Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1911)
- Date
- 1911-04-07
- Page
- Seite 159 (sequence 3)
- Language
- German
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-KAü diesem'Zesteckommt'die'nachstehende-. Meldungdes7„Ber^. liner Börsen-Couriers" über ein Legat für das italienische Ünterrichtsminifterium gerade recht: Am 28.?,,M.üi 1907 hat 'der Ingenieur Emilio Drevero dem italienischen- Unterrichtsministerium testamentarisch die Summe von 10000 Lire vermacht mit der Bestimmung,^diesen Betrag an den Sieger eines internationalen Preisausschreibens für eine Publikation über „Die Bekämpfung des Rassen- .und. Religionshasses, insonder.he.it des. Antisemitismus^ zur Auszahlung gelangen zu. lassen. Dem italienischen Unterrichtsministerium, ist jetzt durch königliche Ber? ordnung die Genehmigung .zur Annahme des Legats erteilt worden. Bei den Festen hat nun doch, nach dem ,Uuivsrs israÄite", der frühere Minister Lüzzatti auf dem Kapitol gesprochen, ingleichen der vielbefehdete Bürgermeister Nathan. Der letztere hat auch die Glückwunschdepesche der Berliner Stadtbäter beantwortet. In Italien hat sich ferner kürzlich nach dem Muster des deutschen ent isr a e l i t i sch e r G e m ein h e bunt» konstituiert, der für das JÜdentüm, wo es nottüt, eintreten, eine Organisation schaffen, dürftigen Gemeinden zu Hilfe kommen soll. Eine zwölfgliedrige Kommission würde auf der ersten zu Mailand stattgehabten Versammlüng gebildet, die Statuten für den Bund ausarbeiten und sie einem neuen spätestens 1913 einzuberufenen Kongreß vorlegen soll. ' * Rußland dagegen, das Land, in dem den Juden schon das Schlimmste angetan worden ist, scheint nun seinen jüdischen Söhnen das schönste Recht, das zugleich die schwerste Pflicht bedeutet, den Dienst für das Vaterland beschränken zu wollen. Wenigstens meldet eine Nachricht des „Neuen Wiener Journals": Die Landesverteidigungskommission der Reichsduma hat eine Resolution angenommen, in der sie in der Erwägung, daß die Juden auf das Heer zersetzend wirken, die Juden als ein für das Heer besonders'schädliches- Element bezeichnet und den Wunsch? ausspricht, daß ein Gesetzentwurf eingebracht werde, welcher die Frage, der Wehrpflicht der Juden regelt. ,, , ' : T . V Sölcheir widerwärtigen Meldungen gegenüber, bei denen hoffentlich nur der Wünsch der Vater 'des Gedankens tft' mag es erfreulich 'genannt werden, daß die Juden den Mut nicht verlieren, sondern unermüdlich für die Verteidigung und Erweiterung ihrer Rechte kämpfen. Als Zeugnis dafür mag die Rede gelten, die der jüdische Abgeordnete Friedmann in der Reichsduma, bei Gelegenheit der Beratungen des Gesetzes über den Ansiedlungsrayon gehalten hat. Sie lautet nach dem „Univers Israälite" folgendermaßen: ' »Der GesetzentwE, der die Ausenthaltsbeschränkuttgen aufheben sollist der^erste'Versuch, den die dritte Duma zü machen hat^ um die Bedürfnisse der Juden zu befriedigen, 'die sechs Millionen ausmachen. -Die .Juden bewohnen das russische Territorium .seit dem ersten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung;, die Spuren ihres Aufenthaltes während, dieser.Reihe der. Jahrhunderte bis. auf unseren Tag haben sich in. den geschichtlichen Denkmälern Rußlands erhalten. Vor etwa einem halben Jahrhundert machte die Besetzung der polnischen Provinzen durch Rußland eine zahlreiche. jüdische Bevölkerung zu russischen'Untertanen';7 die Juden, .', die rn' ihi!eck alten Vaterland Bürger gewesen, wurden durch ihre' neuen, Herren zu rechtlosen Parias verwandelt, und-in die' Grenzen ihres alten Wohnsitzes em geschlossen. Sie wurden zahllosen Verfolgungen unterworfen und des Grundrechtes jedes. Menschen, für seine ^Existenz' zu.'sorgenberaubt.? ' Diese Art, einen Teil? seiner, neuen Untertanen/ ebenso wie alle Juden des großen Reiches^ zu behandeln,-verschaffte,der russischen Negierung den heftigsten Tadel seitens der geistes-^ und. gewissensstarken Repräsentanten Rußlands; nicht minder wurdesievon allen seit 50 -Jahren durch den Staat züm7 