Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1911)
- Date
- 1911-03-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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-- 116 -- p! ich keine Einwendung zu machen habe, sind daher die, auf deren Autorität hin nicht selten ein Rabbiner gewählt wird. Diese Wenigen werden es gewiß für ihre Pflicht erachten, sich auch nach den übrigen Eigenschaften des künftigen Gemeinderabbiners zu erkundigen, im wesentlichen aber sind sie genötigt, ihr Urteil nach der einen von ihnen gehörten Predigt abzugeben. Das ist eine schwere Verantwortung, ein Zustand, aus dem sich die schwersten Mißgriffe erklären. 2. Der zu Beurteilende tritt unter den ungünstigsten Bedingungen auf. Gewiß kann man einzelnes aus einer Probepredigt erkennen: Haltung, Organ, Beherrschung der deutschen Sprache. Das letztere unbedingt, das erste einigermaßen, das Organ nicht immer. Denn die Haltung kann unter dem Einfluß der Schüchternheit linkisch werden, das Organ wegen der Aufregung des Redners nicht voll austönen oder infolge einer Erkältung heiser klingen. Aber selbst wenn der Prediger Glück hat, wenn sein Organ ihn nicht im Stich läßt, wenn er die Schüchternheit so weit besiegt, um würdevoll zu erscheinen, was beweist das? Doch nur, daß er in dieser einen Predigt genügt hat. Es soll Vorkommen (exernpla sunt odiosa), daß er eben seine einzige gute Predigt gehalten, damit bestochen hat und durch seine ferneren Reden allgemein enttäuscht. Aber viel häufiger geschieht es, daß ein guter, ja vortrefflicher Prediger, dem der Ruf eines gediegenen Redners vorangeht, der in seiner Gemeinde außerordentlich beliebt ist, mit se iner GastpredigL glatt abfällt. Dies geschieht teils infolge seiner Befangenheit teils der Reiseermüdung, der er zum Opfer fällt, teils der zu hohen Ansprüche wegen, die er an sein unbekanntes Publikum stellt, teils der Unterschätzung, die er dem fremden Kreise gegenüber walten läßt. Aber noch andere Umstände kommen hinzu: Entweder er will seine Gelehrsamkeit beweisen und . peinigt seine Zuhörer durch Anführung zahlloser Bibel- und Talmudstellen, oder gerade der tief Gelehrte macht durch sein Bestreben, in einem fremden Kreise recht schlicht und einfach zu reden, den Eindruck eines Unwissenden. Ein Redner, dem es wohl gegeben ist, zu rühren und zu erbauen, hat gerade, bei der Probepredigt den Einfall, nur belehren zu wollen, und die Hörer fällen die^ Entscheidung,^er lasse kalt; ein anderer, dessen Hauptstärke gerade die Belehrung ist, gefällt^sich^darin, packen zu wollen, und versieht es gerade bei dieser Bemühung. Den dritten ereilt das Mißgeschick, daß sich der Prophetenabschnitt wenig oder gar nicht zum Text eignet, er sieht sich daher genötigt, sich an den Wochenabschnitt zu klammern, der ihm oft genug nicht die geringste Handhabe gibt. So kommt es vor — ich spreche aus eigenster Erfahrung, denn ich habe wohl schon ein Dutzend Probepredigten mit angehört, — daß durch zufällige Umstände ein Prediger von großem Rufe, reichem Wissen, großer Einwirkung auf die Herzen bei seiner Probepredigt einen Eindruck macht, der allem widerspricht, was man von einem Redner erwarten zu dürfen glaubt. Endlich sind noch zwei andere Umstände zu erwähnen, die geeignet sind, das ganze Institut der Probepredigten als ein verwerfliches erscheinen zu lassen. Der eine, in dem oben angezogenen Artikel bereits hervorgehoben, ist der, daß diese ganze Schaustellung eines geistigen Führers der Gemeinde unwürdig ist, der andere, daß sich der Geistliche, namentlich der, der wiederholt zu Probepredigten weggereist ist und