Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1911)
- Date
- 1911-03-31
- Page
- Seite 153 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228961-3228975--67348-3279560- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Adliger die Hauptpersönlichkeiten sind, dazu leichte, liebenswürdige, aber, auch tapfere und energische Mädchen. Die Art z. B., wie eine dieser letzteren, die durch manche Hände gegangen ist, sich aber die Anhänglichkeit an ihren ersten Freund bewahrt hat, diesen, einen tüchtigen Musiker, aus seinem trottelhaften Stumpfsinn herausreißt, währenddessen er in Gesellschaft einer Orientalin und eines Affen in Schmutz und in Verblödung haust, wie sie ihn wieder zu einem ordentlichen Menschen macht und seiner Kunst wiedergewinnt, ist prächtig dargestellt. Aber sonst kann man an dem Buch, das eine gewisse Begabung verrät, keine rechte Freude finden. Nicht weil die meinen Menschen, die uns vorgeführt werden, unangenehm sind, das Milieu, in das wir hineingezwängt werden, widerwärtig ist, sondern weil der Verfasser es nicht verstanden hat, die Tatsachen, die er berichtet, wahrscheinlich, und die Menschen, die er darstellt, glaubhaft zu machen. L. G. msm Leim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. Berechtigte Übersetzung von Rosa Trencsöni. VIII. /^L^enendl hat recht. Warum zischen Sie? Was meinen Sie, ich bin darum gekommen, um Ihr Gezische anzuhören? Und was werfen Sie die Arme hin und her, wie ein Gehängter? Was wollen Sie? Gehängt hat man Sie noch nicht, obwohl das, was man mit Ihnen getan hat, beinahe so viel ist, als ob man. Sie gehängt hätte." Genendl erbleichte, sprang auf und stellte sich neben ihren Mann hin, als ob sie ihn beschützen und verteidigen wollte. „Was reden Sie?" fragte sie mit gepreßter Stimme. „Was hat man ihm getan? Und Du hast mir gar nichts gesagt. Hat man Dir Böses zugefügt, Reb Ore? Na, red" doch mein Teurer." Rotsteck wurde durch diese Worte betroffen. „Also Sie wissen nichts?" „Aber was denn?" fragte Genendl verzweifelt. „Was? Daß man Ihrem Manne das Fleischhackrecht weggenommen hat. Aber ich Hab" dem Vorstand gesagt, daß das eine Impertinenz ist." Genendl begann ihr Gewand zu zerreißen. „Gewalt! Ech schrei Gewalt!" „Nunu," beschwichtigte sie Rotfleck, den dieser Gefühlsausbruch überraschte. Genendl geriet noch in größere Wut. „Ich geh" nach Naszvad!" schrie sie, „ich geh" in den Friedhof und brech" die Gräber aus, un ech wer schreien Gewalt .. . Ein solche Schande, eine solche schreckliche Schande . . . Reb Burem, Naszvads Schwiegersohn, hat man geaßert. . ." Vergeblich suchte man sie zu trösten, vergeblich wollte man sie beruhigen, das Jammern tat ihr wohl. Rotfleck suchte^ sie zu trösten. Als er aber sah. daß er mit schönen Worten nichts ausrichten könnte, empfahl er sich. Indessen selbst die gemäßigten Elemente billigten die Entscheidung der.Gemeinde. Namentlich die Frauen waren vollkommen einverstanden, daß die Gemeinde für das arme, in seinem Empfinden verletzte Mädchen sorgen wollte. Esterchen Eschkeles war ganz glücklich, als sie hörte, was manbeschlossen habe. ' Dieses Thema wurde auch während des Abendessens behandelt. - „Also was denkst Du, Papa," fragte Esterchen, „wem werdet Ihr das arme Mädchen geben?" „Ich weiß es wirklich nicht," lächelte der Vater. „Gebet sie nur einem guten Menschen. Einem besseren Menschen. Weißt Du, ich glaube, es wäre am besten, sie an einen Bocher zu verheiraten." Ihr Auge blitzte auf Gedalje Liwnitzer hinüber, der mit gesenkten Blicken unbeweglich beim Tische saß. Gedalje fühlte diesen Blick, und der Bissen blieb ihm im Halse stecken, so daß er husten mußte. Esterchen goß Wasser in ein Glas und schob es Gedalje hin. „Trinken Sie," sprach sie lächelnd. Gedalje hob das Glas zum Munde, doch seine Hände zitterten so, daß. seine Zähne an dasselbe stießen. „Also ja," wandte sich Esterchen wieder an ihren Vater. „Ihr werdet sie einem Bocher geben." „Der muß Geld haben," erklärte ihr der Vater. „Also gebet Ihr es." „Die Gemeinde ist arm." ■ „Gewiß gibt es zu diesem Zwecke eine Stiftung." „Eine Stiftung?" mengte sich der alte Eschkeles in das Gespräch, der älteste Eschkeles, ein neunzigjähriges Männchen, welches vergnügt von den Hühnerknochen das Fleisch heruntersaugte. „Von welcher Stiftung redet Ihr? Ha? - Ihr redet wieder von einer Stiftung? Freilich, Ihr wartet schon auf die Stiftungen." „Aber Großpapa," beruhigte ihn Esterchen, „nicht von Ihrer Stiftung reden wir. Wir. reden von etwas anderem." .. „Na darum," brummte der Alte' und beruhigt Hub er wieder an, den Hühnerknochen zu saugen. Esterchen beugte sich zu ihrem Vater hinüber. Ihr süßes Gesichtchen strahlte: „Papa, ich wüßte wohl jemanden," flüsterte sie. „Wen?" Esterchen antwortete nicht, sondern blickte nur lächelnd auf Gedalje hin. „O, Du kleines Närrchen, Du!" lachte ihr Vater. „Wäre das etwa nicht gut?" „Das ist ja ein großer Gelehrter. Er paßt für kein so einfaches Mädchen," erwiderte leise Eschkeles. Jetzt mengten sich auch Frau und Söhne in die Konversation. Der alte Reb Jossele drehte sein zitterndes Köpfchen bald nach rechts, bald nach links und spitzte die Ohren, ob sie wohl nicht wieder von etwas sprächen, was ihm unangenehm sei. Es fiel ihm schwer, das Wesentliche des Gesprächs zu verstehen und das ärgerte ihn. Endlich fragte er mißtrauisch: „Warum habt Ihr also von einer Stiftung gesprochen?" Man erklärte ihm, wovon man gesprochen und warum man die Stiftung erwähnt habe. Der Alte war beruhigt. „Wirklich, wirklich," brummte er, „zu so etwas braucht man eine Stiftung.. Man ' muß für die armen Mädchen sorgen . . . Schöne Sache das . . . und die Stiftung ist auch eine schöne Sache . . . die Stiftung spricht an" statt des Menschen, wenn dieser nicht mehr sprechen kann. Also gibt es noch keine solche Stiftung? Es wird eine sein, Ihr werdet schon sehen . . . Man muß für ' die armen Mädchen sorgen . . ."