Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1911)
- Date
- 1911-04-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse öerim, 14. April 1911 75. Jahrgang Nr. 15 Drese Zeitung erscheint wöchentlich. 21 bohnementS'Preis: durch den-Luch- Handel oder die j)ost (in Berlin und* Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen . vierteljährlich. 3 TU. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson - Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, lerusalemer Strasse 46/49 . Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalenier Straße $6/<t9, zu richien. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin. RnilLlit' , LllnzeZseier. Von Kreisrcibbiner Tr. B eerry.ann- P"V.rill» Insterburg. — Die Woche. — Dergalizische Schänkxr. Von. Rahe l Edelst ein - Wien. — Die konsessionelle Hetze des Bundes der Landwirte. — Moritz Teutsch s. Ä. Von A. Fried mann-Berlin. — Raphael Lvwenseld. — Feuilleton-: Fomtow in Ctädtel. — Passah. — Beim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. — Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. - . Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Königsberg i Pr., Hamburg, Stettin, Kissingen, Kreuznach, Straß-. bUrg i. E., Metz, Meran. — Von Nah und Fern. Die Len?k8kner. Von Kreisrabbiner Dr. Be er mann-Insterburg. Beachte den Frühlingsmonat und feiere Passah dem Ewigen. Deut. 16 1. ' „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche Durch des Frühlings holden belebenden Blick, Im Tale grünet Hoffnungsglück; Der alte Winter in seiner Schwäche, Zog sich in rauhe Berge zurück." So feiert Goethe den Sieg des Lichts. Wir jubeln mit ihm dem jungen Helden Frühling entgegen, der uns vom Drucke des lastenden Winters befreit hat. Wir vernehmen den Ruf unseres Gottes, der uns nicht nur auffordert, in den Tempeln die Erinnerung an den Volkssrühling' Israels zu begehen, sondern uns lockt, in die Arme unserer Mutter Natur zurückzukehren und dort unser persönliches Frühlingserlebnis zu feiern und selber frei zu werden von.den engenden Ketten der Sorgen und Sündender Laster und Lüfte. Auch.wir sollen, um im Stile des alten Haggadisten zu reden, es am uns selber erfahren, was es. beißt, heraus-? zuziehen aus dem Hause der Knechtschaft.' Neu werden, sich ' verjüngen wie draußen Wald und Flur, ist die Losung! In der Gemeinschaft mit der Natur unsere wahre Stellung in ihr als Mensch entdecken und begreifen, das ist die religiöse Aufgabe, vor die wir uns gestellt sehen: „Zufrieden jauchzet groß und Aein, hier bin ich Mensch, hier darf ich^s sein." - Was haben wir an der Natur? Wir sehnen uns nach dem wogenden Meere, wir wandern durch Wälder und Berge, wir atmen die reine freie Lust, streben heraus aus der Enge' und Unnatur unseres Lebens, es dehntsich die Brust, die Müdigkeit weicht, die hastende Unruhe wird gebändigt, frische Kraft strömt durch unsere Adern. Die Schwermut löst allgemach ihre lähmenden Bande. Sonst sehen wir nur des Leides Fülle in der. Welt. Bor unserer Seele steht das düstere- Bild, das Rembrandt auf seinem Hundertguldenblatt so dunkelfarbig entworfen; wir sehen den Propheten, zu dem die Leidbeschwerten kommen, das Mütterchen, vor ihr auf elendem Stroh die wahnsinnige Tochter, der Krüppel, neben ihm auf einem Karren sein gelähmter Sohn, allen voran die junge Frau mit ihrem sterbenden Kind, als wollte sie sagen: mein Jammer ist der größte! Heute wird uns das Passah mit der frohen Botschaft von dem Erlösergotte, mit der gewaltigen Lenzesprebigt in der Natur zu einem freundlichen Engel des Ewigen, der den Bekümmerten und Gebrechlichen Heilung und Linderung verheißt. Wir fühlen, wie uns der innige Umgang mit der Natur zur Gesundung verhilst, und in unserem Innern taucht ein anderes Gemälde auf: „Wiedergenesen". Eine Schwerkranke liegt im Garten, ihr zu Häupten ein lichter Engel, eine dunkle Gestalt — die Krankheit — hebt sich hinweg. Leuchtender Lenzesschein umflutet .die Gesundete, die sich dankbar kosen läßt, von den Strahlen der Sonne, „die Heilung bringt auf ihren Fittichen!" Doch nicht nur zur Gesundung, auch zur inneren Vertiefung hilft uns die Natur. Bismarck hat recht: „In jedem Quadratmeter Gras ist genug Leben, uns völlig zu überwältigen."! Wir Juden lieben allzusehr die Anregungen und Aufregungen der Großstadt; wir Geistig-Regen fürchten, auf dem Lande zu verdummen und zu verbauern. Aber der Lärm der Großstadt zerrt an unseren Nerven, läßt uns keine Zeit zur Vertiefung; ein Eindruck verdrängt den anderen, wir haben keine! Ruhe zur Verarbeitung des Wahrgenommenen. Die inneren j Erlebnisse sind selten. Dagegen spricht das Leben in der | Natur zu einem jeden in verständlicher Sprache. Von dieser!! Offenbarung gilt das Wort der Alten: Sie teilt sich in siebzig Sprachen mit. Wir sind, fern von der Natur, wie das Segelschiff, . dessen Segel schlaff herabhängen, weil der Wind fehlt, oder um in einem modernen Gleichnis zu sprechen, wie der elektrische Leitungsdraht, bei dem der Strom nicht da ist. Darum ist alles tot. Schalte den Strom ein! Füge dich hinein in das Gesamtleben der Natur, laß dich durchrauschen vom Gotteshauch, und neue Tiefen und ungeahnte Höhen werden sich deiner Seele -zeigen. Mir ist es immer als eim besonders wertvolles Geständnis erschienen, wenn Helmholtz in seiner am 70. Geburtstag gehaltenen Rede bekennt, die besten Gedanken seien ihmimmer auf Waldwegen und beim Bergsteigen gekommen, wie ja denn auch die großen religiösen Genies in der Einsamkeit der Natur den Weg zur Einfachheit, Kraft und Größe gefunden haben. Zum Schluß noch ein kurzes Wort, wie die Natur uns zu j rechter Lebensweisheit führt. Ihr Werdedrang ist unermüdlich. '