Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1911)
- Date
- 1911-03-31
- Page
- Seite 156 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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anders empfindet der Leser für diesen armen Juden als für den Doktor, der bei dem Tode eines, 2? jährigen Sohnes den Totenschein nur gegen sofortige Bezahlung ausstellen will, „unH als er um Frist: gebeten wurde, angesichts der Leiche über die unverschämten Juden geschimpft hatte, die sich den: Doktor so mir nichts rufen lassen wie einen Hausknecht." Der Verfasser läßt dann die Zeit : der Kriege 1866 und 1870 an uns horüberziehen und die Zeit.des beginnenden und sich bis zu tätlichen Angriffen auf die . Juden steigernden Antisemitismus. Er schildert Selbsterlebtes und zollt, noch nachträglich warmen Dank jenem hessischen Staatsmann S^li^e, der den Juden in jenen Zeiten höchster Gefahr ein treuer Beschützer gewesen ist. Herrlich auch ist die Schilderung von . der Unterredung des alten Schmiedemeisters, den einst Juden in selbstlosester Weise vor dem Untergange bewahrt hatten, mit seinem Enkel, der in dem Dorfe jetzt Anführer, der antisemitischen Jugend ist. Er entläßt ihn mit den Worten: „Nur eines vergiß nicht. Du bist in Wickert (Name des Schmieds), halt' was auf den guten ehrlichen Namen." und rottet mit dieser Unterredung die antisemitische Strömung im Dorfe aus. Nur mit Rührung aber vermag man am Schlüsse jene gerade wegen ihrer Schlichtheit und Einfachheit so ergreifende Ansprache zu lesen, die in der Festes nacht des Schowuaus-Festes beim „Lernen" der alte Kiewe an seine Glaubensbrüder:richtet, in der er sie auffordert, Benjamins zu gedenken und auch des alten Wickert, der in der Zeit der Bedrängnis zu einem Fürsprecher aller Juden im Dorfe wurde. „Nur der Dankbare ist auch ein der Wohltat Würdiger und habe er sonst gar keine Vorzüge der Geburt, des Charakters oder der Erziehung." Eine kleinere Erzählung, die uns ebenfalls mitten in das jüdische Leben einer kleinen Dorfgemeinde hineinführt, läßt der Verfasser feinem „Kälbchen" vorangehen. So möge denn diesem Werkchen die gleiche warme Ausnahme zuteil werden wie den früheren aus der Feder des Verfassers; die Familien, die dem Judentum noch treu sind und es mit Inbrunst lieben, werden vieles Schütte und Wahre, vielleicht auch: persönlich Erlebtes: wiederfinden, und denjenigen unter uns, die mit der Religion ihrer Vater nicht mehr, in dem Zusammenhänge stehen wie ihre Vorfahren, denen möchte ich bie; Lektüre dieses wahr und warm empfundenen Werkes erst recht empfehlen in der Erwartung, daß die Gefühle und die Begeisterung für das Judentum, die im Innersten bewußt oder unbewußt noch schlummern, dadurch wieder zur lohenden Flamme empörwachsen. Rabbiner Sänger. ' ■■ * — Der Prophet. Novelle von Richard Huldschiner. (Zeitschrift März. München. Nr. 1, Januar 1911.) Eine wahrhaft poetische Erzählung, gleich gut in Sprache und Erfindung. Es wird ein jüdischer Jüngling in grauer Vergangenheit geschildert, der von den Seinigen verstoßen, bei armen Leuten aufwächst und in seiner Einsamkeit prophetische Gaben durch göttliche Gnade in sich spürt. Er predigt in gewaltiger Weise gegen die Sünden und Uebeltaten seiner, dem götzendienerischen Wahn hingegebenen Glaubensgenossen. Er lebt in einer Höhle und nährt sich von den Früchten des Feldes. Als er durch Bewaffnete aufgehoben werden soll, läuft er durch einen unterirdischen Gang in die Höhlung deS Berges, wo er die künftigen Jahrtausende erwarten soll. Diese Verbindung des Barbarossa-Motivs mit einem Juden, den die Gegenwart nicht begreift, und den die Zukunft als Lichtspender erwarten soll, ist poetisch sehr schön. Die ganze Erzählung ist ein Juwel, dessen man sich herzlich freuen kann. L. G.; 4 — Merelaika. Roman aus dem galizisch-jüdischen Volksleben von S. Schachnowitz. Frankfurt a. M. Verlagdes „Israelit" G. m. b. H. 1910. Belletristische Beilage des „Israelit" Band 4. Dieses Buch ist äußerlich eines der schlimmsten Erzeugnisse jüdischer Verleger, die Ausstattung ist geradezu unwürdig. Aber auch innerlich ist es nickt zu loben. Wir alle, ohne Unterschied der. Partei, mißbilligen höchlichst den Bauernfang, den Geistliche oder sogenannte religiös gesinnte