Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1911)
- Date
- 1911-03-31
- Page
- Seite 151 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Auch -darf wohl ausgesprochen werden, daß ohne die Sympathien des großen Tolstoi, dem die russische Regierung nie wagte, einen Prozeß anzuhängen, das Los der russischen Israeliten sich noch schlimmer als bisher gestaltet hätte. Graf Leo , Tolstoi hatte schon von Jugend auf großes Interesse für das Alte Testament und widmete sich längere Zeit dem Studium des Hebräischen. Er war ein Kenner der Bibel. Er vervollkommnete seine Kenntnisse der hebräischen Sprache und Literatur bei dem Warschauer Rabbiner Minor, ja, er soll selbst den Talmud und die Kabbala in der Ursprache gelesen und in beiden tüchtig Bescheid gewußt haben. Doch steht diese Abnahme nicht fest. So soll er einem ihm befreundeten Rabbiner, als dieser ihn besuchte, gesagt haben, daß er es lebhaft bedaure^ nicht in den Geist.der hebräischen Sprache tiefer eingedrungen zu sein. ,4 Daß er, wie gesagt, im Alten Testament sehr belesen war, dafürlegen viele seiner Schriften, speziell seiner Romane, . Novellen und, Dramen, . beredtes Zeugnis ab. In seinem Bestreben,, das Ur-Christentum in seiner vollen Reinheit und Wahrheit herzustellen, mußte er sich bald davon überzeugen, daß dasselbe die Lehre „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" dem Alten Testament entnommen hat. Die .schlichte Auslegung des heiligen Buches des jüdischen Volkes gab ihm die Gewißheit, daß aus diesem reinen Quell nicht nur die wahre Religion, sondern, auch die wahre Moral und Ethik stets in ihrer vollen Frische hervorsprudle. Welchen Einfluß das Studium des Alten Testaments auf die religiöse und sittliche Lebens- und Weltanschauung dieses Denkers ausgeübt hat, das bekunden unteranderemseine .Bücher: „Mein Bekenntnis", „Was sollen wir denn tun" und „Ueber das Leben", ' Ganz im Sinne und im Geist der Bibel forderte er von den Christen im Namen des einigen und einzigen Gottes der Juden Liebe und Menschlichkeit. Die Christen müßten ihren Egoismus töten und für andere sich opfern. Was jetzt als Christentum der „echt, russischen Leute" gelte, sei oft nichts als ein Hohn auf die Lehren des Ur-Christentums. Wer je das Glück hatte, den Grafen Leo Tolstoi auf seinem Erbgute Jasnaja Poljana aufzusuchen, wird mit Interesse wahrgenommen haben, daß in seiner Bücherei das Alte Testament in der. Ursprache in den verschiedensten Ausgaben vorhanden war und daß auch der Talmud Bawli und Jeruschalmi sowie die Kabbala nicht fehlten: Auf seinem Schreibtische lagen unter anderem Adolph Teicherts Schrift „Für Israel" sowie sonstige apologetische, Juden und Judentum betreffende Werke. So hatte er, was nur wenigen bekannt sein dürste, von einem deutschen katholischen Schriftsteller Joseph Schrattenholz, der vor 16 Jahren einen „Antisemiten-Hammer", eine Anthologie aus der Weltliteratur, herausgegeben, worin den Antisemiten gründlich und derb heimgeleuchtet wurde, dieses Werk nicht nur dankend angenommen, sondern auch dem Verfasser eine erkleckliche Summe sowie einen Dankbries zugesandt. Der Herausgeber erzählte mir, daß er später in Erfahrung gebracht, daß Tolstoi sich über das Werk auch anderen gegenüber mit größter Anerkennung ausgesprochen hat, und daß er einige in dem „Antisemiten-Hammer" enthaltene deutsche Gedichte sich ins Russische übersetzen ließ. Zu diesen von ihm übertragenen Poemen zählte auch das von F. Brunold verfaßte kleine Gedicht „Der Antisemit", dessen Wortlaut hier mitgeteilt werden soll: . Der Antisemit Ist ein verkümmert Gemüt, Der niemals, mit