger verwendet wird. ' ,Und -noch eine, von dem Bund der Landwirte und insbesondere Herrn Dr. Hahn jetzt mit Feuereifer vertretene Neüerung auf dem Gebiet der Entschuldung des ländlichen Grundbesitzes, ist der Anregung eines jüdischen Berstcherungstechnikers zu verdanken. Der Gedanke, die Entschuldung des ländlichen Grundbesitzes durch Verbindung mit einer Lebensversicherung zu fördern, ist zum erstenmal von dem Direktor der Rheinischen Hypothekenbank, dem (jüdischen) Geheimen Rat Felix Hecht in Mannheim zur öffentlichen Diskussion gestellt und von der ersten, auch von den Agrariern ankannten Autorität auf diesem Gebiet, dem Generaldirektor derOstpreußifchen Landschaft, Geheimen Rat Kapp, als gangbarer Weg anerkannt worden. Es gehört zu den heiteren Kapiteln der agrarischen Geschichte, daß, wie der „Hannoversche Kurier" mitteilte, am 15. Februar d. I. zu Hannover Herr Dr. Diederich Hahn, natürlich unter Seitenhieben auf Judentum, Banken und Liberalismus, sich die Reformgedanken des jüdischen Bankdirektors und des liberalen'Professors zu eigen machte und mit dem immer schönen Pathos vertrat: „Möge die „Deutsche Tageszeitung", die ja noch etwas auf historischen Sinn hält, nicht versäumen, den germanisch, konservativen Grundgedanken dieser neuen - Agrarreform herauszufinden." So bekundet sich' also in der Praxis die angebliche Landwirtschaftsfeindschast der Juden. Ob doch nicht manch einem antisemitischen Hetzapostel des Bundes der Landwirte die Schamröte ins Gesicht steigen würde, wenn er in einer Stunde ruhiger Ueberlegung sich diese Zusammenhänge klar machen wollte?

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