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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-03-31 · Heft 13 (31.3.1911) · p. Seite 155

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 13 (31.3.1911)
Date
1911-03-31
Page
Seite 155 (sequence 11)
Language
German
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a &5 „Es muß sich einer finden-" sagte sie trotzig und mattsäh ihr's an, wie in ihr der Stolz des Eschkelesschen Blutes gährte. ,>Mein Vater will es auch, also wird es sein. Wenn heute nicht, so morgen." ' In Brucheies traurigen Augen leuchtete die Hoffnung auf.. Wenn es auch Eschkeles haben wollten, dann konnte es'wirklich werden. Blümele schwieg. In ihr konnte man nicht so leicht die Hoffnung erwecken, als in ihrer Mutter. Eher erschreckte sie noch die rege Teilnahme und das Interesse der Gemeinde für ihre Person. Es ist ja möglich, daß man sie verheiratet, aber an wen? Was kann ein armes Mädchen, welches durch die Gemeinde ausgeheiratet wird, erhoffen? Einen armen Hausierer, einen stellenlosen Handwerksburschen, vielleicht gar einen Witwer oder einen Geschiedenen. Und davor bangte ihr am meisten. Und nachts, wenn sie mit wachen Augen träumte, schlugen ihre Zähne aufeinander, so oft sie daran dachte. Der Reihe nach ließ sie die. Burschen, dann die verwitweten und die geschiedenen Männer Revue passieren. Unter den Burschen fand sie keinen solchen, den sie nach Auffassung der Gemeinde als zu ihr gehörig hätte betrachten können. Daß die Wahl der Gemeinde auf irgendeinen Bocher der Jeschiwa falle, daran wagte sie gar nicht zu denken. Also wird man ihr sicherlich einen Witwer aussuchen. Vielleicht gar Koppel Pollak, welcher acht Kinder hat. (Fortsetzung folgt.) Litkrsrilchk Mittrilungen. — D ie Ophthalmol og ie b ei d en alten Hebräern. Aus den alt- und neutestamentlichen Schriften unter Berücksichtigung des Talmuds, dargestellt von Or. med. et pbil. L. Kotelmann, weiland Augenarzt in Hamburg. Hamburg und Leipzig 1910. Verlag von Leopold Voß. VIII. 436 <S. 8°. 15 Mark. Das vorliegende Werk ist das Ergebnis 30 jähriger Arbeit, die Lösung einer Lebensaufgabe. DerVerfasser, ein bekannter Augenarzt in Hamburg, auch hochverdient um die Förderung der Schulgesündheitspstege, war anfangs Theologe, wirkte als Vastor und Schloßprediger in Pommern seit 1868, ging dann zur Philologie über und war bereits Oberlehrer am Pädagogium in Pntbus, als er 1872 im Alter von 33 Jahren das Studium der Medizin in Marburg begann, das er 1876 vollendete, um sich dann in Hamburg als Augenarzt niederzulassen. Die Mitteilung dieser Lebensdaten des Verfassers mußte» vorausgeschickt werden, um für die Entstehung des vorliegenden Werkes eine Erklärung zu geben. Die Neigung zu orientalischen bzw. hebräischen Studien muß wohl dem Sohne des Demminer Gymnasial-Konrektors tief im Blut gesteckt haben. 0n revient toujours ä ses premieres amours. Schon seine Doktordissertation, die er in Marburg 1876 veröffentlichte, ist einem spezifisch jüdisch-medizinischen Thema gewidmet. Sie handelt von der Geburts- Hilfe bei den alten Hebräern und ist eine ausgezeichnete. Arbeit mit einer Fülle literarischer, Bibel und Talrnude gleichmäßig berücksichtigender Angaben. Daß Kotelmann seitdem diese Studien nicht aus dem Auge gelassen hat, beweist unter anderem auch seine Beteiligung an der von dem verstorbenen Arzt Rawitzki angeregten Erörterung über die Frage, ob die Talmudisten den Kaiserschnitt an derLebenden gekannt haben. Kotelmann ist dafür eingetreten, während Rawitzki unter der etwas rätselhästen Bezeichnung des „joce Fopben" nicht den Kaiserschnitt an der Lebenden, verstanden wissen will, vielmehr eine Geburtsstörung,.aus deren Schilderung wir jedoch mit Rücksicht auf unsere Leser hier nicht eingehen, Diese tiefe, angeborene Liebe Kotelmanns zu der semitischen Wissenschaft in Verbindung mit seiner philologischen Schulung und der spezialistischeu Fachkenntnis auf dem Gebiet der Augenheilkunde hat ihn zu dem vorliegenden Werk geführt, an dem er, wie er in der Vorrede bemerktein Menschenalter gearbeitet: Hat. 