Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1911)
- Date
- 1911-03-24
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Berlin, 24. März 1911 5 Nr ■“ Der Gemetndevote. Veilsge zur „Allgemeinen Leitung de§ Judentums". SorrrlponÄen?m und Nachrichten. Deutschland. ' — Berlin, 21. März. Am Sonntag den 19. d. M. fand im Hotel Prinz Albrecht die Generalversammlung.des Hilfsvereins der Deutschen Inden statt. Am Vorstandstisch hatten unter anderen die Herren Dr. James Simon, Generalkonsul Landau. Dr. Paul Nathan, Geh. Justizrat Timendorfer und Bankdirektor Simon - Platz genommen. Außerdem waren zahlreiche. Zentralkomiteemitglieder aus allen Teilen des Reiches anwesend. Der Vorsitzende Dr. James Simon widmete bei Eröffnung der zahlreich besuchten Versammlung den im vorigen Jahre verstorbenen Vereinsmitgliedern, insbesondere dem Rabbiner Dr. Horowitz (Frankfurt a. M.) und dem Dozenten am Berliner Rabbinerseminar Dr. Hirsch Hildesheimer einen längeren Nachruf und schlug vor, beide für ihre Verdienste um den Hilfsverein zu dauernden Ehrenmitgliedern zu ernennen. Die Ver- " sammelten, die sich zum Zeichen des Beileids und der Hochachtung erhoben hatten, genehmigten einstimmig diesen Vorschlag. Dr. Simon berichtete alsdann über die Lage, teilte dann mit, daß die Mitgliederzahl des Hilfsvereins auch im Jahre 1910 gestiegen und die Einnahmen gewachsen seien. Ter Verein habe jetzt über 22 OOO Mitglieder mit mehr als 154 000 Mark Jahresbeiträgen. Außerdem seien im Berichtsjahre an einmaligen Zuwendungen 195 OOO Mark eingegangen. Dr. James Simon berichtete weiter über die Lage der J-uden in Galizien und Rumänien. Während in Rumänien über politische Unterdrückungen zu klagen sei, seien in Galizien-..dis: wirtschaftlichen Verhältnisse ungemein traurig. Es sei dringend zu empfehlen, in Galizien Kreditkassen einzurichten. Dadurch dürfte es gelingen, die dortigen Glaubensgenossen, die vielfach am Hungertuche nagen, wirtschaftlich und geistig zu heben. Unendlich traurig seien die Verhältnisse in Rußland. Ganz besonders bringe die Beschränkung der Freizügigkeit die jüdischen. Handwerker geradezu an den Bettelstab. In einer großen Zahl von Städten wohnen so viele Handwerker, daß sie kaum 200 bis 25O Mark jährlich verdienen. Es liege bereits der Duma ein Gesetzentwurf zwecks Einführung der Freizügigkeit vor, der alle Aussicht habe, angenommen zu werden. In diesem Falle wäre viel geholfen, da es in vielen Städten an tüchtigen Handwerkern mangele. Man lege den Bildungsbestrebungen der Juden große Beschränkungen auf. Die Prozentnorm enthalte die Bestimmung, daß an den staatlichen höheren Schulen von Juden nur 3 Prozent in den Hauptstädten, 5 Prozent in sonstigen Gegenden außerhalb des Rayons und 10 Prozent im Rayon zugelassen werden. Dieses System wurde in wenig erweiterter Form auch auf die Privatschulen und Kommerzsckulen'übertragen. Aus diesem Grunde werde demnächst das einzige jüdische Gymnasium in Rußland sich aüflösen. Dazu kommen die Ausweisungen der Juden aus ihren Wohnorten. Die Vertreibung von Tausenden von Juden sei den russischen Machthabern fast zu einer lieben Gewohnheit geworben. Die politische und gesetzliche Reaktion, die Ende des Jahres 1907 in Rußland den rohen, blutigen Gewalttaten der Pogrome folgte, dauerte im abgeläufenen Jahre in unvermindertem Maße an. . Ueber tausend jüdische Familien wurden allein in Kiew von den Ausweisungen betroffen. Aus unzähligen Orten werden noch täglich bald einzelne Juden, bald größere oder kleinere Gruppen, so aus Riga, Libau, Tula, Tiflis, Tambow, Toropetz. Zarizin und Tomsk vertrieben. Die Ausweisungen vollziehen sich oft mit einer GrausamM, bie in unserem Jahrhundert selbst in Rußland undenkbar sein, sollte. Angesichts der beispiellosen Not, in der sich die russischen Glaubensgenossen befinden, mußte die Tätigkeit des Hilfsvereins in unvermindertem Maße fortgesetzt werden. Auch'für eine Reihe von Bränden wurde der Hilssverein, wie jedes Jahr, in Anspruch genommen. Zur Sicherstellung der Zukunft der Waisenkinder, die durch die Pogrome ihre Eltern verloren, haben, habe die Großloge , mit dem