Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1911)
- Date
- 1911-04-07
- Page
- Seite 164 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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164 von ihrem jahrelangen. Leiden, durch eine.. Behandlung nE dem neuen Heilmittel. Viele. Briefe schildern mit geradezu erschütternder Tragik die. allmähliche Entwicklung, der Krankheitserscheinungen, welche die Lustseuche in ihrem Gefolgt nach sich, zieht. Manche von diesen: Kranken hatten vorher alle möglichen. Heilweisen . durchprobiert, ehe der waHe Glaube an die Heilkraft, der Medizin zu ihrem Glück nest befestigt wurde. Da dankt ein Mann mit tiefer Bewegnn'g dem Gelehrten für seine wunderbare Erfindirng, die im.Spital nach kurzer Anwendung ihn von seinem Knochenfraß und feinem Siechtum rasch errettete. Das Mittel hat nicht nnr die Kraft, alte fressende Geschwüre zur Vernarbung zu bringen, sondern es regt direkt die Neubildung des Zellengewebes der Haut und frisches Wachstum an. Professor Ehrlich ist stets bemüht, diese Aussagen glücklicher Patienten dadurch sorgfältig zu kontrollieren, daß er von den leitenden Aerzten der betreffenden Kliniken genaue Krankheitsberichte einsordert. Diese Gutachten bestätigten in der Tat die Angaben der Geheilten. V Es ist hochinteressant, einmal über den Verlaus der Syphilis nachzudenken, wie wir ihn immer wieder bei Frauen und Männern in gleicher Weise zu beobachten pflegen. Die angesteckte Person empfindet zunächst gar nichts von der Erkrankung. Wochenlang kann die Syphilis im Körper herumgetragen werden, ohne daß der betroffene Patient irgendwelche Anzeichen oder Beschwerden merkt! Hl diesem Zustande kann das geheime Leiden sogar weiter übertragen werden, ohne daß der Ueb ertragen d e auch nur eine Ahnung von der schädigenden Bedeutung seiner Tat zu haben braucht. ' Gerade darin liegt der fatale Charakter dieser Krankheit, daß sie vom Träger nicht immer sofort erkannt zu werdHr vermag. Man muß deshalb stets wieder mahnen, daß auch nur beim leisen Verdacht der Syphilis sogleich der fachkundige Arzt zur Untersuchung der sogenannten „Professor Wassermannschen Reaktion" herangezogen wird. Diese UnH:- suchung ergibt genaue Auskunft, ob das Blut rein oÄr schwach, mittel oder stark verseucht ist. Hiernach richtet man die Anwendung und Dosis des neuen Heilmittels Ehrlichs Hata 606 (Salvarsan). Bleibt die Krankheit unbehandelt, so entsteht an irgendeiner Stelle des Mundes, des Rachens oder des Unterkörpers eine kleine Wunde, die trotz aller Selbstbehandlung nicht heilen will, oder es bildet sich am Körper ein Ausschlag, 8er so feinfleckig sein kann, daß man ihn bei flüchtigem Hinsehen zunächst gar nicht bemerkt. Nun kann bei der Syphilis ganz von selbst eine sonderbare Art der Scheinheilung eintreten, welche monatelang, ja sogar jahrelang anhalten kann. Solche Männer, welche äußerlich scheinbar gesundet sind, können sehr oft nur syphilitische oder blödsinnige oder sonst wie entartete Kinder erzeugen! Solche Frauen können zumeist kein. gesundes Kind austragen, sondern neigen zu Aborten und Frühgeburten. Aus diesen Gründen kann man die gewaltige soziale Bedeutun g der neuen souveränen Heilmethoden gar nicht hoch genug einschätzen. Die gesamte Aerztewelt aller Kulturländer hat in ihren letzten Kongressen einmütig die Tatsache anerkannt, daß die gefährlichen Folgen der Lustseuche um so geringer auftreten und um so sicherer vermieden werden, je energischer die möglichst rechtzeitige Behandlung einsetzt. Professor Ehrlich gab mir gegenüber seiner Meinurtg Ausdruck, daß die energischste Methode die unmittelbar^ Einspritzung des Ehrlich-Hata 606 in eine Hohlader der Ellenbe.uge sei. Diese Handhabung erfordert zwar große Gewandtheit und Sicherheit der aussührenden ärztlichen Hand, aber. Professor Ehrlich zieht diese Maßnahme' entschieden allen anderen' vor. Insbesondere hält er die einfache Einspritzung des Ehrlich-Hata 606 unter die Haut für weniger empfehlenswert, weil sie Schmerzen bereitet und unsicher in ihrer Wirkung ist. 1 Die von Professor Ehrlich bevorzugte Methode ist sinnreich und wirkungsvoll zugleich. Man sticht das Heilmittel nicht unter die Hautdecke' und nicht in die Muskelschicht ein, sondern man führt eine feine, hohle Nadel ganz schmerzlos in eine kleine Vene ein, hebt den Glastrichter hoch, welcher das Mittel enthält, und läßt nun die Lösung vom vorüberfließenden Blutstrom im Körper mit in die Blutbahn fortreißen. Man kann durch dieses Verfahren, welches bei kunstgerechter Ausführung ganz gefahrlos ist, innerhalb der kurzen Zeit von fünf Minuten nicht weniger als 210 Gramm (also etwa ein halbes Pfund der Heilmittellösung) ln das Blütgefäßsystem hineinfließen lassen. Die Patienten bleiben bei dieser kurzen Operation ganz ruhig und vergnügt und empfinden weder dabei, noch nachher, irgendwelche nennenswerte Beschwerden. Nach zwölf Stunden pflegen sie auszustehen und ihrem Beruf nachzugehen. Die Art und Weise, wie man rechtzeitig der Krankheit Einhalt gebieten kann, habe ich in meiner allgemein interessierenden Broschüre „Die Heilung der Syphilis" (im Verlage von Dr. Schweizer, Berlin NW. 87), ausführlicher beschrieben. Zweifellos wird die weitere Aufklärung aller Bürger dazu beitragen, jede entstehende Seuche mit den wirksamsten Mitteln, welche die Wissenschaft uns gibt, zu bekämpfen und dadurch der Volksseuche ihren Schrecken zu nehmen! Die Forschung Professor Ehrlichs ist demnach eine Bereicherung unseres Wissens und Könnens, zugleich aber eine soziale Tat von denkbar größter Bedeutung für das allgemeine Volkswohl. tzeink-Studikn. Von Ludwig Geiger. rei interessante Bücher über Heine, die in den letzten Tagen des Jahres 1910 ausgegeben worden sind, geben zu nachstehenden Bemerkungen Veranlassung. Das außerordentliche Interesse, das gerade jüdische Kreise an Heinrich Heine nehmen — mögen sie auch über den Menschen, seinen Glaubenswechsel und seine mitunter starken Spöttereien gegen einzelne Juden recht verschieden denken — rechtfertigt, daß diese drei Schriften nicht mit einer kurzen literarischen Notiz abgemacht, sondern in selbständigem Artikel besprochen werden. Eine Rechtfertigung' dieses Verfahrens, wenn es einer solchen überhaupt bedarf, liegt ferner in dem Umstand, daß die erste der hier behandelten Arbeiten ein nachgelassenes Werk von Gustav Karpeles ist, daß die zweite ein Thema behandelt — das jüdische Element bei Heine, das die Leser unseres Blattes in höchstem Grade fesseln muß — und daß endlich die dritte eine großzügige Biographie Heines ist mit Benutzung eines so reichhaltigen Materials, wie es die früheren Schilderer dieses Lebens in solchem Um sang noch nicht benutzen könnten.