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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-03-24 · Heft 12 (24.3.1911) · p. Seite 142

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 12 (24.3.1911)
Date
1911-03-24
Page
Seite 142 (sequence 10)
Language
German
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hier schöne Reden? Wenn gesprochen werden sollwerde ich sprechen." „Es ist wahr, es ist wahr!" dröhnte der Beifall.. . „Hier ist von zwei Dingen die Rede: Was sollen wir mit dem Fleischhauer machen, und was sollen wir mit Blümele Beer machen?" Haschele Ochs rief wieder dazwischen: „Aber was für Reden sind das am Sabbat?" „Haschele," brüllte ihm Reb Mendl zu, „erstummen sollst Du, wenn ich red'. Und jetzt soll schon genug sein, das sag' ich Euch allen. Entweder bin ich Vorstand, oder ich bin es nicht. Aber ich bin es. Die Gemeinde wird ihre-Entscheidung treffen. Mich küm.mert es nicht,, was sie beschließen wird, aber wenn sie jenem Poschs) die Fleischbank läßt, so danke ich ab." „Ich bitte um das Wort!" brüllte Lejtenant Flesch. „E grojße Makke!"- donnerte ihm der Vorstand zu und fuhr dann fort: „Den Fleischhauer werfen wir hinaus und das Mädchen verheiraten wir. Das will die Gemeinde. Ich schließe die Sitzung." Und tatsächlich schloß er die Sitzung. Während einer halben Stunde verbreitete, sich die Nachricht, daß die Gemeinde dem Fleischhauer Ore Heimlich das Hackrecht entzogen habe, im ganzen Orte. Jeder fand das Urteil gerecht. Die Gewissenlosigkeit mußte geahndet und der Gewissenlose der Möglichkeit beraubt werden, wieder Schaden zuzusügen. Trotzdem gab es einzelne, die da meinten: Das, was die Gemeinde mit dem Fleischer beschlossen habe, sei weise, was sie aber mit dem Mädchen beschlossen habe, sei unklug gewesenweil das Ausheiraten eines Mädchens Geld oste, die Gemeinde aber kein Geld habe. Rotfleck remonstrierte am meisten, just, als ob er geahnt hätte, daß dieser Teil des Beschlusses seine Berechnungen über den Haufey werfen werde. Wie es Abend wurde, beeilte er sich zu beten und die Sabbatabend-Wachskerze anzuzünden. Nach seiner'Austastung mußte er das Eisen schmieden, so lange es heiß war. Als er dem Rituale genug getan und das Feiertagskteid mit dem Alltagsgewand vertauscht hatte, eilte er zum Vorstand. „Ich komme wegen der Fleischbank," erklärte er nach der Begrüßung. „Na, das ist sehr schön," lobte Eibisch. Rotfleck, der keinen so freundlichen Empfang erhofft hatte, fühlte sich auf der Höhe der Situation. Er blies sein Gesicht auf und wurde sehr selbstbewußt. „Bah, Sie kennen mich ja. Wenn es heißt, etwas für die Gemeinde zu tun, bin ich stets der erste." „Und Ihr Sohn? Was sagt Ihr Sohn dazu?" „Was geht das meinen Sohn an?" „Was es ihn angeht? Nun . . . hm . . . wollen Sie die Bank oder Ihr Sohn?" „Warum soll sie mein Sohn nicht wollen, wenn ich will?" „Und Blümele," frug Eibisch mit besonderem Nachdruck, „will Ihr Sohn uuch Blümele haben?" Rotfleck wurde ganz bestürzt. „Wer spricht von Blümele?" „Ich spreche von ihr. Wir geben die Bank nicht ohne das Mädchen her." Tojwije Rotfleck schnappte nach Luft, rang nach Atem, dann als er sich erholt und endgültig die Ueberzeugung Glaubensverletzer. g ewonnen hatte, daß der Vorstand keinen Scherz mit ihm getrieben, habe, nahm er seinen Stock und ging yiutschnaubenh weg. Auf der Schwelle wandte er, sich noch einmal mm.. , f „Misten Sie, was das ist,".fragte er, und selbst sein..Bart erzitterte vor innerer Aufregung, „wissen .Sie. Reb Mendl was das ist? das ist ein Risches."