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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-04-14 · Heft 15 (14.4.1911) · p. Seite 171

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 15 (14.4.1911)
Date
1911-04-14
Page
Seite 171 (sequence 3)
Language
German
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Fülle an Spitzen und Stickereien entstammt den Wohlfahrtsbestrebungen an Frauen, und Mädchen, denen die Begriffe einer geordneten Lebensführung und rationeller Berufsarbeit^erst wie das- Abc der Kinderfibel beigebracht werden^ mußten. Sehr weise und ganz im Sinne echter Volkskunstförderung ist an die Lokaltradition an geknüpft, worden. Was in Fellachenhütten vorgefnnden wurde, hat man nutzbar gemacht. 'Dort erwies sich, Nadelgeschick als. eine, angeborene Fähigkeit der Frauenbund einige bei ihnen Vorgefundene uralte. Muster wurden neuen Entwürfen zugrunde gelegt. Der Stern in verschiedenfacher geometrischer Linienführung tritt als Leitmotiv ihrer Textilornamenkik zutage. Noch ist das aus diesem Kerngebilde entwickelte Formenregister wenig abwechslungsreich, doch zeigen sich einzelne gefällige Varianten. Erhöhter Absatz .'und. verständige Schulung werden diese arabischen Erbschaften mehren. Die Palästina-Spitze entzückt vor allem durch die hauchzarte Feinheit ihrer Struktur. Sie erinnert in dieser Eigenschaft an die köstliche südamerikanische Solspitze oder an die Schneeflocken-Spitzen des nördlichen Rußland. So duftig sie erscheint, so solide ist sie gleichzeitig, und wir fühlen es all diesen aparten Besätzen und Decken an, daß ihr Zwirn der Wäsche gut standhält. Die Preise für diese Besitztümer sind oft erstaunlich niedrig, und kein Freund aparter Nadelarbeiten sollte sich einen solchen Einkauf entgehen lassen. Hat man doch erst kürzlich bei Gelegenheit einer solchen Palästina-Ausstellung in Warschau für 3000 Rubel Waren verkauft und für 16 OO0 Rubel Nachbestellungen ausgenommen. Auch eine Anzahl feiner Seidenstickereien auf leichtem Weißstoff verdienen besondere Aufmerksamkeit, denn sie zeigen den orientalischen Geschmack in einer Richtung auf das überraschend Zarte. Hier entfaltet sich nicht das gewohnte rauschende Farben'orchester des Orients, vielmehr sind alle Töne rokokohaft bläßlich gehalten. Rosa, Himmelblau, Frühlingsgrün vermählen sich zu diskreten Harmonien und treten in sehr zierlichen Musterungen auf. Wir empfinden eine Volkskunst, der das selbstbewußte, energische Bauerntum abgeht, über etwas rührend Zaghaftes lagert. ° Eine recht betrübende Mitteilung über die Petersburger jüdische Akademie finden wir in der „Neuen Jüdischen Korrespondenz": Die von dem verstorbenen Baron David Günzburg begründete und geleitete Hochschule für die Wissenichaft des Judentums in Petersburg sieht einer ungewissen Zukunft entgegen. Der Fortbestand der Anstalt hängt ganz von äußeren Faktoren ab. Sie hat bisher den Namen des Barons Günzburg. geführt und mutz jetzt nach dessen Tode den Namen eines anderen Leiters annehmen. Hierzu bedarf es einer speziellen behördlichen Genehmigung, die noch aussteht. Ferner müßten die Dozenten und Hörer das Wohnrecht in Petersburg erlangen.. Bisher waren die Hörcr der Akademie als Handwerker öder als Diener im Hause akademisch gebildeter Juden ange- » meldet und konnten nur auf diese Weise ihren Studien in Peters-» bürg obliegen. Nunmehr ist man jedoch entschlossen, die Akademie I aufzulösen, wenn es-nicht gelingen sollte, für ihre Hörer das legale I Aufenthaltsrecht in Petersburg zu erwirken. * r ''; X Unsere letzte Ueberstcht konnten wir mit einem Glückwunsch für einen hochverdienten jüdischen Gelehrten schließen, der in St. Petersburg lebt. Die diesmalige müssen wir mit einer Trauerkunde, gleichfalls aus Petersburg, beenden. Der greise Gelehrte D. Ehwolsan : ist am 6.. April gestorben? Reich an Jahren, reich an Ehren. Da unser Blatt vor einiger Zeit das