Hilfsverein gemeinsam für jedes der Kinder ein Sparkassenbuch angelegt. Für das russische Hilfswerk, einschließlich der Aus Wanderung, habe der Hilfsverein im Jahre 1910 250000 Mark ausgegeben. Im Jahre 1910 haben etwa 120000 jüdische Auswanderer ihre europäische Heimat verlassen müssen. Zwei Drittel davon kamen allein aus Rußland. Rund 60000 Auswanderer nahmen ihren Weg durch Deutschland. Zur Fürsorge für die Scharen der Hilfs- und Schutzbedürftigen unter diesen Auswanderern habe der Hilfsverein in den Grenzorten im Innern Deutschlands und in den Hafenplätzen 36 Komitees und Bureaus errichtet. Insgesamt mußten über 225000 Mark für die jüdischen Auswanderer aufgewendet werden. Dies war dem Hilfsverein nur durch freundschaftliches Zusammenarbeiten mit derJewish-Colonisation Association möglich. Mehr als 3000 Auswanderern, abgesehen von den vielen Tausenden in den Hafenstädten, habe der Verein ein Obdach bieten können. Viele mußten mit Kleidung und Nahrung versehen werden. In Bremen wurden 2000 Personen bekleidet und verpflegt, in Hamburg 4500, in Berlin mehr als 2000. Den unglücklichen kränken Auswanderern wurde besondere. Sorgfalt zugewendet. Auch der Rückwanderer und Wanderarmen habe sich der Hilfsverein angenommen. So habe die Fürsorge des Hilfsvereins mehr als 20006 jüdischen Auswanderern Nutzen und Förderung bringen können. — Hierauf berichtete Dr. Paul Nathan über die Lage der Juden im Orient. Eine Reform des Schulwesens an Haupt und Gliedern sei hier dringend notwendig. Es sei keineswegs beabsichtigt, das jüdische Schulwesen im Orient nach einer bestimmten religiösen Richtung zu gestalten. Es solle in durchaus objektiver Weise vorgegangen werden, um den orthodoxen Juden in keiner Weise wehe zu tun. Man könnte die Talmud-Thora-Schulen bestehen lassen, es sei aber dringend notwendig, sie modern zu gestalten, damit die Schüler nicht Nur in den talmudischen Wissenschaften, sondern auch für das praktische Leben derartig vorgebilöet werden, daß sie imstande seien, nach dem Verlassen der Schule ein Handwerk oder Gewerbe zu erlernen. Dazu bedürfe es außer den Schulen der Errichtung von Kindergärten. Ein guter Anfang sei bereits in dieser Beziehung gemacht. Es bestehe in Jerusalem bereits infolge Bemühung des Hilfsvereins ein jüdisches Lehrerseminar. In Haifa werde demnächst ein jüdisches Technikum eröffnet werden,' auf dem jüdische Techniker ausgebildet werden. Ein jüdisches Rabbinerseminar in Jerusalem sei vorgesehen. Die religiöse Richtung der Rabbiner und Lehrer solle in keiner Weise beeinflußt werden. Es sei aber dringend notwendig, daß die Rabbiner hygienische und Sprachkenntnisse haben. Diese Eigenschaften gehen fast allen Rabbinern im Orient ab. Die Ländungsbedingungen in Amerika werden immer schwieriger. Es sei nicht unmöglich, daß mau den' russischen Juden die Einwanderung überhaupt nicht mehr gestatten werde. In diesem Falle müsse man es möglich zu machen suchen, den Strom nach dem Orient zu dirigieren, andernfalls stände man vor einer .furchtbaren Katastrophe. Man sehe also, daß die Aufgaben des Hilfsvereins noch ganz unendlich große seien, und daß er der tatkräftigen Unterstützung aller edeldenkenden Menschen dringend bedarf. -7- Das Bild über die Tätigkeit des Hilfsvereins wurde ergänzt durch die Ausführungen des Generalsekretärs Dr. Bernhard Kahn auf dem Gebiete der Auswanderung. In den Jahren 1908 und 1909 war eine'merkbare Abnahme der jüdischen Auswanderung eingetreten. Im Berichtsjahr aber hat sich hauptsächlich infolge der Bedrückung der Juden in Rußland die jüdische Emigration wieder bedeutend vermehrt. Sie betrug im Kalenderjahr 1910 93107 Personen allein nach den Vereinigten Staaten gegenM 643 im Jahre 1909; sie hat sich also um 25 o/g vermehrt , In mehr als 16 000 Einzelfällen wurde die Hilfe der Vertrauensleute des Hilssvereins angerufen, über 10 000 Personen würden befördert. Auch der Rückwanderer mußte sich derHilfsverein der Deutschen Juden annehmen, um so mehr, als durch eine neue preußische Ministerialverordnung für die Rückwanderung besondere Schwierigkeiten geschaffen worden sind, zu deren Bewältigung der