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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-04-07 · Heft 14 (7.4.1911) · p. Seite 167

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 14 (7.4.1911)
Date
1911-04-07
Page
Seite 167 (sequence 11)
Language
German
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Seim Lämpchen. ' Roman von PeterMjvLri. . , . Berechtigte Uebersetzung von Rosa Trencsöni. ' ' IX. oppel Pollak war diese Woche schon zum drittenmal bei ihnen, also schien es ihr sicher, daß er nur ihretwegen komme. 'Und immer lobte er seine Kinder W nun, das tat er auch nicht ohne Grund. „Glauben Sie mir, Vruchele, es. sind Wunderkinder," rühmte er sich. „Was soll ich Ihnen sagen, Golde hat. ihresgleichen nicht. Gestern war Wochenmarkt, und da mußten Tscharne und Tuschene draußen im Zelt sein und keiner war da. um Golde zu waschen. Glauben Sie, Vruchele, daß sie geweint hat? Sie hat nicht geweint. Und' wenn man sie drei Tage nicht wäscht, wird sie auch nicht weinen. In meinem ganzen Leben Hab ich noch kein so gutes Kind gesehen. Hat man mit ihr zu tun? Gar nichts hat man — sie soll mir leben — mit ihr zu tun." „Wirklich, das ist ein großes Glück," sagte Vruchele. „Aber was für ein Glück. Dann ist da der Lebele. Lebele ist gestern vom Dachboden heruntergefallen. Ein anderes Kind bricht das Genick. Glauben Sie, daß Lebele sich das Genick gebrochen hat? Er hat es sich nicht gebrochen. Nicht einmal gequetscht hat er sich. Und . warum? Weil er auf Stroh gefallen ist. Und seit gestern — leben soll er mir —. tut er nichts anderes als schreien. Aber wie? Daß es Steine erweichen könnte, Vruchele. Ich sage ihm: „Nicht weinen, Lebele." — „Ja, ich weinen," sagt Lebele. „Und warum weinst Du, Lebele?"; „Weil ich weiß, daß Du . mich Samstag in den Tempel mitnimmst und man mich im Tempel zum Gojmilbenschen^) aufrufen wird, und ich will nicht hinaufgehen, denn ich schäme mich. — Also gibt es noch in der ganzen Wett einen solchen Knaben?" prahlte Koppel Pollak. „Welcher Knabe könnte zwei Tage hintereinander weinen? Kein. einziger. Und da sagt man noch, daß Kinder eine Last sind. Für mich sind sie keine Last, und wenn ich mich verheiraten möchte, wären sie auch für meine Frau keine. Hab ich nicht Recht? Es ist doch etwas ganz anderes, wenn man sieht, was man kauft. Glauben Sie mir, Vruchele, nur närrische Mädchen binden sich an ledige Burschen. Und warum? Denn wie kann der Mensch wissen, wie die Kinder sein werden? Und ob überhaupt Kinder sein werden? Und. ob genug sein werden? Was tut man, wenn .man einen Krüppel bekommt, oder nur zwei, drei Kinder? Das ist ja ärger als eine Krankheit. Acht Kinder, das ist ein Wort. Und gar solche acht, wie ich sie Hab'. Glauben Sie mir, Vruchele, das Mädchenwelches, meine. Frau wird, kann sich alle zehn Finger ablecken." Das arme Blümele wurde von Fieberschauern geschüttelt, als sie diese Reden hörte/ Sie wurde immer trauriger. . Esterchen ahnte Blümeles Abscheu nicht, glaubte vielmehr, sie dadurch , zu beruhigen, daß sie ihr immerwährend vom Heiraten sprach, und durch verschiedene Vorbereitungen darauf hinwies, wie ernst ihre diesbezüglichen Aussichten seien. Seit Tagen schon suchte. -• sieder^Reihe'..nach/ihre Freundinnen auf und erbat von . einer dies, von der anderen jenes,, *) Wer einer