Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1911)
- Date
- 1911-03-31
- Page
- Seite 152 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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heutzutage wie ein Märchen aus alten Zeiten und ist zugleich für den rückschrittlichen und finsteren Geist, der jetzt im offiziellen Rußland herrscht, bezeichnend, daß die russische Regierung auch das Gutachten des Juden Berthold Auerbach eingefordert Hatte. Tolstoi hatte davon Kenntnis erhalten, und es bereitete ihm hohen Genuß, sich über diesen seinem Herzen nahestehenden Gegenstand zu unterhalten. Auch Auerbach war eine Plauderei mit seinem Gast sehr willkommen. Freilich waren beide Jm ’ dieser pädagogischen Beziehung nicht ein und derselben Meinung. Denn was man damals in Deutschland als wirksames Mittel der Volkserziehung angewandt hatte, schien dem Russen, der über diese Dinge aus ganz anderen Kültürbedingungen nachdachte, und sich mit dem russischen Volksgeiste verwandt fühlte, durchaus nicht immer für seine slawische Heimat zu passen. Tolstoi, der aus den Anschauungen des Landlebens herausgewachsen war und der in militärischen Uebungen bei den Feldzügen in noch wenig kultivierten Gegenden seinen Körper zahlreichen Griffproben unterworfen hatte, war von einem ganz anderen Ideal der persönlichen Erziehung erfüllt, als er es damals in den deutschen Schulen verkörpert fand. Später freilich, als bei uns die modernen Errungenschaften einer zielbewußten und vernünftigen Pädagogik sich Bahn gebrochen hatten, erkannte er willig deren Vorzüge und sprach sich in rühmender Weise über die deutschen Unterrichts- und Erziehungsmethoden aus. - In Jasnaja Poljana wie in Moskau, wo Tolstoi seine Stadtwohnüng hatte, zählten nicht nur christliche, sondern auch jüdische Arme und Notleidende zu seiner Klientel. Er unterstützte sie alle reichlich, oft über seine finanziellen Kräfte. Rührend war es zu sehen, wie der Graf menschenfreundlich und herzlich so einen, zerlumpten jüdischen Bettler in zerrissenem Kaftan an der Herrschaftstafel bewirtete, ihm Trost zusprach und sich mit ihm — oft im Jargon — unterhielt. Unsere Weisen sagen, daß das Andenken der Großen und Starken zum Segen gereiche. Gewiß wird auch das Andenken an den großen, starken und gerechten Tolstoi, den herrlichen und edlen Menschen, den klaren Denker und den Freund der Juden fort und fort Segen stiften und schließlich auch im offiziellen Rußland seine weihevolle Kraft bewähren. jCian Feuchtwänger: Drr tönerne Gatt?' er Roman eines Juden, und zwar in/ dem doppelten Sinne, daß der Roman von einem Juden geschrieben ist und von Juden handelt — und doch kein jüdischer RomaN- Wäre der Verfasser Christ, so könnte man fast von einem antisemitischen Werke sprechen, denn der darin gezeichnete Held, Dr. Heinrich Friedländer, Sohn des Fabrikanten und Multimillionärs Friedländer aus Berlin ist ein sittlich brüchiger Aesthet, der seine Zeit rNit Weibern und leichtsinnigen Genossen vergeudet, nach dem Tode seines Vaters in kürzester Zeit durch wahnsinnige Spekulationen und kostspielige Journal- und Theatergründungen sein Geld verbringt, schließlich seine Freunde anpumpt, seine Münchener Villa, die er allein aus dem Zusammenbruch gerettet hat, ansteckt und niedrig genug ist, das Opfer seiner Geliebten, Lotte Fürst — übrigens einer Christin — anzunehmen, ein Opfer, das darin besteht, daß sie sich als Brandstifterin angibt und verurteilt wird. Anstatt diesem heldenmütigen Wesen die Treue zu *) Roman. E. W. Bonsels & Co., 1893. wahren, geht er ein neues Liebesverhältnis ein und treibt die . frühere Geliebte