häufigere Mißerfolge zu verzeichnen hat, in seiner eigenen Gemeinde diskreditiert. Denn so zufrieden diese auch sonst mit ihrem Geistlichen sein mag, so wird sie ihm solche Mißerfolge nachtragen. Ist er nicht lebenslänglich angestellt, so kann - er durch solche anderwärts erlittenen Schlappen seine Stellung verlieren; ist er lebenslänglich angestellt, so haftet ihm immer ein gewisser Makel an, wenn er mehrfach als Abgewiesener, als Besiegter cm seine Wirkungsstätte zurückkehrt. : Gewiß läßt sich vom Standpunkt der Gemeindebehörden manches für Beibehaltung der alten Institution sagen. Sie haben häufig darauf hingewiesen, daß sie nicht in der Lage sind, herumzureisen, um den Kandidaten an dem Orte seines Wirkens zu hören. Sie behaupten, vielleicht nicht mit Unrecht, die Verantwortung für eine Wahl nich. übernehmen zu können, wenn sie den Redner nicht selbst, und zwar in der Synagoge, gehört haben, in der er zu wirken haben wird. Aber ich glaube, daß diese Gründe kein Gewicht haben gegen die oben entwickelten Gegengründe, und ich kann meinerseits nur den Ruf billigen: Fort mit den Probepredigten. >.#yT Die Woche. Berlin, den 28. März. zwei Staaten fanden in der vergangenen Woche Ministerkrisen statt: in Italien und Rußland. Aber es ist für die Zustände beider Länder charakteristisch, wie dies geschehen ist: in dem verfassungsmäßigen Italien reichte der Ministerpräsident Luzzatti mit seinen Kollegen ein Entlassungsgesuch ein, weil ein übrigens ziemlich gleichgültiger Beschluß der Kammer ihm nicht recht zu geben schien und sein Verbleiben schwierig machte; in dem autokratischen Rußland glaubte der Leiter des Ministeriums Stolyp in nicht weiter in seiner Stellung verweilen zu dürfen, weil er das Vertrauen seines Herrn verloren zu haben wähnte. Ebenso kennzeichnend wie die Ursache war auch der Ausgang in beiden Ländern; der konstitutionell handelnde König von Italien nahm, wenn er auch den Abgang seines treuen Beraters bedauert, die Entlassung an und wandte sich an die Vertreter der Mehrheit, welche die gegen die Regierung gerichtete Entscheidung gegeben hatte. Der russische Selbstherrscher besinnt sich sechs Tage lang, ob er dem Diener sein Vertrauen wieder zuwenden wolle oder nicht. Nach solch bangem Harren ist es nun entschieden, daß Stolypin am Ruder bleibt. Für uns ist der Ministerwechsel in Italien von keiner besonderen Bedeutung, so sehr wir bedauern mögen, daß die Herrschaft eines jüdischen Ministerpräsidenten so kurze Zeit gedauert hat, und daß er bei dem Fremdenstrom, der während der Jubiläumsseierlichkeitendas schöne Land überschwemmen wird, das sonnige Reich nicht zu repräsentieren imstande ist. Er ist gleichgültig, denn die gesegneten Verhältnisse der Juden ändern sich nicht mit einem Ministerwechsel. So wird man gern dem Lande und seinem Herrscher zur fünfzigjährigen Feier der Einheit Italiens Glück wünschen, und wie der König in seiner Rede gesagt hat, sich der Hoffnung hingeben, „daß das Land durch Werke des Friedens zu dem allgemeinen Fortschritt beitragen möge in stetigem Emporsteigen zu immer höheren Idealen". Leider muß man ja auch sagen, daß eine Aenderung in der Stellung der höchsten Diener der Krone in Rußland für uns gleichgültig sein kann. Ob Stolypin wirklich bleibt, oder ob er schließlich doch geht, das Schlimme, was er den Juden angetan hat, oder von dem er geduldet hat, daß es den Juden geschehen ist und immer weiter geschieht, wird auch unter einem Nachfolger nicht geändert. Daß menschliche und gerechte Minister cm, der Spitze Rußlands stehen, kann auch der zuversichtlichste Optimist nicht erwarten. k 3