offenem Blick ...? Durch Feld und Wald gegangen, Wo die Blumen verschiedentlich prangen, . : . •* Die Vögel ihr innerstes Glück Ausjauchzen in Liedern mannigfaltig, * - Die Berge und Seen vielgestaltig. . . . ' Die Bäume ernst steh'n, jedweder Strauch Durchzittert, durchbebt von Gottes Hauch, Und Du kleinlicher Mensch willst allein Ein Richter über Deine Brüder sein? Geh' in Dich, schlag' an Deine Brust '; Und bet' in Demut, tief'Dir bewußt: °." . ': ' : Gott sei mir Sünder gnädig! - \ Schon in jungen Jahren kam Graf Leo Tolstoi mit namhaften Juden in persönliche Berührung. Dies war unter anderem auch im Sommer 1860 der Fall, als er einige Zeit in Deutschland weilte. Wie der von israelitischen Eltern abstammende Ueberfetzer und Biograph des . Dichters- Richard Löwenfeld, der kürzlich verstorbene.Direktor des Schiller- Theaters in Berlin, erzählt, machte damals Tolstoi dem Physiologen Emil du Bois-Reymond in dessen Hörsaal, einen Besuch; bei diesem Anlaß machte er die Bekanntschaft des israelitischen Kandidaten der Medizin namens Frankels der ein Führer des jungen Russen während dessen Aufenthalt in Berlin war.. Dieser erkannte in dem russischen Grafen bald einen Mann von außerordentlicher Bildung, ungewöhnlichen Fähigkeiten und einer unersättlichen Wißbegierde. Frankel führte Tolstoi auch, in eine Versammlung des Berliner Handwerker-Vereins. Der Vortrag eines hervorragenden Gelehrten vor Männern aus allen Schichten des Volkes, besonders aber die Eröffnung des Fragekastens, eine Form der volkstümlichen Belehrung, die Tolstoi bis dahin gänzlich unbekannt 'war, waren für ihn erfreuliche Zeichen einer allgemeinen Bildung, von der sein Vaterland Rußland noch, sehr weit entfernt war. Er fand sehr viel Vergnügen an diesen Versammlungen. In Begleitung Fränkels^ besichtigte er auch das Moabiter Gefängnis, doch widerstrebte das Zellensystem, das dort vorherrschte, seiner menschenfreundlichen Gesinnung. Von Berlin reiste Tolstoi unter anderem nach Dresden, und zwar in erster Linie zu dem Zweck, um unseren dort wohnenden Glaubensgenossen Berthold Auerbach, den damals hoch gefeierten Verfasser der „Schwarzwälder Dorfgeschichten"-kennen zu lernen. Wie die Biographen Tolstois berichten, hatte der russische Poet dem genialen Volks-Schriftsteller gleich vomBeginn seiner literarischen Tätigkeit eine aufrichtige Verehrung entgegengebracht. Er erkannte das Gesunde und Erfrischende, das durch diese Novellen in die deutsche Literatur hineingetragen wurde und hielt diese Richtung für eine erfreuliche und nachahmenswerte, wenn er auch in ihr mancherlei konstruiert und von philosophischen Gedanken angekränkelt finden mochte. Er unterließ es auch nicht, Berthold Auerbach gegenüber es auszusprechen, daß dessen Dichtungen tiefen und nachhaltigen Eindruck auf ihn gemacht haben. Anch ist der Einfluß des deutschen Dichters auf die novellistisch-dramatischen Schöpfungen . Leo Tolstois unverkennbar. Doch nicht allein die poetischen Werke des ehemaligen Rabbinats-Kandidaten, sondern auch noch eiy anderer Umstand führte Leo Tolstoi zu ihm. . ' . Die russische Regierung hatte zu jener Zeit, wie Eugen Zabel in seiner Schrift über Tolstoi ausführt, die Anregung zur Ausarbeitung eines Entwurfs gegeben, in dem die Frage erörtert wurde, wie sich die notwendig gewordene Umformung der russischen Volksbildung am besten und zweckmäßigsten äusführen lassen würde. Diese Abhandlung war nun einer Anzahl Pädagogen und Schriftstellern in Frankreich und Belgien, abex auch in Deutschland zugegangen, deren Ansichten über dieses wichtige Thema man russischerseits hören wollte. Es cklin