in den Tod. Daß dieser Aesthet ein fein empfindender und hochbegabter Schriftsteller ist, der seinen ersten Erfolg durch den Text zu einem Oratorium, den er als reicher Jüngling davongeträgen, durch einen zweiten, größeren Erfolg eines biblischen Dramas übertrumpft, eines Dramas, das bei Reinhardt äufgeführt wird, ändert an seiner moralischen Minderwertigkeit nichts. Außer diesem jämmerlichen Helden, in dessen Nähe man Schauder empfindet, lernen wir, abgesehen von dem Vater, der aber nur eine episodische Figur ist, nur noch einen Juden, Harry Meifels, kennen. Daß der Vater ein sehr gewiegter, durchaus nicht bildungsseittdlicher, aber im Gefchäftsleben völlig aufgehen- -der Kaufmann, seine Geschäfte und sein Riesenvermogen ohne alle Kanteten seinem Sohn hinterläßtdessen Geschäftsunkenntnis und dessen Leichtsinn er wohl durchschaut, nimmt Wunder, und es setzt den Leser in nicht geringes Erstaunen, daß ein durch zähe Arbeit im Lause der Jahrzehnte gewonnenes' Riesenvermögen (es handelt sich etwa um 20 Millionen) und weit verbreitete geschäftliche Unternehmungen in wenigen Monaten völlig verschwinden können. Harry Meisels ist der Typus des. spöttischen, häßlichen, geistreichen, moralisch höchst anfechtbaren Literaturjudem Er läßt sich durch Heinrich Friedländer längere Zeit erhalten, ohne sich dadurch die Freiheit rauben zu lassen, offen und geheim auf ihn zu sticheln, läßt sich dann von einer englischen Schauspielerin kaufen und heiraten, ohne damit sein sinnliches und sonstiges Genußleben aufzugeben und hätte gar nichts dagegen, bei der tapferen, schönen und liebenswerten Lotte Fürst die Stelle Friedländers einzunehmen. Bon ihm stammt auch die Bezeichnung, die unserem Roman den Titel verliehen hat: „Der tönerne Gott", denn er vergleicht mit einer Anspielung auf eine bekannte Stelle im Buche Daniel seinen angeblichen FreuNd mit dem Gott, der auf tönernen Füßen steht und prophezeit ihm in der Epoche, da noch alles sich vor ihm beugt, äußeren und inneren Untergang. Das Buch, ist keine hervorragende Leistung, aber gewährt eine ganz spannende Lektüre. Freilich ist der Charakter des Haupthelden nicht ausreichend erklärt, nicht Psychologisch genug motiviert. Daß ein wohlerzogener, feingebildeter Mann in Liebesdingen skrupellos sein kann, mag noch hingehen — er hat hintereinander drei Geliebte, von denen er zwei ohne jedes Bedauern ausgibt, und man ahnt schon, daß auch seine Beziehungen zu der dritten nicht von Dauer sein werden; daß .ein im größten Luxus Auferzogener Millionen vergeudet und schließlich ein Bummler und Betrüger wird, mag auch denkbar sein, wenn es freilich hier nicht recht glaubhaft gemacht wird; viel schwerer ist es zu begreifen, daß ein des moralischen Sinnes nicht völlig Beraubter seine kostbare Billa, die ihm viel mehr als eine bloße Wohnstätte war, anstecken kann, um die hohe Versicherungssumme zu erlangen und sich dadurch aus seinen pekuniären Nöten zu besreien, und daß ferner ein aus sein Liebesleben so bedachter Genießling sich, nachdem er den Brand angelegt hat, neben seiner Geliebten zur Ruhe legen kann, wobei er doch Gefahr läuft, mit seiner unschuldigen Gefährtin entweder zugrunde zu gehen oder mindestens bedenklichen Schaden an seiner kostbaren Gesundheit zu erleiden. •' : " ‘ So wenig motiviert Charakter und Taten des Helden sind, so amüsant und - gut gezeichnet sind die Nebenfiguren. Es ist die Schilderung der Münchener Boheme: Musiker, Lyriker, Essayisten, Vertreter der Lebewelt aus der bayerischen Hauptstadt männlichen und weiblichen Geschlechts, unter denen ein ehemaliger sächsischer Gesandter und ein russischer