christliche Edeldamen mit jüdischen Mädchen treiben, indem sie sie unter allerlei Vorspieglungen ins Kloster locken; wir freuen uns, wenn es der List oder der Gewalt gelingt, den Räubern eine solche Beute abzujagen. Aber die Art, : wie dies hier von zwei jüdischen Mädchen erzählt wird, ist absolut unmöglich und ist auch innerlich unbegründet. Denn diese beiden Mädchen fühlen sich seit lange höchst unglücklich in ihrem Elternhause, sie meinen sich unendlich erhaben über den engen jüdischen Geist, der in diesen Häusern herrscht. Sie sind stolz auf ihre polnische Bildung nnd sehnen sich, wenigstens die eine von ihnen, zwar nicht nach der Taufe, aber nach einem christlichen Bewerber. Die plötzliche Umwandlung, die im Kloster mit diesen beiden Mädchen geschieht, ist daher absolut unmöglich uud wirkt aus den Leser nicht befreiend, da sie nicht als eine-wahrhafte und berechtigte Umkehr * dargestellt wird. Geradezu abstoßend für die meisten Leser ist es aber, wie in diesem Buche das Treiben eines Wunderrabbi verklärt,; er geradezu zu einem Heiligen, zu' einem Wohltäter der Menschheit \ gestempelt wird. Und noch weniger ist es zu billigen, daß alle auf- K tretenden Juden brave, wenn nicht geradezu Mustermenschen sind, Jf alle vorkommenden Christen aber mit Ausnahme eines stets besoffenen ® Fuhrknechts, als Heuchler oder Schufte charakterisiert werden. Mit solchen Mitteln ist es wirklich nicht möglich, einen jüdischen Roman zu schaffen, an dem der Aesthetiker und auch der Jude Freude findet. — Urkundliche Beiträge zur Geschichte der mährischen sJudenschast im 17. und 18. Jahrhundert. Herausgegeben von Willibald Müller. Olmütz 190 3. Druck und Verlag von Laurence Kullil in Kommission bei Otto Härrassowitz in Leipzig. Eine ältere Arbeit, die vermutlich mit einem neuen Titelblatt versehen ist, ohne Aenderung der Jahreszahl. Das Werk ist mir erst im Dezember 1910 zugegangen. Sein Inhalt ist folgender: Die königlichen Städte und die mährische Judenschaft; Konskription und Separierung der Judenschaft im Jahre 1727. Die Paradiesapfelsteuer. Die Polizei-, Prozeß- und Kommerzial - Ordnung des Jahres 1754. Ein Konflikt (Abraham Sckaye Auspitz und Herschel Lewi). Judentaufen in Mähren unter Maria Theresia. Die Wahlen der mährischen Oberlandrabbiner^' vön 1728 bis 1789. Wie das Toleranz-Patent für Mähren entstand." Schlußwort. Das Buch ist reich an bisher unbekannten Aktenstücken. Das meiste gehört einer eben nicht allzu wichtigen Lokalgeschichte an. Von allgemeinerem Interesse sind die Abschnitte über die Judentaufen und die Entstehung des Toleranz-Patents. In dem ersteren Aufsatz werden nur einzelne Fälle nach den Akten mitgeteilt, hier wäre eine statistische Zusammenstellung sehr erwünscht gewesen. In einer Einleitung und in einem Schlußwort verficht der Verfasser allgemeine Gedanken, besonders den, daß die Juden kein Volk, sondern eine Glaubensgemeinschaft seien, einen Gedanken, dem wir vollständig beistimmen. Wäre das gut ausgestattete und vortrefflich gedruckte Buch nur etwas besser geschrieben. Der Stil der Urkunden des 17. und 18. Jahrhunderts zusammen mit den Austriazismen haben verderblich auf die Ausdrucksweise des Autors gewirkt. Der Schlußsatz ist geradezu ein Monstrum. - L. G. --- Im Verlage von Wilhelm Braumüller in Wien und Leipzig ist soeben in zweiter, vermehrter und verbesserter Auflage Dr. Jg. Zollschans ausgezeichnetes Buch „Das Rassenproblem unter besonderer Berücksichtigung der theoretischen Grundlagen der jüdischen Rassenfrage" (Preis broschiert 6 Mark — 7.20 Kronen, gebunden 7.40 Mark — 8.80 Kronen) erschienen. — Daß von einem Buche wie dem Zollschanschen nach kaum Jahresfrist die erste starke Auflage vergriffen und eine zweite notwendig geworden ist, darf kaum erstaunlich erscheinen. Ist doch das Rassenproblem eines derjenigen, die in der neuesten Zeit den größten Einfluß auf Denken und Fühlen, auf Politik und Volkswirtschaft, auf das ganze soziale Leben genommen haben. Die glänzende Aufnahme der ersten Auf läge, welche durch die — in allen Buchhandlungen erhäRlichen — Prospekte bekundet wird, beweist, daß der Erfolg ein wohl», verdienter ist. Druck und Verlag von Rudolf Masse MBerlin. Beräntwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.