Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1911)
- Date
- 1911-03-31
- Page
- Seite 154 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Er verlangte nach seinem Zimmer. Der Sohn nahm ihn beim Arme und begleitete ihn bis zur Türe. „Ich will den Bocher," forderte der Alte. Gedalje Liwnitzer stand auf und begleitete den Alten in dessen Zimmer. „Setzen Sie sich Bocher," sprach ermunternd der Alte. Gedalje setzte sich. „Nicht so," sprach der Alte mißbilligend, „zum Fenster hin." Gedalje drehte sich zum Fenster hin. Prüfend Musterte ihn der Alte eine Weile, um sich zu überzeugen, daß er ihn nicht hintergehe. Als er sah, daß dieser unbeweglich dort saß, trippelte er zum Kasten und öffnete ihn, den Bocher auch von dort aus im Auge behaltend. „IM finster draußen?" fragte er. „Nicht sehr." „Ja, es ist Mondschein . . . aber schauen Sie hinaus!" Gedalje blickte hinaus, und der Alte stöberte indes aus er Tiefe des Kastens ein kleines Kästchen 'hervor, probierte dessen Schloß und, als er sah, daß es unversehrt sei, lächelte er glückselig. Dann schloß er wieder den Kasten und setzte sich zum Tisch. „Bocher," begann er, „wie heißt das, was die Menschen dann schreiben, wenn sie schon nichts mehr brauchen." Gedalje kannte des Alten Mucken, und so verstand er auch diese dunkle Frage. „Es heißt: Testament." „St. . . st . . . leise ... de Suten Hot scharfe Uhren."i) Er kauerte sich zusammen, als ob es ihn fröstelte und schwieg lange Zeit. Endlich Hub er an: „Vielleicht ist es gar nicht so gefährlich, was?" Gedalje erwiderte nichts. „Wissen Sie, Bocher, was meines Großvaters Nebel gewesen ist? Er hat sein Testament geschrieben, und daran ist er gestorben. Wenn der Mensch sein Testament schreibt, dann stirbt er." Gedalje sagte, „das ist ein Aberglauben. Daran stirbt der Mensch nicht." „Ich möchte ja daran sterben," sagte trotzig Reb Joßele. „Und schauen Sie, Bocher, ich möchte sehr gern mein Testament schreiben. Es ist eine sehr schöne Sache, wenn der Mensch schreiben kann: Ich hinterlasse zehntausend Gulden zum Ausheiraten armer Mädchen." „Wirklich, das ist eine schöne Sache," bestärkte ihn Gedalje. „Wenn ich zu diesem Zwecke zehntausend Gulden hinterlassen möchte, könnte man Berele Beers Tochter gleich ausheiraten." „Ja wirklich, das könnte man dann." „Also, soll ich hinterlassen?" „Ja, tun Sie das, Reb Joßele." „Die Kunde davon würde sich verbreiten, was?" „Ja, tatsächlich." „Und jeder würde sagen: Dieser Reb Joßele ist ein guter Mensch." „Ja, das würde man sagen." : „Also, Bocher, wissen Sie was, schreiben wir. Aber schön ruhig." Und er schob dem Bocher Papier. Tinte und Feder hin, damit er schreiben sollte. Gedalje tauchte die Feder ein und sagte: „Ich schreibe Reb Joßele: Mein Testament. Wird das so recht sein?" „Nicht so, -nicht so," sprach erschrocken Joßel^. ,-Dieses -Wort braucht man nicht. Das ist ein schlimmes Wort, ein verhängnisvolles Wort. Mein Großvater ist darangestorben. Schreiben Sie ein anderes. Schreiben Sie: Sugje Boßer becholew." *) „Aber das bedeutet doch etwas anderes." - „Das will ich. Wenn der Guten hineinschaut, soll er nicht wissen, von was ich schreibe." - Gedalje schrieb darauf: Sugje usw.; „Sehr gut," sprach kopfnickend Reb Joßele. Und jetzt schreiben Sie: Zehntausend Gulden hinterlasse ich; . . Nicht so Bocher, das ist nicht gut. Schreiben Sie so: Wenn ich zehntausend Gulden hätte, oder wenn ich zehntausend Gulden haben werde." „So kann das nicht sein." „Aber ja; ich weiß das besser." „Ich bedauere, Reb Joßele. Wenn wir dieses Testament dem Rebbe vorlegen, so beglaubigt er es nicht." „Also wie muß man schreiben?" „So Reb Joßele: Bei klarem Verstände und in/ Gottes Willen ergeben, verfüge ich folgendermaßen über mein Vermögen: Nach meinem Tode . . . Reb Joßele klammerte sich krampfhaft an Gedaljes Arm. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. „Warten Sie, Bocher! So muß man schreiben . . . So, nach meinem Tode . . . und Sie schreiben nicht einmal dazu, daß über Hundertundzwanzig Jahren „So muß man schreiben," sprach Gedalje Liwnitzer ernsthaft. „Das brauche ich nicht," kreischte der Alte. „Gehen Sie.... Packen Sie sich . . . Auch Sie wollen meinen Tod ... Ich 'werde geben, aber erst dann . . So geschah es, daß die Gemeinde weder am nächsten, noch am zweitnächsten Tage und auch später nicht wußte, auf welche Art sie ihren Beschluß ausführen tollte. Denn Geld hatte die Gemeinde nicht und ohne Geld kann ' man kein Mädchen verheiraten. Die Naghsöröder konnten darob keine Ruhe finden. Wo ollten sie das Geld hernehmM und woher den Bräutigam? Denn ohne Geld kann keine Hochzeitsein, aber ohne Mann noch viel weniger. Und diese Hochzeit' mußte stattfinden, denn fetzt handelte .es sich um die Ehre der Gemeinde. Jeder kümmerte sich darum, am meisten ließ es sich Esterchen Eschkeles angelegen sein. Als ob sie am tiefsten empfunden hätte, wie sehr Blümeles Seele unter der erlittenen Schmach brannte. Samstag vormittag, als die Männer in den Tempel gingen, eilte sie zu Blümele. „Aber so lache doch schon einmal," ermunterte Esterchen das stille Ding, „Du wirst sehen, diese, häßliche Sache wird sich noch zum Guten wenden." Bruchele lauschte ihren Worten wie denen einer Heiligen., Niemandem vertraute sie mehr, nur diesem kleinen 'Mädchen., „Glauben Sie das wirklich?" fragte sie und versenkte ihren feuchten Blick in. die schönen aufrichtigen Äugen. Esterchens. - ' . .; „Aber gewiß." ' ' '/; „Wenn sich aber keiner findet?" /'/ „Für ein solches Mädchen/sollte sich keiner finden?" „Und wenn doch nicht?" / h Ein Thema'aus dem Talmud. - v h Der Satan hat scharfe Ohren.