Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1911)
- Date
- 1911-03-31
- Page
- Seite 150 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3228961-3228975--67345-3279557- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sprechapparat konstruier? werden könnte/bei d eM den gegen die Aufnahmemembrane geäußerten Schallwellen möglichst wenig Widerstand bei der Niederschrift der Schallwellen^ntgegengesetzt würden. Von seinen mannigfachen Studien her war ihm auch der sogenannte' Phonäutograph von Leon Scott vorn Jahre 2855 bekannt geworden. Dieser Apparat schreibt Laute aus einen drehbaren und mit Ruß überzogenen Papierzhlmder nieder unddürfte auch wohl die erste Anregung zu dem Edisonschen Phonographen gegeben haben. Während indessen der Phonograph und das Graphophon die Schallwellen in vertikaler Richtung in die Walzen eingruben, werden die Laute aus der bewußten Walze des Scottschen Phonautographen'in paralleler Richtung zur Drehachse niedergeschrieben. Aus demselben Prinzipe nun schuf Emil Berliner seine Sprechmaschine, dev er zum Unterschiede gegen die frühere Benennung Phonograph und Graphophon den freigewählten Kunstnamen Grammophon gab.; %. t. Tritrl. . Aus dem Russischen von Löon A. Trachtenberg, .^ünfunddreißig Jahre richterlichen Dienstes des Mitgliedes des Saratower Bezirksgerichts Jacob Lwowitsch Teitel, und zwar 27 Jahre in Samara und 8 Jahre in Saratow, sind verflossen, und gleichzeitig fünfunddreißig Jahre im Dienste der Gesellschaft, und besonders der Armen, — der Armen, ohne Unterschied der Völkerschaft und des Glaubens; aller Leidenden, aller Dürftigen, weil im Werke der Menschenliebe und der Wohltätigkeit der Unterschied der „Hellenen" von „Judäern" ebenso organisch Teitel fremd ist-, wie in Sachen der Justiz. Und von dieser Seite schätzen ihn gleich die „Hellenen" sowohl, als die „Judäer". In Saratow hat sich ein Komitee gebildet, um Teitels Jubiläum zu organisieren. Alle wohltätigen Anstalten - in Saratow (in mehreren davon ist der Jubilar Vorsitzender, fast allen gehört er als Mitglied an), der bessere Teil der jüdischen und christlichen Intelligenz, die gesamte jüdische- Gemeinde sind bestrebt, das Fest seines Jubiläums zu feiern. . . . . v- Die Feier war auf den 12. März bestimmt. Die Petersbürger Gesellschaft kennt den Jubilar seit lange her, und nicht nur als den letzten Mohikaner der jüdischen Juristen im Dienst des Justizministeriums, sondern auch als Gemeindevertreter Und als energischen Organisator, der jüdischen Wohltätigkeit. Ihn kenüen äuch die Wirkenden des „Handwerkerfonds" ebensogut,' wre die Arbeiter der „Gesellschaft zur Verbreitung der Bildung". \ Um den Rainen des Jubilars zu verewigen, gründet die -Saratower jüdische Gemeinde einen besonderen Geldfonds zum Zweck) in Saratow irgendeine jüdische Wohltätigkeits- oder eiste Bildungsanstalt ins Leben zu rufen. Um den besten Beweis'der Achtung und Sympathie für die lichte Persönlichkeit '-des''Jubilars auszudrücken wäre nötig, an diesem guten 'Merk teilzunehmen.; Grsk Lev Tolltoi und das Judentum. ”.! ' Von Dr. Adolph Ko Hut. rj- ■ . (Nachdruck verboten.) a's der kürzlich im 83. Lebensjahre verstorbene große - russtsche Dichter, Schriftsteller und Moral-Philosoph, HraftLev Tolstoi, für die Aufklärung und Bildung der Russen 'Wärst' welchen Anteil seine Werke an dem Aufblühen der' russischen Nationaleiner- und der Weltliteratur anderseits genommen, und welchhohe ethische Ziele >er 'angestrebt,' ist allgemein bekannt und bedarf wohl keiner weiteren Ausführung. Im Leben von der orthodoxen Kirche . Rußlands