Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-04-07 · Heft 14 (7.4.1911) · p. Seite 168

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 14 (7.4.1911)
Date
1911-04-07
Page
Seite 168 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228961-3228976--67372-3279585
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Esterchen wußte jetzt schon, daß Blürnele nicht abgeneigt wäre, LiwnitzerS Antrag anzunehmen. -Ein ''halber Teil der Angelegenheit wäre also in Ordnung. Jetzt müßte man-noch die andere Hälfte ordnen. Dies. aberwar die schwierigere Aufgabe. Wie, wenn der Bocher noch nicht 'heiraten will? Oder, wenn er wohl wE sich jedoch eiw anderes,"'kein solch armes Mädchen ausersehen hat? Schließlich könnte man das ja m Wahrung bringen/'doch sie wüßte niemanden/-den sie mit dieser heiklen Mission zu betrauen gewagt hätte. Hatte doch Blümele genug' an der.einen Erniedrigüng/ man darf sie r- Gott behüte — keiner. nochmaligen aüssetzen. Die schroffe Abweisung aber wäre wieder nur eine solche für sie. : Also wird sie das lieber selbst ausführen. Aber wie und wann? Noch nie hat sie mit Liwnitzer -länger gesprochen und, wenn er auch-jeden Samstag bei ihnen die Kost bekam, war er für sie doch nur ein fremder Mensch. Oder noch weniger als das, denn es ist nicht Sitte, den Bocher zu bemerken, oder sich um ihn zu bekümmern. Tut nichts, von nun au wird sie sich mit ihm beschäftigen. Gedalje Liwnitzer wurde von Schwindel erfaßt, als am nächsten Samstag Esterchen zu ihm hinschwebte und ihn so holdselig anlächelte, als wäre er ein guter, alter Freund. Er stand wie gewöhnlich neben der Tür, doch Esterchen schob chm einen Sessel hin. „Setzen Sie sich, Bocher," ermunterte sie ihn lächelnd. Gedalje Liwnitzer setzte sich, doch nur eben auf den Rand des Sessels. Esterchen aber ging zum Fenster hin und blickte hinaus. . Endlich begann sie ein wenig furchtsam — „Bocher, den wievielten Perek fugt man heint?" Esterchen errötete, als sie diese drollige Frage heraüsgebracht hatte. Ach, was wird wohl der Bocher über sie denken, wenn sie. solche einfältige Dinge frägt. Gedalje fuhr zusammen. Mit einer halben Wendung drehte er sich dorthinwo Esterchen stand, doch blickte er sie nicht an. Sein Kopf sank noch tiefer auf die Brust, als,er. erwiderte: „Hietzt geht Borchi Nafschi". Seine Stimme bebte vor innerer Erregung. War doch mancherlei Grund für ihn vorhanden, um an Esterchens Frage Anstoß zu finden. Jedes wohlerzogene jüdische Mädchen muß die Reihenfolge der Sabbat-Gebetübungen kennen, Esterchen muß diese auch, kennen. Warum verwechselt sie die Sommermit der Wintergebetordnung? Nur in großer Verwirrung kann man sich so sehr irren. Nun, warum ist jetzt Esterchen verwirrt? Sein Herz schlug fast hörbar, als er sich darauf Antwort gab. Mädchen pflegen, wenn. sie verliebt sindin Verwirrung zu geraten. Also ist sie verliebt? Es fröstelte ihn und er zitterte, als er an diese Möglichkeit dachte, dann wieder wurde ihm plötzlich heiß. Seine Seelejauchzte, , dann gber verstummte der Jubel in seinem Innern, denn er schämte sich, denn ihn durchdrang ein schreckliches Sündenbewußtsein. In der Jeschiwa hält man. die irdischen Regungen für süydf h.aft. Ach Gott, was wird daraus werden? Solche Gedanken schwirrten in seinem Kopfe und würgten ihn, dann auch, noch eine andere Frage. Warum spricht Esterchen im Jargon, was sie sonst nicht zu tun pflegt? Gewiß verachtet^ sie ihn wegen seiner Unwissenheit und sieht auf ihn herab. Oder will sie eben dadurch beweisen, daß sie ihm gut sei und seinetwegen selbst das Häßliche liebt und schön findet^ > j „Nischt Perek?" frug Esterchen unsicher und