Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1911)
- Date
- 1911-04-14
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- -- 170 -— Ihr Wille zum Leben trotz Nachtfröste und Winterstürme unbezwinglich: Still und stetig treibt das Saatkorn aus dem dunklen Schoß der Erde ans Licht. Diese beiden Lehren sind wertvoll für den einzelnen und für unsere Gesamtheit. An Enttäuschungen, fehlt es nicht. Wir sprechen von den wirklichen, nicht von den vermeintlichen, die mich an Oskar Wildes feines Wort gemahnen, daß von den beiden Trauerspielen, die es gibt, es ein größeres ist, zu bekommen, was man will, als nicht zu bekommen, was man will. Aber selbst den echten Schmerzen gegenüber sollen wir uns mit Lebensenergie rüsten und allen Gewalten zum Trotz uns erhalten und in treuer rastloser Arbeit dem Guten dienen. Dazu freilich gehört Seelengemeinschaft mit dem Gotte, der die Natur durchwaltet. In den „Briefen aus der Hölle", kommt eine ergreifende Stelle vor.. Es wird da gesagt, die'i Leidgeplägten können befreit werden, wenn sie sich auf einen Namen besinnen könnten. Aber den Namen finden sie nicht. Wir kennen den Namen, in dem Heil und Rettung beschlossen liegt: besetiem adonaj elohenu naskir: Im Namen des Ewigen unseres Gottes triumphieren wir! ->#<- Sir Woche. Berlin, den 11. April. ie Vorbereitungen zu den Reichstagswahlen, die, wie man nun hört, im Herbst d. I. stattfinden sollen, sind im vollen Gange. Soll etwas erreicht werden, so muß dies ja in diesen Monaten geschehen, da die Sommermonate zur Agitation sich wenig eignen. Für uns, die wir keine politische Partei sind, gibt es nur einen Schlachtruf: „Gegen die Antisemiten". Dieser muß ertönen, weil die Antisemiten nicht bloß eine judenfeindliche, sondern durch diese Gegnerschaft auch eine deutschfeindliche Partei sind, weil sie unter absichtlicher Verdrehung der Tatsachen, als seien die Juden. weder geeignet noch geneigt, ihre staatsbürgerlichen Pflichten zu erfüllen, als seien sie ein fremder und störender Stamm, einem großen Teil deutscher Bürger ihre staatsbürgerlichen Rechte zu entziehen oder zu verkümmern versuchen. Wie groß die Gefahr ist, die uns von den Antisemiten droht, geht aus einem Aufruf zur Geldbeschaffung für die nächsten Wahlen hervor, den „einige deutsche Staatsbürger germanischen Blutes" in der „Staatsbürger Zeitung" veröffentlichen. Darin kommen die Worte vor: Die Wahlparole muß deshalb lauten: Unter allen Umständen gegen die hebräischen Kandidaten. Darum regelt nicht allein die Parteizugehörigkeit, sondern auch die Persönlichkeit eines Kandidaten unser Verhältnis ihm gegenüber. Wir prüfen nicht nur seine Parteizugehörigkeit, sondern auch seine Stellung zum Judentum. Wie skrupellos die Antisemiten ihrerseits in der Wahlagitation sein können, lehrt folgende Erinnerung: Die Antisemiten und ihre konservativen Freunde fließen über vor Entrüstung über die Fortschrittliche Volkspartei, die jüngst in Gießen die Unterstützung der Sozialdemokraten in der Stichwahl gegen die Antisemiten empfohlen hat. Zur Kennzeichnung dieser politischen Heuchelei mag folgender Vorgang dienen: Kandidat der Sozialdemokraten in Gießen war bei den Reichstagswahlen von 1903 und 1907 Kaufmann Krumm in Gießen. Dieser hatte, wie er der „Frankfurter Zeitung" schreibt, im Jahre 1903 Besuch von zwei antisemitischen Herren bekommen, die ihn baten, die Sozialdemokraten in Alsfeld-Lauterbach, die für den Nationalliberalen Dr. Wallau in der Stichwahl mit dem Antisemiten Bindewald stimmen wollten, in einem Flugblatt auf den Beschluß der Gesamtpartei, wonach in Alsfeld nur Wahlenthaltung möglich sei, hinzuweisen. Das geschah durch folgendes, vom Sozialdemokraten?' Krumm verfaßtes und von den Antisemiten verbreitetes Flugblatt: „Sozialdemokraten im Wahlkreise Alsfeld-Lanterbach-Schotten. Die liberale Partei beschimpft uns in Offenbach, Friedberg und Gießen in einer Art und Weise, die man rüpelhaft