Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-04-07 · Heft 14 (7.4.1911) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 14 (7.4.1911)
Date
1911-04-07
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3228961-3228976--67373-3279586
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

75. Jahrgang Nr. 14 ' Berlin, 7. April 1911 Vellage zur „Allgemetnen Leitung tzrK Zudentum^". lkorrrlpondenHM. und Nachrichten. Deutschland» — Berlin, 4. April. In der Wissenschaftlichen Vereinigung' jüdischer Lehrer und Lehrerinnen zu Berlin sprach Herr Lehrer Golde über das Thema: Der pädagogische Philanthropismus in französischer Beleuchtung. In einstündigem Vortrage führte der Redner ungefähr folgendes aus: Gegenwärtig ist nach Auffassung Pinloches, der den Ptzilanthropismus zuerst in einem klassischen Werke zusammenfassend behandelt hat, Preußen zur höchstcn Vollendung in seiner Schulorganisation gelangt, und reicht die tiefgehende Reform der Schulen, der Preußen und die anderen deutschen Staaten den jetzigen Zustand ihres Schulwesens verdanken, auf die Bewegung des Philanthropismus zurück. In ihm haben viele moderne Bestrebungen auf dem Gebiete des Erziehungs- und Unterrichtswesens ihre Wurzel. Der Philanthropismus bekämpft vor allem die unpraktische, weitabgewandte Bnchgelehrsamkeit und Basedow sucht den Sprachan den Sachunterricht anzulehnen; bis heute wird an dieser Verbindung zum Teil festgehalten und der abstrakte grammatische Formalismus bekämpft. Man ist dem Philanthropismus aber auch in seinem schweren Irrtum gefolgt, seiner Gleichgültigkeit gegen die klassischen Schriftsteller. Erst in jüngster Zeit wird wieder die Einführung in die Schätze der fremden Geisteskultur gefordert, damit durch die fremde Sprache auch die Persönlichkeit neue bildende Werte für Geist und Herz gewinnt. — Ter Sprachunterricht zeigt besonders deutlich, wie der Philanthropismus von der toten Form zu den Erscheinungen des wirklichen Lebens zurücksührte. Während er jedoch in Utilitarismus versank und der Sprache nur eine akzessorische Bedeutung neben der Sachkenntnis einräumte, kehrt jetzt der Unterricht bei der Wahl seiner Stoffe wieder zum humanistischen Ziel der Persönlichkeitsbildung zurück. Diese Grundsätze gelten für jeden, also auch den Religionsunteiricht; nur so kann, nach Herbart, „die Religion Raum in der Welt gewinnen". In bezug auf die Unterrichtsmethode wollten die Philanthropen möglichst allen Lernzwang ausheben und dasür die Lernfreiheit einführen. Zur Milderung des Arbeitszwanges wurden Turnen und , Handfertigkeitsunterricht ein geführt, die seitdem in alle Schulen übergegangen sind. Für den Anfang — das erkannten selbst die Philanthropen — ist jedoch der Lernzwang unentbehrlich, aber in ihrem Sinne hat sich der erste Unterricht an den Spiel- und natürlichen Beschäftigungstrieb der Kinder mit dem Werkunterricht gewendet. Höher als der Unterricht stand den Philanthropen die Erziehung. Diese sollte — nach Campe — dazu führen, daß der Zögling schließlich mit lsittlicher) Freiheit handle. Wie bie] Erziehung sich auf die Idee der Freiheit gründet und dennoch als Grundlage den Gehorsam vorausfetzt, wird im einzelnen klargelegt. Zur Erreichung dieses Zweckes suchte der Philanthropisnrus die Eigenliebe zu wecken und die Triebkraft derselben planmäßig zu verwerten. Dabei entging man nicht den Gefahren der Uebertreibung, die aber schon damals von einigen erkannt und bekämpft wurden. Gestreift wird auch die soziale Erziehung. Campe warnte schon damals vor dem schrankenlosen Individualismus, der sich anfing breitzumachen. Er wahrt ebenso die Rechte der Persönlichkeit, wie er anderseits die subjektive Empfindelei, die Modetorheit der Werterzeit, verspottet. Auch die Auffassung des Verhältnisses zu Staat und' Kirche bei den Philanthropen wird geprüft. Sie durchbrechen zuerst den kirchlich-klösterlichen Geist des'Mittelalters, indem sie im Sinne des kulturfreudigen Judentums auf das entschieden Gute Hinweisen, das in jedem Menschen liegt, und an das sich der Erzieher stets wenden muß.—In I Ergänzung unseres Berichtes über das Jahr 1910 sei noch erwähnt: Außer der Generalversammlung fanden sechs Sitzungen statt, in welchen folgende Vorträge gehalten wurden: 1. Direktor Dr. Feist: ■; „Arier und Semiten in ethischer, sprachlicher und kulturhistorischer Beziehung:" 2. Dozent Dr. Vahüda: ^Nord^ und Südsemiten." 