Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1911)
- Date
- 1911-04-07
- Page
- Seite 158 (sequence 2)
- Language
- German
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Kulturarbeit an den jüdischen Einwanderern, wie sle uv unseren Schulen geleistet wird, hat großen Segen für das Judentum undfür das Deutschtum gestiftet und kannMes auch ferner tun/ Mhrwerstästdige ^Mrkungen Äerd^en dann >in änderen Abschnitten von - dem Verfasser. gegewi gewMe sprachlHhe und gesellschaftliche Unarten unserer Glaubensgenossen Memachtz über ihr Streben in Großstädten und in diesen in den - lustigeren und vornehmeren Stadtteilen zu wohnen,, gegen ihre Wanderlust und gegen ihre „Zusammenhanglosigkeit mit dem Boden" . - Allenfallskönnte man sich auch mit einigen Vorwürsen befreunden, die der Verfasser gegen gewisse religiöse Anschüuungen erhebt, obgleich er hier. zu. weit geht und manchmal ziemlich. unrichtig verallgemeinert. Und gewiß kanrr man alles das unterschreiben, was er gegen die Laufe sagt, von der er "gewiß mit Recht behauptet: die Verdeutschung der Juden wird durch die Taufe gehindert. - Aber aus. das entschiedenste. — und das ist eigentlich, der Grund, aus welchem ich die Schrift zur Besprechung heranziehe — muß ich-und gewiß viele mit mir, gegen die Lösung protestieren, die dem Verfasser vorschwebt.. Als das Allheilmittel schlägt er närnlich hie Mischehe vor. Er sagt: „ Die Vorteile ^WreMer Mischehen für das Verhältnis zwischen dem christlichen und -dem jüdischen Volksteil sind unabsehbare. Die Zahl der Christen, die einen jüdischen, die der . Juden, die ejnen nicht jüdischen Bluteinschlag haben, wird sich ms Ungemessene vergrößern. Bei dem gegenseitigen Zahlenverhältnis muß bald der jüdische Anteil so klein' werden^ daß er nicht mehr als Kennzeichen einer Rasseneige'Nart angesprochen werden kann. Ihr Verschwinden wird dem Juden das Ausgehen in den Volkskreisen, in die. er: nach seinen "sonstigen Eigenschaften hi neingehört, er eichtern. Seine verwandtschaftlichen Beziehungen werden ihm Zugang zu ihnen verschaffen, so wird.sich allmählich die Masse, die heute noch im alten GhettozaUberkreise gebannt verharrt, aus ihm herauslösen. Die große Volkswelle brandet nicht mehr an. den . Mauern der Judenstadt, sie 'flutet über, sie hinweg und nimmt uns? alle auf/ macht uns und sich zu einem einig Volk -von Brüdern." - : - Ich halte diesen Satzfür: entschieden falsch. .Gewiß Wirdes oft genug Fälle geben, wo man einer Mischehe nicht: entgegentreten kann. Mir selbst ist bekannt, wie jüdische Eltern, vielleicht schweren Herzens, die Ehe ihrer Tochter mit einem christlichen Mann oder die Verbindung ihres Sohnes mit einem christlichen Mädchen gutgeheißen haben. Der Herzens-7 neigung seines Kindes.entgegenzutreten,- sein Glück oder das,' was es dafür ansieht, zu vernichten,, darf man nicht ohne weiteres von jüdischen Eltern verlangen. Aber etwas ganz anderes ist es, ob solche einzelne Fälle eintreten, oder ob das Prinzip der Mischehe .als ein richtiges, ja geradezu empfehlens-/ wertes proklamiert werden soll. Vielleicht mag sie der Völkerpsycholog wünschen zur Verwischung mancher Unterschiede, wie sie unter gewissen Gesellschaftsschichten — ich vermeide das Wort: Rasse — existieren; aber weder für die Deutschen, noch für. die Juden ist sie erstrebenswert. Für den juden-, feindlichen Deutschen nicht, weil er fürchten muß, daß der seiner Meinung schädliche Einfluß der Juden sich nun auf dix halböder ganz christliche Nachkommenschaft überträgt; für den Juden nicht, weil er die Ueberzeugung haben muß, daß durch die Mischehe er oder die Gemeinschaft, der er angehört, 1 nur' verlieren kann. Dem Lauen, der eben nur aus einer gewissen Ehrlichkeit oder Anständigkeit die Taufe scheut, mag es gleichgültig, vielleicht? erwünscht sein, wenn seine Nachkommenschaft in dieser bequemen Art dem; Christentum