Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1911)
- Date
- 1911-04-07
- Page
- Seite 165 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228961-3228976--67369-3279582- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
I. Heine-Reliquien.*) I l Gustav Karpeles hat im Verein mit Heines Neffen ein Buch herausgegeben, das 26 bisher unbekannte Briefe Heines an seinen Bruder Gustav, Episteln desselben an seine Mutter und.Ferdinand Friedland sowie, eine größere Anzahl Briefe Heines zusammenstellt. Zu der Sammlung hat Karpeles eine-Einleitung geschrieben, die er, wenn ihm ein längeres Leben beschießen gewesen wäre, wohl mannigfach berichtigt und geändert hätte. Gar manches, was er anführt, bedarf wphl der Beschränkung, namentlich die Behauptung, daß erst durch diese Aktenstücke volle Klarheit über das Verhältnis der Heiden. Brüder geschaffen worden sei, und wenn auch der Satz,, daß bisher keine so umfangreiche Zusammenstellung von Briefen an Heine veröffentlicht worden ist, richtig ist, so hätte der Herausgeber, hinzu fügen müssen — jedenfalls muß es der Kritiker bemerken — daß der Stücke zwar viele sind, daß aber deren Inhalt nicht so bedeutend ist, wie man nach den Worten der Einleitung annehmen möchte. Gustav Heine — die an ihn gerichteten Briefe des Bruders werden hier zum ersten Male vollständig abgedruckt —war der jüngste Bruder des Dichters, er war das dritte Kind seiner Eltern. 1805 geboren, besuchte er bis 1818 das Lyzeum in Düsseldorf und siedelte 1820 nach Hamburg über. Er studierte auf einigen Universitäten, ohne seine Studien abzuschließen, später versuchte er sich auf dem Gebiete der Landwirtschaft, beteiligte sich an kaufmännischen Geschäften und trat 1829 unter dem Namen seiner Mutter in die österreichische Armee ein. Er wnrde ein tüchtiger Offizier, dabei schriststellerte er, unternahm 1847 die Gründung eines neuen Journals, „Das Fremdenblatt", dem er große Bedeutung zu verschaffen wußte. 1870 wurde er in den Freiherrnstand .V'tvr>■; Heinrich Heine. erhoben und starb in hohem Alter. Die Brüder, die sich in der Jugendzeit vor Heinrichs Uebersiedlung nach Paris mehrfach gesehen hatten, blieben in karger brieflicher Verbindung und sahen sich erst 1851 wieder. Damals nahm Gustav für Campe das Manuskript' des „Romancero" mit, verpflichtete sich mit Ferdinand Friedland ein günstiges Arrangement zu treffen, und übernahm es in Wien, Heines Tanzpoem, Dr. Faust, anzubringen. In der Ausführung dieser Aufträge hatte er nur teilweise Glück.. Campe gab aus Gustavs Vermittlung nichts, während er später in direkter Verhandlung mit. dem Dichter dessen Forderungen vollkommen befriedigte. Die Wiener Oper wollte von dem Tanzpoem nichts wissen, nur 0 Heine-Reliquien. Neue Briefe und Aufsätze Heinrich Heines. Herausgegeben von Maximilian Freiherrn v. Heine-Geldern und Gustav Karpeles mit fünf Bildnissen und fünf Faksimiles. Verlag von Karl Curtius, Berlin 1911. 357 Seiten. Zwei dieser Bilder stellen Heine dar, die ferneren sind den Brüdern Max und Uuftov bestimmt. Die Reproduktionen sind trefflich; nicht minder ausgezeichnet — ein höchst erfreuliches Zeugnis moderner Technik— sind die übrigen Beigaben des Bandes, unter denen die Wiedergabe eines Bleistiftsbriefes des kranken Heinrich an seinen Bruder durch seineWollendüng geradezu verblüffend wirkt. die Verhandlungen mit Friedland kamen, zum Teil durch Gustavs Vermittlung, zu einem günstigen Abschluß. Von diesen Verhandlungen wußte man früher auch schon viel; Heine hatte sich an dem Aktienünternehmen des Prager Herrn, eines Schwagers von Ferdinand Lassalle, mit einer erheblichen Summe beteiligt, fürchtete sein Geld zu verlieren, blieb lange in Ungewißheit, hätte aber schließlich die Freude, sein Kapital nebst Zinsen auf Heller und Pfennig zurückzuerhalten. Zwischen den beiden Brüdern kam es 1852 zu einer kleinen Verstimmung, die aber dann beigelegt wurde. Gustav schrieb nach dem Tode seines berühmten Bruders eine kurze Biographie des Verstorbenen, die in unserem Bande wieder abgedruckt ist, eine Biographie, die eigentlich doch nur beweist, daß er der kleine Bruder eines großen Mannes war. Heines Briefe an Gustav sind nicht sehr bedeutend. Das Wort, das der Schreiber einmal braucht, „Du wirst auch sicher begreifen, warum ich Dir nie schreibe; wenn man sich zu viel zu sagen hat. weiß man nicht, womit man anfange und man schweigt lieber ganz, nur in äußersten Notfällen schreibt man einen Brief," charakterisiert so ziemlich diese Briefe, Eine Ausnahme macht nur ein großes Schreiben über die Hamburger Verwandten, aber die Art, wie er hier über sein Verhältnis zu dem Onkel Salomon und dessen Sohn sich ausläßt, ganz abgesehen davon, daß es einer der dunkelsten Punkte in Heines Charakter ist, bringt zu dem schon Bekannten nicht viel Neues. Und auch sonst gewähren diese Briefe keine neuen Einblicke in Heines Leben. Heftige Bemerkungen gegen Laube und Campe, Dessauer und Saphir, auch einzelne sehr starke, geradezu empörende Stellen gegen Juden (S. 117 ebensowenig, wie sie eine neue Seite und 125) überraschen im Wesen des Briefschreibers bekunden. Interessant ist, daß der Dichter seinem Bruder ein .Autograph von Lola Montez schickt; die Zärtlichkeit, in der er sich einmal über die Mutter ausspricht (S. 85) und eine höchst merkwürdige Stelle über Ferdinand Lassalle. - Die lobende Art, wie er sich über dessen Aufsatz in Angelegenheiten seiner Duellgeschichte mit Salomon Strauß äußert (S. 67), kontrastiert in merkwürdiger Weise mit der ungeheuren Heftigkeit, mit der er sich gegen Lassalles politische und agita- - torische Tätigkeit wendet. - Die Briefe an die Mutter geben eine anmutige Ergänzung zu den ähnlichen Schriftstücken, die schon längst bekannt waren- Seine Zärtlichkeit gegen die alte Frau bleibt sich immer gleich, steigert sich höchstens gegen Ende seines Lebens; besonders rührend ist die Art, in der er sein schweres Leiden der alten Frau zu verschweigen, die furchtbaren Schmerzen ihr zu verhehlen sucht. In dem vorletzten Brief kommen folgende, höchst -ergreifende Worte vor: „Und nun lebe wohl, meine innig geliebte Mutter, und sei überzeugt, daß ich unaufhörlich Tag und Nacht an Dich denke. Noch die vorige Nacht habe ich von Dir sehr lebhaft geträumt, ich sah Dich ganz wie Du in den frühesten Zeiten ausgesehen, und ich hätte vor Kummer weinen