Bild und eine Würdigung der-Verdienste des hochbedeutenden Mannes brachte, so genügt es heute vöu: seinem Hinscheiden Notiz zu nehmen.. Möge es uns-nie an Männern fehlen, die, wie der Verstorbene, wenn auch äußerlich von-mns getrennt, die Wissenschaft des Judentums fördern und die Sache der Juden ehrlich und warm verteidigen. Der gstWche Schanker. Von Rahel Edelstein-Wien. er an dem jüngst vergangenen 14. Februar, einem der wenigen Frosttage dieses Winters, sich durch den blendenden Sonnenschein der Mittagsstunde zu einem Spaziergange auf die Ringstraße verlocken ließ, traf auf einen Zug seltsamer Gestalten. Männer und Frauen, die den Zenith des Lebens schon überschritten hatten oder gar schon an der Schneegrenze ihrer Tage angelangt waren/ schritten in Viererreihen inmitten der von Palästen begrenzten, für fröhliche Aufzüge bestimmten Feststraße, für deren Pracht sie keinen Blick zu haben, schienen. Es waren viele Hunderte der aus Galizien herausgeführten Schanker, welche unter dem Protektorate jüdisch-nationaler Abgeordneter, um die Wiedererlangung ihrer abgelausenen Schankkonzessionen im Petitionswege zu erstreben, nach Wien gekommen, waren. Und wir blieben, der prickelnden Kälte zum : Trotze, eine Weilet stehen, um diesen Zug passieren zu lassen, dessen Teilnehmer fest ausschritten und auch in ihrem Gehen jene Entschlossenheit zum Ausdruck brachten, welche ihre sonst, in Resignation erstarrten Gesichtszüge mit einer neuen Variante belebten. War es doch, wenn wir von jener durch die neueste Zeit in das Antlitz des polnischen Juden hineinfkizzierteu Variante absehen wollten, unsere eigene, erst einige Generationen zurückdatierende Vergangenheit, welche im Bilde des galizifchen Schänkers vor uns emporstleg und aus dem Nicken der dunklen und melierten Köpfe, aus dem Wehen der weißen Locken und Bärte zu grüßen und zu winken schien. Denn auch wir. die wir in den westlichen Zentren einer fortschreitenden Zivilisation unseren äußern Menschen mit Erfolg den Forderungen unserer Umgebung angepaßt haben, dürften nicht allzuweit nach rückwärts zu tasten haben, um schon im dritten oder vierten Gliede auf jenen Urahnen zu stoßen, dessen ' lebendiges Konterfei im Pelzkaftan vor uns einherzieht. Und wir beginnen nachzurechnen, wie viele Ähnenreihen jener Fürst unter den Juden, der eben gleichzeitig unter dem Ansturm einer allö Schichten der Gesellschaft einschließenden Menge zu Grabe gebettet' wird, wohl zu durchbrechen haben dürste,, falls, es ihn im Jenseits etwa gelüsten sollte, feine. Hand in die desjenigen seiner Vorfahren zu legen, der als letzter zugleich mit dem Geldgeschäft auch den Ausschank von Schnaps in einem ländlichen Bezirke betrieben hatte. Ja, wir müssen uns sagen, daß diese, die da für den Fortbestand ihres Erwerbes zu bitten und zu flehen kommen, und jener, der die Macht des Erwerbes zu höchster Blüte zu bringen befähigt war, den Anfangs- und den Endpunkt jener Entwicklung bilden, in welche wir durch mittelalterliche Rechtsanschauungen hineingedrängt und innerhalb derselben mit um so mehr Bedacht und Absicht sestgehalten wurden, als das. Schimpfliche dieser Entwicklung jederzeit eine Handhabe gegen uns böt. Durch Jahrhunderte, hindurch waren wir nichts anderes und konnten wir nichts anderes sein als Geldbeschaffer und Schnapsausschänker. Mochten wir auch im Kreise unserer Familie, in; der Gemeinde und als Untertanen alle Satzungen unserer, schönen Lehre, üben. und wahrhaft sittliche Menschen sein nach außen hin, , der Umwelt gegenüber trugen unsere Züge die, abstoßenden Runzeln des Harpagon, der aus dem materiellen Defizite.und ausdem seelischen Defekte seinen Nebenmenschen die trübem Quellen feines Unterhaltes schöpft: Allein ., dank all den. politischen und ethischen Faktoren, welche gemeinsam. mit unseren, eigenen Impulsen uns jene häßliche

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