3. Rabbiner Dr. Eschelba cher: „Verwendung der Sprüche der Päter im Religionsunterricht/ 4. Rabbiner Dr. Kellermann.' „Ueber die Behandlung der jüdischen, Religionsphilosophen im Religionsunterricht." 5. Rabbiner Dr. Rosenthäl: „Die Gedächtniskunst im Dienste der altjüdischen Schule." 6. Rabbiner Dr. Galliner: „Zur Frage des jüdischen Religionsunterrichts an höheren Schulen/ Der Pflege der Geselligkeit dienten außer dem sich gewöhnlich an die Sitzungen anschließenden gemütlichen Beisammensein mehrere Ausflüge in Berlins - schöne Umgebung und zwei Familienfeste, die prächtig verliefen. Unsere an den Gemeindevorstand gerichteten Gesuche hatten nur zum Teil Erfolg. Unser Antrag auf Begründung jüdischer Schulen ist abschlägig beschieden worden, auf unsere nochmalige Vorstellung find wir bisher ohne Bescheid geblieben. In der Gehaltssrage für die Lehrer an den Religionsschnlen ist insofern eine Besserung erzielt worden, als das Anfangsgehalt auf 120 Mark (bisher 100) festgesetzt wurde und das Höchsthonorar (150 Mark pro Jahresstunde) nach der neuen, auf den 1. April 1910 zürückvatierten Skala schon nach zwölf Dienstjahren (bisher 20) erreicht wird, schließlich sind auch drei Kollegen, darunter zwei Element a r lehrer und Mitglieder unserer Vereinigung, definitiv als Religions- -lehrer mit dem Gehalt der Mittelschullehrer an der Knaben- und Mädchenschule angestellt worden. Wir hoffen, daß der Gemeindeivorstand recht bald weitere Stellen schaffen und besetzen wird. : V Berlin, 4. April. Der Hilfsverein für Jüdische Studierende stellt für 1911 folgende medizinische Preisaufgaben: fl. lieber die verschiedenen in neuerer Zeit zur Anwendung gebrachten 'Anästhesierungsmethoden und ihren praktischen Wert. 3. Die klinische Diagnose der ' engsn Aorta. Zur Bewerbung zugelassen sind jüdische Studierende Berliner Hochschulen, die das Reifezeugnis bei- " bringen können. Den Bewerbungsschriften ist in verschlossenem Umschlag, auf dem ein Motto steht, die mit dem Namen des Bewerbers Unterzeichnete Versicherung auf Ehrenwort beizulegen, erstens, daß er selbständig und ohne fremde Hilfe diese Arbeit angefertigt.habe, /und zweitens daß er unvermögend sei und den Lebensunterhalt teilweise selbst verdienen oder anderswoher als aus der eigenen Familie; beziehen müsse, t- Mit demselben Motto ist die Arbeit zu bezeichnen. Der erste Preis beträgt 500 Mark; es kann daneben oder allein ein . zweiter mit 150 Mark zuerkannt werden. Die Bewerbungsschriften sind bis zum 31. Dezember 1911 an den Schriftführer Professor ' Dr. F. Liebermann, Bendlerstraße 1,0, einzureichen. *.* Berlin, 4. April. Der seit 1804 bestehende Wohltätigkeits° verein „Magine Reim" hielt am 29. v. M. seine Generalversammlung ab. Sie wurde in Abwesenheit der erkrankten Vorsitzenden Herren Moritz Manheim er und Herrmann Landsberger von Herrn Dr. Minden geleitet. Ter Entwurf neuer Satzungen, durch welche die Leistungen des Vereins an die bedürftig gewordenen Mitglieder erhöht und einige veraltete Bestimmungen . gestrichen werden, wurde einstimmig angenommen. Die ausscheidenden Vorsteher Manheimer, Landsberger und Geheimrat Dr. Blumenthal wurden wiedergewählt. *** Berlin, 4. April. Das Jüdische Mädchen st ist. Lothringer Straße 16, eine Anstalt, die unbemittelten jüdischen Mädchen vollständig unentgeltlich Unterhalt und hauswirtschaftliche Ausbildung zur Vorbereitung für den Dienstbotenberuf bietet, hat nach seinem eben erschienenen 21^ Jahresbericht wieder günstigen Fortgang genommen. Die wohlbewährten Einrichtungen der Anstalt (Fortbildungsunterricht, Aushilfeleistung in geeigneten Haushaltungen, Kosttisch und anderes) find unverSn.^rt geblieben. Im abgelaufenen Jahr sind sieben, im ganzen bisher 116 Mädchen in den Dienst getreten. Die Dienstprämie von 40 Mark für mehrjährige tteue Pflichterfüllung bei derselben Herrschaft konnte bereits 22 mal verteilt werden. Soll das Stift über die bisherigen engen Grenzen hinaus wirken und die Zähl der Zöglingsstellen, welche im Höchstfälle bisher 16 betrug, erhöht werdenso bedarf es dazu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.