'Leider hat Kotelmann nur noch das Erscheine» des ersten Druckbogens erlebt. Bereits-am 28. Juni 1908 ist er während eines Badeaufenthaltes in Jlsebürg verstorben. -Jedoch ist es dem Verleger, gelungen, in, Gand; .min. Arnold Walther eine fachmännische Kraft zur weiteren Ueberwachung und Durchsicht des Druckes zu gewinnen, und diesem Umstande ist es zu verdanken, daß uns dies herrliche Merk aus Kotelmanns Nachlaß erhalten geblieben ist, in dem alle das Äluge und seine Teile betreffenden Einzelheiten mit bewundernswertem.Fleiß und mit einer geradezu enzyklopädischen Vollständigkeit quellenmäßig und in musterhafter Ordnung nach Bibel und Talmud zusammengestellt wird. Von der Fülle des beherrschten und beigebrachten Stoffes kann man sich komm eine Vorstellung machen. 2874 von Gelehrsamkeit strotzende Fußnoten enthält das Buch, Fußnoten, die zum Teil halbe, ja ganze Seiten einnehmen und den Text der Darstellung selbst an Umsang überragen. Die Zitate beweisen, daß Kotelmann in Bibel und Talmud heimisch war, wie selbst ein jüdischer Gelehrter es nicht gründlicher sein kann. Daß außerdem altklassische Weisheit zum Vergleich herangezogen ist, wodurch der Wert der Arbeit gesteigert wird, sei nur nebenbei bemerkt. Kotelmann hat mit seinem Buch alle älteren Abhandlungen über Augenheilkunde in Bibel und Talmud — ihre Zahl ist uicht gering, wie das Seite 427 bis 429 umfassende alphabetische Verzeichnis beweist — sozusagen überflüssig gemacht. .Für. diesen Zweig der „jüdischen Medizin" haben wir eine Leistung erhalten, die mütatis mutandis an Bocharts Hierozoikon und an ähnliche vielseitige Werke von altem Schlage erinnert. Bedenkt man, auf welchen Gebieten der Verstorbene sonst noch erfolgreiche Leistungen aufzuweisen hat, so darf man auch ihn zu den Polyhistoren im besten Wortsinne rechnen. Aber unter allen seinen Arbeiten dürfte von ihm selbst wohl die vorliegende am meisten geschätzt worden sein. In bezug aus gründliche, liebevolle Durcharbeitung steht sie in der Tat alsein Muster da.'Selbst ein wertvolles Sachregister ist nicht vergessen — übrigens ist auch der Druck korrekt. Nur am Schluß Seite 426, letzte Zeile, wäre noch ein Druckfehler zu monieren. Es muß hier heißen: „Augenheilkunde" statt „Naturheilkunde". PI. * -----Arthur Kahn, I ü d i s ch e D o r f g e s ch i ch t en, Berlin^ M. Popellaur, 1910. Der in jüdischen Familien mit Recht so beliebte Schriftsteller Dr. Arthur Kahn hat seinen immer größer werdenden Leserkreis wieder mit einem neuen schönen Merkchen beglückt. Der Verfasser versteht es auch hier wieder mit seltener Geschicklichkeit, in ein scheinbar einfaches Gewand einen Stoff zu kleiden, der nicht nur ob seiner lebhaften Darstellung, sondern auch dank seiner Lebenswahrheit und der getreuen Charakterzeichnung seiner Personen den Leser fesselt. „Das Kälbchen" nennt der bescheidene Verfasser seine rheinische Dorfgeschichte, und man ahnt noch nicht, vaß der für sein Judentum so begeisterte und seiner rheinischen Heimat so treu anhängliche Verfasser auch hier wieder Erinnerungen aus den ernstesten Zeiten seines eigenen Lebens niederlegt. In ein kleines rheinhessisches Dorf wird der Leser geführt und ihm hier ein Bild gezeigt, wie es das Revolutionsjahr 1848 gezeitigt hat. Hier wie anderwärts sollte eine Verfassung eingeführt werden, und auch der Bauer, wie wohl er wenig oder gar nichts von der Bedeutung dieses Wortes verstand, hatte es auf seine Fahne geschrieben. Wir lernen einen wackeren Schmiedemeister kennen, einen ehrlichen und überzeugten Kämpen für Recht und Freiheit, der sich-dadurch die bitterste Feindschaft des Bürgermeisters, des „Schottes" (Schultheiß), zugezogen hat. Dieser Feindschaft hat der Schmied schließlich den Verlust seines Vermögens zuzuschreiben. Während nun der unerschrockene Dorfbewohner einen erbitterten Kampf um sein Recht und seine Existenz gegen den Dorfgewaltigen führen muß, erscheint ihm ein Jude als Retter und verhilft ihm zu neuem Wohlstand. Man muß dem Verfasser besonderen Dank dafür zollen, daß er es wunderbar versteht, in einem „armseligen Viehtreiber, einem unwissenden, ungebildeten und beschränkten Dorfjuden, der in stetem Kampf mit des Lebens Drangsalen und Nöten schwer zu ringen hatte", das Mitgefühl und die Teilnahme, so wie sie das Judentum von feinen' Bekennern fordert, zu personifizieren.^ Wie so ganz

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