hätte sich am liebsten einen Backenstreich versetzt. - Wie sehr sie sich doch blamiert hat. Jetzt hätte sie/mit einer treffenden Antwort den Fehler gut machen sollen, doch sie fürchtete, nun noch größere - Ungeschicklichkeiten zu begehen und schwieg lieber.; Doch bei der Tafel.hob sie öfter ihre strahlenden Augen auf chen Bocher und dieser bemerkte die ungewohnte Aufmerksamkeit und fühlte sich sehr unbehaglich. Messer und Gabel sielen ihm.aus der Hand, die Bohnensuppe aß er mit der Gabel und das Ritschet mit'dem Löffel. Und als er Wasser trinken wollte, stürzte en den Krug. um. Das Wasser floß in die Richtung hin, wo -die Gattin des ältesten Eschkelesschen Sohnes saß. Die Söhne lachteNund auch Frau Efchkeles lachte. „Na Gitl," lächelte still Reb Kolmen, „das bedeutet etwas." Gitl wurde rot. „Das bedeutet nichts," stammelte sie verschämt. Daraufhin lachten nun alle. Die Verlegenheit der jungen Frau sprach deutlicher als der Wasserstreif. Reb Kolmen. fühlte, wie ein süßes Gefühl sein Herz erwärmte. Ach, er dachte schon sehr oft an das erste Enkelkind. „Und Ihr habet davon mit keiner Silbe Erwähnung gemacht," sprach er, seiner Frau freundschaftlich mit dem Finger drohend. Dann wandte er sich an Gitl: „Aber jetzt gib acht auf Dich." Gitl protestierte nur wieder. Doch, als sie zum Braten anstatt der eingekochten Früchte Gurken verlangte, da war ihr Protestieren vergeblich. Gedalje Liwnitzer war glücklich, daß man sich nicht um ihn bekümmerte. Er schämte sich entsetzlich und wäre froh gewesen, wenn man die Tafel sofort aufgehoben hätte. Doch dies ging nicht so rasch. Am Sabbat gibt es vielerlei Speisen und. nach dem Essen werden Psalmen gesungen; dann erst folgt das Tischgebet. Zum . Glück hat auch das längste Ding ein Ende, so auch diese Mahlzeit mit ihren Folterqualen. Und Gedalje Liwnitzer konnte endlich gehen. Als er nach Hause eilte, dachte er immerfort an Esterchen. Wie schön sie war, als sie zu ihm sprach. Und wie süß ihre Stimme klang. Was sie fragte, war zwar ein bischen komisch. Doch, wenn maiVs bedenkt, so war es gar nicht so komisch. Der Perek ist eine Gebetübung, der Borchi Nasschi auch.' Gott ist es gleich, welche immer man hersagt, denn die göttliche Gnade ist im Winter dieselbe als im Sommer. Und wen er darüber nachdeukt, findet er, daß für die seelische Erbauung der Perek im Grunde genommen besser geeignet ist. Warum haben auch eigentlich die Rabbiner anders verfügt? Und als er in seinem Zimmer war, nahm er sein Gebetbuch hervor und sägte einen Abschnitt des Perek her. (Fortsetzung folgt.) - AxreWab Sehr geehrte Redaktion! ^hr Bericht über die letzte Repräsentantenversammlung stellte meine ■ J Aeußerung so dar, als wenn ich in Uebereinstimmung. mit Herrn Juftizrat Ignatz Cohn und Herrn Geheimrat Blumenthal der Ansicht sei, daß an einer Synagoge an jedem Sabbat nicht gebaut werden solle. Ich habe aber ganz im Gegenteil gesagt, daß wir diese Frage nach dem Neligionsgesetz, welches an jedem Sabbat die Arbeit verbiete, nicht beurteilen dürfen, da sonst sich der. Bau erheblich verteuern würde Maßgebend sei für mich nur, ob ein Aergernis erregt werde. Dies schiene mir aber der Fall zu sein, wenn man an einer Synagoge an den drei höchsten Feiertagen, dem Reu' jahrs- und dem Versöhnungstage die Bauarbeiten nicht ruhen lasse, da hierdurch die Gefühle der Gemeindemitglieder, welche sich in Festesstimmung befinden, verletzt würden. Mit vorzüglicher Hochachtung: Berlin, 31. März 1S11. Dr. Georg Minden. ' Druck unh. Verlag von Rudolf Mosie in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Banchwitz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.