Gefahr' entronnen ist, sagt vorder Thora ein Dankgebet. - . Weißt Du, wir dürfen nicht bis zum letzten Augenblick warten. Und ohne Ausstattung kann' die Aermste doch nicht Heiraten? Meine Mutter ließ für sie die-Bettwäsche nähen — wunderschönen Kanevas; auch Oxford ist darunter. Ich würde ihr auch-gern von meinen Kleidern geben, doch sie ist größer und stärker als ich. Also dachte ich, daß Deine grüne Bluse für sie passen würde. Gibst Du sie her?" Natürlich gab sie dieselbe her. Andere gaben auch. Und als das wichtigste schon beisammen-war, dann ging sie zu den jungen Frauen. Von der einen verlangte sie den Brautschleier, von der zweiten den Kranz, von den anderen Schuhe, Handschuhe und andere Sachen. , „Ich will, daß sie eine schöne Braut sein soll. Die Aermste möge ihre Armut nicht empfinden." Von Fanny Friedländer erbat sie das Brautkleid. Es ist bestimmt, daß diese früher unter die Chupe^) kommt als Blümele, also möge sie ihr das Kleid schenken, das sie nicht mehr nötig hat. „Siehst Du, Fanny, Du bist ihr das schuldig." Fanny war ein gutmütiges Geschöpf und machte keine Ausflüchte. ' »Ist sie nicht böse auf mich?" frug sie. „Warum sollte sie das? Nicht Du Haft ihr den Kops verdreht, sondern der schlechte Mensch, der Ore Heimlich." „Wirklich, das war eine garstige Sache." „Ja wahrhaftig. Na, aber jetzt werden wir schon Ordnung machen. Wahr ist'sdaß das arme Blümele wohl Deinen Bräutigam nicht bekommt, doch sie kriegt wenigstens .Dein. Brautkleid, und, wenn ihr Gatte auch nicht dem Deinen ähnlich fein wird, wird sie doch beinahe so aussehen wie Du." Die gesammelten Habseligkeiten — eine ganze Menge — überbrachte sie dann dem Blümele. „Dieses schickt die Rosi Bleier, dieses Sali Weiß, jenes Pepi Popper." Blümele sprach kein Wort. Sie ging auf Esterchen zü und schloß sie in ihre Arme. „Das Brautkleid wird Fanny Friedländer hergeben." „Ich will es nicht!" protestierte sie da, „von ihr will ich es nicht. Nichts, verstehst Du, gar nichts! Esterchen fühlte jetzt erst heraus, daß in der Seele dieses armen Mädchens verhaltene Stürme tobten. Und von nun an äußerte sie sich zurückhaltender, vorsichtiger über die Eventualität des Heiratens. Denn eigentlich war noch nichts darüber zu sprechen. So ehrlich bestrebt auch die Leute waren, kam die Sache doch nicht recht vorwärts. Eibisch verhandelte mit diesem, mit jenem, doch erfolglos. Die Fleischbank verlockte keinen Menschen, denn dazu ist die Frau allein nicht genug, es ist auch Kapital erforderlich. Esterchen gab ihren Plan nicht auf. Auch jetzt noch fand sie, daß Gedalje Liwnitzer der Geeignetste wäre. Vergebens lächelten Vater und Mutter, sie hielt diese Kombination für sehr richtig. Ein stiller Mensch, ein gelehrter Mensch, das kann kein schlechter Gatte werden. Wahr ist's zwar, daß er das Fleischerhandwerk nicht gelernt hat, doch das kattn kein Hindernis sein. Ein Jeschiva-Bocher kann alles rasch erlernen. „Was würdest Du zu Liwnitzer sagen?" frug sie einmal Blümele. — Blümele fuhr errötend zusammen und blieb die Antwort schuldig. „Würdest Du einwilligen?" bestürmte sie nun Esterchen. Blümele versetzte ihr einen Schlag auf die' Hand und sprach hell aüflachend: „Geh', Du kleines Närrchen, Du!" Dann' lief sie davon. ' . Trauhimmel-Baldachin. . .

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