Studium.der' Lösung, der jüdischen Frage eingerichteten^ Kommissionen! mißbilligt/ . .77, -7 Trotzdem, hat. sich, diese, .unmenschliche,- hinfällige Gesetzgebung erhalten. , Während die Regierung sonst die Ueberreste der alten Herr, - schüft .abgeschafft hat, wurden die Juden nur. insoweit den übrigen Untertanen angenähert, daß. .sie ihre Lüsten 'zu tragen hatten: sie mußten Steuern zahlen Und im Heere dieUen. Aber während in diesem ungeheuren Reich die Sklaverei ab geschafft und die übrige Bevölkerung das RechtsreierBewegung erlangte, wurden die Juden gesetzlich'zu einem streng begrenzten Wohnort gezwungen. Man hätte denken sollen, daß dieser Zustand mit der Einführung des konstitutionellen Regiments verschwinden müßte.. da der Kaiser eigenhändig -bekannte, .er werde zu: seiner Richtschnur den von ihm durch die Verfassung vom 17. Oktober 1905 bestätigten Grundsatz nehmen, daß alle Untertanen, wie auch immer.ihre Religion und Nationalität sei, vor dem Gesetz gleich bleiben. Wirklicherkannte die erste Volksvertretung es als ihre Pflicht^ ein Gesetz auszuarbeiten, dps die Gleichheit aller Bürger bestimmte und alle Beschränkungen aufhob. die durch Nationalität oder Religion hervorgerufen. seien. - ... Auf diese Rechtsgleichheit hoffen die Juden noch immerdenn sie'sind aufs tiefste überzeugt, daß eine solche Gleichheit allein ihrer Würde - -und' dem Gerechtigkeitsgefühl entspricht, -und sie sind ferner der Ansicht, daß eine solche Lösung allein der Würde.Rußlands ziemt. Die Juden zweifeln nicht, daß von. dem Augenblick an, da wirklich die Rechtsgrundsätze in unserem nationalen Leben vorwiegen werden, die jüdische Frage von selbst aus unseren Verfassungsstreitigkeiten verschwinden wird. Aber . in. Erwartung dieses Augenblicks, sehnen sie sich nach einer Milderung einer grausam auf ihnen lastenden Gesetzgebung und können nur dankbar jeden Versuch anerkennen? der dazu bestimmt ist, ihre unerträgliche Lage einigermaßen zu verbßssern. Die Juden geben sich der Hoffnung hin, daß trotz der Meinungsverschiedenheit der Mitglieder der dritten Duma sich keine Mehrheit zur Aufrechterhaltung veralteter Gesetze finden wird, die verurteilt sind durch die Erfahrung aller zivilisierten Länder, die den moralischen Sinn verletzen, die menschliche Würde mit Füßen treten- und die es zulassen, daß ein Teil-der Bevölkerung, eines menschlichen Grundrechts beraubt ist/ nämlich desjenigen, seinen Aufenthalt srei zu wechseln. Die Abschaffung des Gesetzes der Wo.hnovtsbeschränkung ist erforderlich, nicht nur durch Betrachtungen des augenblicklichen Nutzens, sondern deswegen, weil seine Aufrechtertzaltung ein Attentat, auf die richtige Staatsauffassung bedeutet. Sie wird gefordert durch die Würde Rußlands, die Juden erwarten diese Abschaffung als einen Akt der Gerechtigkeit." ■.’.;; ' j Es ist im allgemeinen nicht unsere Art, uns mit jeder Anremplung der Juden durch antisemitische Blätterzu beschäftigen. Darum sei nur kurz auf eine Rede hingewiesen, die der Abgeordnete Raab in einer Versammlung der deutschsozialen Partei am 31. März hielt, in der er mit Triümphgeschrer auf Pie judengegnerische Bewegung hinwies und nach dem Bericht der „Staatsbürger Zeitung" sagte: „Die Zionisten bilden , eine Art Bundesgenossen unserer Bestrebungen- Die Antisemiten sind gern bereit, der Auswanderung der Juden nach einem -besonderen Staat Vorschub zu leisten." Nicht minder kurz Md verächtlich sei auch auf einen Artikel derselben „Staatsbürger Zeitung" „Der Typ Hamburger" hingewiesen, einen Artikel, der in den bösen Manipulationen eines jüdischen Geldvermittlers, dessen Treiben wir mindestens.' ebenso' verdammen wie' das genannte Blatt, die gewöhnliche und. häufige Art der Juden sehen,die Tat des einzelnen, der/Gesamtheit Schuld geben will. Das ist dieselbe Infamie, als wollten wir wagen in jedem christlichen Raubmörder, ^Wegelagerer, Trunkenbold und Sittlichkeitsverbrecher eine schlimme Folge, des Christentums zu sehen, und diese Verbrechen aus- Kosten eines.anderen Glaubens zu setzen. i; ■.