Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1911)
- Date
- 1911-04-14
- Page
- Seite 172 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3228961-3228977--67385-3279599- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Larve ab streifen hießen, haben wir im westlichen Europa eine glänzende Entwicklung unserer intellektuellen Kräfte erfahren, welche bis dahin, von der Tätigkeit des Geldbeschaffens^ untf des Schnapsausschänkens keineswegs absorbiert, nur auf dem religiösen Gebiete ein zwar üppig sprießendes, für das bürgerliche Leben jedoch recht unfruchtbares Tummelfeld gefunden halten. Nur im Osten Europas, wo auch das nichtjüdische Leben stagniert, hat sich der mittelalterliche Judentypus wie in Versteinerung erhalten- und von dort her tritt er uns, zumeist in den Zügen flüchtender Auswanderer, Mitleid heischendentgegen. Er landet an den Küsten Englands und Amerikas, um sich alsbald unter dem wohltätigen Einflüsse einer nivellierenden Kultur in jene dem emanzipierten Juden eigene Physiognomie zu verwandeln, welcher nur die Fähigkeit, abstrakt zu denken, eine charakteristische Prägung verleiht. Je eher dieser Umwandlungsprozeß beendet Ware, je rascher es uns vergönnt sein würde, auch mit.den Resten einer leidvollen und unrühmlichen Vergangenheit aufzuräumen, um so besser wäre es für den einzelnen wie für die Gesamtheit von uns! Auch entspricht es dem jüdischen'Grundcharakter viel ehersich umzuformen und fortgeschrittenen Verhältnissen anzupassenals in einem ungesunden Konservativismus zu verharren. Maßnahmen, die in letzter Linie diesem Ziele zuführen, sollten von den jüdischen Politikern nur insoweit bekämpft werden, als sie eine schroffe, für die Betroffenen harte Uebergangszeit mit sich bringen. Diese Uebergangszeit zu mildern, müßte das Bestreben aller wohlwollenden Faktoren sein. Allein es ist keine Frage, daß durch den Ablauf der Schankkonzessionen gebundene Kräfte im jüdischen Volke auch dort, wo es die kompakte Masse bildet, frei werden dürften, welche sich zu schönerer Betätigung eignen, als das mittelalterliche Schänkergewerbe es ist. Selbst ablehnende Beurteiler einer Ausbreitung der jüdischen Massen stehen nicht an, anzuerkennen, daß die . materielle Vermittlerrolle, welche der Jude heute noch wie vor 600 Jahren zwischen dem Produzenten und Konsumenten spielt, sofort sich in eine selbständige Initiative zur Popularisierung geistiger, ethischer, ja selbst künstlerischer Werte umzuwandeln geeignet ist, sobald demselben eine Abkehr vom Gewerbe des Geldbeschaffens und Schnapsverschleißens ermöglicht wird. Wir sagen: Geldbeschaffen und nicht Geldverleihen, deny der Jude war nur deshalb Geldverleiher, weil er Geldbeschaffer zu sein gezwungen wurde. Wer sich die bis in die Aufklärungsepoche währende Leibeigenheit der Untertanen dem Besitzer von Grund und Boden gegenüber vergegenwärtigt, wird auch die Absurdität der Stellung begreifen, welche die Juden in den Städten zu Kammerknechten der regierenden Herren, auf dem Lande zu Leibjuden der Grund- und Bodenbesitzer machte. Hier wie dort bewegte sich ihr Leben zwischen der Herbeischaffung des Produkts zwecks Verbrauchs und der Uebernahme des Produkts zwecks Vertriebs; hatten sie einerseits die für den Konsum erforderlichen Mittel auszutreiben, so oblag es ihnen anderseits für das vorhandene Erzeugnis den Absatz zu bewerkstelligen. Der Produzent des Wohlstandes war der gewerbfleißige Mittelstand der bürgerlichen Städter, der Konsument war der regierende Fürst, der zur Ausrechthaltung seiner Hofhaltung und zum Unterhalte seiner Söldnerscharen stets Geldbedarf hatte. Der Jude war es nun, der aus dem Wege hochverzinster Darlehen, zu deren Eintreibung ihm jede