exkomuniziert,. verhaßt und verfolgt und von den Reaktionären in aller Herren Ländern versehmt und beschimpftfeiert.er jetzt, wo an seinem Grabe der Parteien Hader verstünunt, gleichsam eine Auferstehung als ein Prophet des ' Guten, Schönen und Edlen, als ein Humanitätsfreund ersten Ranges, dessen ganzes Tun und Trachten, Mrken und Schaffen der Verwirklichung der Ideale geweiht-war, die in ihm lebten. Wir dürfen nicht vergessen, daß Graf Leo Tolstoi während seiner ganzen literarischen Tätigkeit fortwährend mit feurigen beredten Zungen Menschenliebe und Duldung predigte. Jede Anfeindung und Gehässigkeit eines Menschen seiner Religion oder seiner Nationalität wegen war ihm in der tiefsten Seele zuwider. Allen denen, die im modernen so judenseindlicheri Rußland an dem Fortschritt der Humanität und. ber Gerechtigkeit verzweifelten, rief er im Nachwort seiner „Kreuzer- Sonate" das Wort zu: „Falsch ist, daß das Ideal unendlicher Vollkommenheit für das Leben nicht als Leitstern dienen könne und daß uns nichts übrig bleibt, als entweder: uns achselzuckend abzuwenden mit Worten: Es ist mir nutzlos, da ich es doch niemals erreichen kann, oder das Ideal bis zu der Stufe zu erniedrigen, welche meine Schwachheit einzunehmen beliebt. So zu denken wäre ganz dasselbe, als wenn ein Seefahrer sich sagen würde: Da ich nicht in der Richtung fahren kann, welche mein Kompaß aüzsigt, so werfe ch den Kompaß beiseite oder sehe ihn nicht mehr an, d. h. verwerfe das Ideal oder ich befestige die Magnetnadel an der Stelle, welche in einem bestimmten Augenblick dem Gang meines Schiffes entspricht, d. h. ich erniedrige das Ideal meiner Schwachheit entsprechend." Leo Tolstoi zählte zu den wenigen großen öffentlichen Charakteren Rußlands, die sich gegen die schmachvollen Pogrome gegen die Juden, wie sie von den „echt russischen Leuten"-in so grausamer Weise in Szene gesetzt wurden, aussprachen. In seiner berühmten Kampfschrift: „Ich kann nicht schweigen", gab er zwar nicht so sehr seiner Entrüstung über die Pogrome als über die Maffenhinrichtungen in Rußland Ausdruck) aber indem er die Grausamkeiten und Unmenschlichkeiten aufs schärfste verurteilte, brandmarkte er, wenn auch nur indirekt, zugleich auch die ruchlosen Judenmetzeleien und Abschlachtungen. Das Leiden des jüdischen Volkes in fernem Vaterlande ging ihm ans Herz, und er stigmatisierte das verbrecherische Treiben der Antisemiten, die unter dem Deckmantel des Christentums die rohesten und barbarischsten Taten vollzogen und die Religion des Stifters der christlichen Kirche schändeten. Er verabscheute die gesetzlichen WohnUngseinfchränkungen der Juden im Ghetto, dem Staate das Recht' absprechend, die Juden gleich Parias zu behandeln und'ihre Menschenwürde mit Füßen zu treten. Von seinem freiheitlichen Standpunkte aus sympathisierte er sogar mit der zionistischen Bewegung, und zwar aus dem Grunde, weil diese kühn die Fahne der Freiheit entrollte und weil ihm jede Begeisterung für nationale und religiöse Interessen als ein Beweis des Strebens und Ringens nach den idealen Gütern der Menschheit hochwillkommen war. Wenn es ihm auch nicht gelang, seinen südisch -russischen Mitbürgern staatsbürgerliche Menschenvechte zu erwirken und die russischen Machthaber zu veranlassen. Recht und Gerechtigkeit in Sachen der Juden zu üben/ so hät er doch wenigstens vor den Augen des gebildeten Europas die intellektuellen Anstifter der Pogrome als ruchlose 'Missetäter hingestellt und so detr MdrdeÄr ’; eistest' * -moralischen Fußtritt versetzt, von dem sie sich nicht mehr erholen konnten.