*) Reb Mendl lächelte bloß. ...... Rotfleck zog die Tür hinter sich, ins Schloßdoch; dann öffnete er sie nochmals und sprach wieder: .... .. .. „Sie glauben, Reb,Mendl, daß ich jetzt berste.. Ich .berste nicht, aber ich werde mir das aufschreiben. Es wird>.noch/ eine Wahl sein, Reb Mendl." Auf dem Heimwege machte er sich ordentliche Lust. Er schimpfte und fluchte, ohne sich Einhalt tun zw müssen, weidlich drauf-los. Er lief vorwärts und blieb vor Ore Heimlichs Hause stehen. Einige Minuten lang sann er nach, dann ging er hinein.? 7 : - „Was möchten Sie glauben," sprach er eintretend, „von wo komm' ich jetzt? Vom Präses komm'ich." Ore Heimlich stellte sich hinter sein Weib, machte ihm, sich bald aus die Fußspitzen stellend, bald niederkauernd, Zeichen mit der Hand, blinzelte mit den Augen, aber Rotfleck verstand diese lebhaften Winke nicht. „Ich komm' vom Vorstand sag' ich Euch. Und wißt Ihr, was ich ihm gesagt habe? Ich Hab' ihm gesagt, daß das eine Impertinenz ist." „Was?" fragte die lange Genendl, und die Wonne unbekannter Genüsse leuchtete in ihrem Gesicht auf, „das haben Sie ihm gesagt, Reb Tojwije? Sie haben recht gehabt, Reb Tojwije. Und was ist die Impertinenz, Reb Tojwije?" Ore Heimlich schlenkerte mit den Armen und zischte. „Was zischen Sie?" fragte Rotfleck. „Du zischst?" schnellte die lange Genendl empor. „Warum zischst Du? Ich möchte gern wissen, warum Du zischst?7 Sehen Sie Reb Tojwije, so ein Leben führ' ich. Red' ich mit einem andern, so zischt dieser ordinäre Mensch." Fortsetzung folgt. Literarische Mitteilungen. Goethe, sämtliche Werke, Band I. Gedichte. Tempel-Verlag in Leipzig. Preis 3 Mark. - Von der schon oft gerühmten Tempelausgabe, die bereits eine große Anzahl Goethe-Bände brachte, wird hier der erste Band der Gedichte geliefert, in einer vollkommen neuen Anordnung. Sie ist im Gegensatz zu den meisten Goethe-Ausgaben chronologisch und enthält in ihren ersten 80 Seiten unter dem etwas seltsamen Titel „Aus der Frühe" die Jugendgedickte von 1765 bis 1775, darauf folgt der „erste Fetzen" des „Ewigen Juden". Daran reihen sich die Abteilung Lieder, Gesellige Lieder, verrnischte Gedichte, Sonette, die Geheimnisse, Balladen, Kantaten, chinesisch-deutsche Jahres- und Tageszeiten. Eine Einzelbesprechung kann an dieser Stelle nicht geliefert werden, nur mag kurz erwähnt werden, daß gegenüber d er Wahrung des chronologischen Zusammenhanges manche bedenkliche Jrrtümer vor, kommen. So wird z. B. das Gedicht die „Lustigen von Weimar" das dem Jahre 1813 angehört, zwischen Gedichte gesetzt, die am Anfang des Jahrhunderts gedichtet sind; das herrliche Gedicht „Das Tagebuch" steht an ganz falscher Stelle, wie überhaupt in den vermischten Gedichten die zeitliche Aufeinanderfolge: gar nicht recht gewahrt worden ist. Aber der Band reiht sich im ganzen höchst würdig seinen Vorgängern an. L. G. _____; >> Missttat.

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