zugeführt wird, das Deutschtum aber hat dadurch keinen Nutzen. Es. würde nür^gewinnen, wenn die Meinung, die wir stets als die irrige 7bekämpft haben, richtig wäre, daß die-/Juden durch ihrenMauben/vder dzrxch die Beschränkung in jüdrsMm Kreisen zu leben, Eigentümlichkeiten - behielten/öder ausbMeten, die sie-verhinderten- Deutsche zwsetn,^inr solche Meinung, aber weisen wir stolz Und entrüstet vonUms) Nicht dieMischf; ehe ist das Heilmittel,' sondern die ernste Arbeit, die'wir, .ein jeder an sich, zu vollziehen haben, umwalle die Mängel, die , unSWhasten^ür Be.wMng>7 StzUche,7'LHältung von uns abzutun. Aber unser Glaube ünunsere. Sinnesart, unser Denken Und Fühlen hindert -uns in) ckeiner Weise - voll üßd! ganz Deutsche zu sein.. Daswerden. wir weder .durch die.. Taufe, noch durch die Mischehen, ' sondern"wir werden es das kann man nicht oft genug wiederholen — zunächst-durch die stete rastlose Arbeit ~ an uns :selbst und durch den Gerechtigkeitssinn unserer nichtjüdischen; deutschen Lands-^ und' Volksgenossen. ' ' : ' m? . Dir Mache. Berlin, den 4. April) j\ us dem Gebiete der hohenPylitik ist in der vergangenen Woche nichts zu melden; auch die Reichstags- und Oandtagsverhandlungen, selbst eine bedeutsame Rede^ des Heichskanzlers über die Abrüstungsfrage geben kaum Gelegenheit zu näherem Eingehen. ' ' Italien feiert sein Nationalsest. mit höchstem Glanz; daß . wir. Juden uns, dieses Festes freuen, ist Won in der letzten Uebersicht" hervorgehoben worden. "Ein kleiner Artikel^ der „Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" ist der Hervorhebung wert. Er lautet: ' ■; ’; An der 50 jährigen Erinnerungsfeier der Gründung des - Königs - reichs Italien nehmen die dortigen Juden mit ihren ctndersgläübigen Mitbürgern den regsten Anteil. Hüven sie doch in jenem Freiheits» kampf in den vordersten Reihen gestanden und ihr Blut für die Einheit des Vaterlandes verspritzt, r. Essei. nur daran erinnert, daß sich unter den tausend Helden von Marsala acht Juden befanden. .^7 Die. Juden der appenninischen Halbinsel erfreuen -sich der.absolutesten staatsbürgerlichen Gleichberechtigung. Auf dem .^politischen.u.nd / auf. dem militärischen Gebiet haben sie , die. .-'höchsten) Rangstufen '. erklommen. Ein Jude — Oltolenghi — ist Kriegsminister gewesen, ein anderer — Luzzatti— hat es sogar bis zürn KabiNetlschef gebracht, Diese Gleichberechtigung muß nätürgemäß ' dazu beitragen, den Patriotismus der italienischen Juden wächzuhalten und sie zu den äußersten Opfern für die Macht und Freiheit Italiens anzüspörnen. In der „Pommerschen Reichspost" lesen wir: : »Ein junger -deutscher D>plomat,AdolPhvL Flöckher,hat uns zur Lehre, und den Italienern zum Geburtstagsgruß jetzt ein Büchlein (hei Curtius, Perlin, 80, Pfennig) hinausgehenlassen, das ganz überraschende. Lichter, bringt. Flöckher entdeckt eigentlich, erst. d.as - neue Italien für uns und erfüllt uns mit aller Achtung vor dex gewaltigen Arbeilsleistung, die die Römer von heute vollbracht haben. Vielleicht streut er Männern. wie Luzzatti und Nathan, die doch keine Italiener sind, etwas zu viel Weihrauch, aber seine 'Zählen sind überzeugend; was er -"von der italienischen Wehrmacht Md namentlich von dem wirtschaftlichen Aufblühen - de8 Landes erzählt das wirkt einfach verblüffend:.. Wir haben bisher nur das Malerische gesehenvon der Herrlichkeit des? Dogenpalüstes. bisl zur Lerlurnptheit der LazzaroniFlöckher aber beweist? uns, .daß ,,unsere Freunde, die Italiener" -nüchterne'• und.- doch-..a«Mig-xshzWge Volkswirte sind, .die die Zukunft für sich haben." ... . .: ' Es. ist .interessant,., wie. .'daß'. känferpativ-antisemitifche Blatt.sich genötigt sieht, Männern, wie dem General,Ottolenghi, einem hervorragenden Repräsentanten der. italienischen Wehrmacht, und dem „großzügigen Volkswirt" Luzzatti den Tribut der Anerkennung zu zollen.