Unterstützung gewährt wurde, das Geld aus der Bürgerschaft herauszuziehen und seinem fürstlichen Herrn abzuliefern hatte. Allerdings auch da unter der Zusage einer guten Verzinsung; allein, wie leicht war es nicht, diese Zusage mit einem Vlutbade auszulöschen./ Gliche doch der Jude in der Hand seines FürsteweinemSchwamm,- den dieser in den Ström, des bürgerlichen Besitzes'warf, um ihn dort vollsaugen zu lassen,' sodann aber ihn unnachsichtig bis zum letzten Tröpfen auszupressen. Von wem ging also'die Bewucherung und die Ausbeutung der Städter aus, deren Groll sich so oft gegen die Juden kehrte? Waren sie doch nur ein Werkzeug, dessen man sich bediente; man schämte sich auch zuweilen seines Gebrauchs, verleugnete es dann und stieß es von sich" aber man holte es immer wieder herbei, weil man seiner nicht entraten konnte. v Dem Gutsbesitzer jedoch, welcher selbst wieder Produzent von Getreide, Vieh und Landesprodukten war, besorgte der Jude den Verkauf seiner Erzeugnisse auf näher oder ferner gelegenen Märkten und Handelsplätzen. Für den Branntwein aber, den der Gutsbesitzer brannte, fand er schon innerhalb des eigenen Gebiets in seiner Bauernschaft die erwünschten Abnehmer. Es ist selbstverständlich, daß der Jude nur den auf dem Gut seines Herrn erzeugten Schnaps zum Ausschank bringen durfte, ebenso wie es seine Ausgabe war, den größtmöglichen Absatz zu erzielen. Im Archive der mährischen Gutsherrschaft Weetin befindet sich ein Vertrag des Gutsbesitzers mit dem Schankjuderr, wonach derselbe bei Pönale sich verpflichten mußte, ein gewisses Quantum, wahrscheinlich das Maximum des erreichbaren Absatzes, an die Bauernschaft zu verschleißen. Dieses Pönale sollte auch auf die Bauernschaft übertragbar und von dieser bei Minderkonsum zu bezahlen sein. Unter anderen Kontrahenten befindet sich auch der Heerführer Wallenstein, der durch seine Gemahlin zeitweiliger Besitzer des Gutes war, als Signatar des Kontraktes. Wer war es nun, der die Bauernschaft zum Laster des Alkoholverbrauches anhielt und seinen Vorteil aus demselben zog? War es der Jude, der in einer Zwangslage befindlichaus dem ihm aufgedrängten Gewerbe ein Existenzminimum herauszuschlagen suchte, oder war es der Gutsherr, der die Macht über seine Insassen — selbst bis auf deren magern Bargeldbesitz mißbräuchlich auszudehnen nicht ver? schmähte? Als Puffer zwischen dem Unterdrücker und dem Unterdrückten stehend, blieb dem Juden keine von den Schwierigkeiten eines solchen „middleman“ erspart, wie Beatrice C. Baskerville in ihrem lesenswerten, wenn auch nicht tendenzfreien Buches den polnischen Juden nennt. Das Odium dieser Mittelmannsrolle gänzlich abzuschütteln, , wird trotz reaktionärer Bestrebungen einzelner Judensührer. f unsere Aufgabe in den nächsten Jahrzehnten sein! Und während wir dem dahinhastenden Zuge unserer ’ Brüder aus dem Osten nachblicken, gehen wir noch einmal die ganze Skala der Entwicklung durch, welche von diesen zu dem beneidetsten aller Juden, zu Rothschild leitet. Vom Schnapsschänker stammen wir fast alle her, aber fast niemand von uns wird als ein Rothschild zu Grabe geleitet werden. - So verlassen wir doch diese Straße, welche von diesem zu jenem führt, ohne ihn zuverlässig zu erreichen. Ergreifen wir die Möglichkeiten, welche außerhalb dieser Straße liegen, machen wir uns innerlich frei von dieser an welche wir so lange gebunden waren. Lassen wir uns nicht in den Irrwahn verstricken als nationale Trophäen das zu (verteidigen, was bestenfalls als grausame Narben einer endgültig überstandenen Leidenszeit anzusehen ist — das Schänkergewerbe und der Jargon! *)* The Polish Jew his social and economical value by Beatrice G. Baskerville, London, Chäpam and Hall 1906.