nennen muß. Es gibt keine Verleumdung und Schmähung, die nicht gegen uns gebraucht wird. Parteigenossen! Es wäre ehrlos von euch, wenn auch nur eine Stimme für dieselben Liberalen von Sozialdemokraten käme Gebt lieber weiße Zettel ab, als für Wallau. E. Krumm-Gießen." Die weißen Zettel wurden, so schreibt Krumm weiter, von mir empfohlen, um auch den abhängigen Arbeitern Wahlenthaltung zu ermöglichen. Für meine — die Richtlinien der sozialdemokratischen Stichwahltaktik genau einhaltende und empfehlende - Tätigkeit wurde mir von den Herren Antisemiten versprochen, daß sie bei ihren Frankfurter Freunden bei der Stichwahl zwischen Sozialdemokratie und Volkspartei ebenfalls Wahlenthaltung befürworten wollten. Das ist die ganze Geschichte. Sie wurde von mir persönlich unter Ausschaltung aller betreffenden Wahlkomitees gemacht, nnd nachdem der Sozialdemokrat Schmidt in Frankfurt gewählt war, habe ich ruhig und rgeben den Tadel meiner Alsfelder Genossen sowie auch später der hessischen Landeskonferenz auf mich genommen. Daß Herr - Bindewald in Alsfeld nichts merkte und ebensowenig unsere Frankfurter Genossen, ist ja nach vorstehendem begreiflich. Jedenfalls dürfte sich aber Herr Abgeordneter Bindewald in Alsfeld doch gewundert haben, welches Interesse ein Gießener Sozialdemokrat an der genauen Befolgung der Stichwahlparole „Wahlenthaltung" hatte. Von mir wurde die alte Sache diesmal ans Tageslicht gezogen, weil die Antisemiten bei der Gießener Stichwahl jeden, der einen Sozialdemokraten wählen würde, als einen Ketzer und Teufelsbraten hinstellen. Diese Heuchelei muß ins richtige Licht gestellt werden, und um dieses guten Zweckes, halber nehme ich noch eine Anzahl Mißbilligungen für mein Verhalten in dieser Angelegenheit in Kauf. £ So wenig wir einer Auswanderung nach Palästina das Wort reden, so froh begrüßen wir es doch, wenn die dort Ansässigen, statt sich dem Müßiggang und der Bettelei zu ergeben, als Ackerbauer, Handwerker und Kunstbeflissene tätig sind. Darum können wir uns der Palästina-Arbeiten freuen, die in der Volkskunst-Ausstellung des Lyceum-Klubs (bei A. Wertheim) zu sehen sind. Einem darüber handelnden Bericht der „Vossischen Zeitung" sei nachstehendes entnommen: „Noch ist eine Sendung von Knüpfteppichen und verschiedenartigen Kunstgewerbeobjekten aus den Gebieten der Jntarsientechnik, der Holz-, Silber- und Mosaikarbeit nicht eingetroffen. Sie werden erst später die Schau ergänzen, wie die Absicht besteht, nächstes Jahr eine Spezial-Knüpfteppich-Ausstellung zu veranstalten. Vorläufig legen die orientalischen Volkskünstler und -künstlerinnen überwiegend in Spitzen eine Reifeprüfung vor uns ab: von den sonst in Aussicht stehenden Kollektionen ist nur in einzelnen Stücken der Vorgeschmack zu genießen. Das schwierige und interessante Werk, aus so weiter Ferne Produkte völkischen Kunstfleißes herbeizuschaffen, ist dank der weitblickenden und warmherzigen Initiative des Fräulein Luise Marelle vollbracht worden. Es handelte sich in diesem Fall nicht nur um das Endziel ästhetischer Genüsse, sondern vor allem um weibliches Wirken im Dienste der Liebestätigkeit. Der Appell, armen jüdischen Schwestern in Palästina Erwerb zu schaffen, war die Triebfeder, die Fräulein Marelle zur Ausführung dieser Ausstellung spornte. Der einleitende.Vortrag des Herrn Professor Marburg stellte die Versammlung über Entwicklung und Stand der palästinensischen Kulturarbeit klar. Wir erhielten Einsicht in die Tätigkeit von Vereinen, die an bedauernswerten Heimatsvertriebenen und verkommenden Eingeborenen ihre segensreiche Pflegschaft ausüben. Hier vollzieht sich an durchaus verschieden geartetem Menschentum armer Enterbter des Schicksals ein bewunderswertes Hebungswerk. Samen, die in den Schulen Jerusalems, Jaffas und Liberias aufblühen, werden auch weiter in die Dörfer hinausgetragen. Die eben eröffnete Ausstellung macht überraschende Resultate greifbar. Diese