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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-03-24 · Heft 12 (24.3.1911) · p. Seite 140

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 12 (24.3.1911)
Date
1911-03-24
Page
Seite 140 (sequence 8)
Language
German
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wareü, alle aus derselben Stadt, nach einer bestimmten anderen, können natürlich keinen übermäßig abwechselnden Inhalt haben, und uns kein umfassendes Kulturbild einer ganzen Epoche geben; „wir erhalten" um mit den Worten der Herausgeber zu sprechen, „hier einen Querschnitt, der uns Zustände und Seelenvorgänge in einer großen Zahl von Individuen in einem und demselben Zeitpunkte zeigt. Wie in einer photographischen Momentaufnahme sehen wir hier das Bild eines Augenblicks mit grellem Blitzlicht erhellt, während alles, was sich vorher und nachher ereignet hat, in tiefstem Dunkel bleibt. Wir erfahren von Wohl und Wehe der Schreiber; Not und Sorge, Hoffnung, Freude und Bangigkeit, sprechen aus diesen Blättern, die ihren Bestimmungsort nicht erreicht haben. Ob ihre Erwartungen in Erfüllung gegangen sind, ihr Kummer gelindert worden ist, oder ihre Befürchtungen sich verwirklicht haben, auf alle diese Fragen erhalten^ wir keine Antwort." Und doch lassen sich einzelne charakteristische Momente hervorheben. Man erhält Einblicke in das innige Familienleben: Frauen, die bekümmert sind über die Abwesenheit oder das Schweigen ihrer Männer, Sorge der Eltern um ihre Kinder, Bekümmernisse über die Schwere der Zeit, Mitteilungen über Erwerb und Hauswirtschaft, Geldverhältniffe und Unterrichtswesen, Eheschließungen und Familienfeste, einzelnes über Trachten und Speisen. Der Preis der Gelehrsamkeit, das enge Gefühl der Zusammengehörigkeit auch verwandtschaftlich , nicht verbundener Personen tritt klar hervor. Die meisten der Schreiber und der Adressaten sind gänzlich unbekannte oder wenig bekannte Menschen, ein einzig berühmter Mann tritt auf: Jontow Lipmann Heller, nach seinem schon damals gedruckten Mischnah-Kommentar als „tausfauß Jomtow" populär. Sein, an eine Verwandte gerichteter Brief ist jedoch nicht etwa gelehrten Inhalts, sondern ziemlich rein deutsch und behandelt eine reine Privatangelegenheit, nämlich die Verheiratung seiner Tochter. Es ist natürlich sehr schwer, durch einzelne Proben den reichen Inhalt der Briefe dazulegen, ich begnüge mich daher damit, zwei Stellen hierher zu setzen, die mir besonders charakteristisch scheinen. Die eine ist dem Briese des Chanaoch, Sohn des Israel Hamerschlag, an seinen Sohn Ahron entnommen. Der Schreiber beklagt sich zuerst über das Schweigen des Angeredeten und fährt fort: „kan st mir nit ein ausrede geben, du lernst aso ernstlich das du dich nit wilst aso vil saumen das du schreiben kanft. das weis ich wyl, das es nit war is, das mag wol sein: vor mischkeln (Geldgeschäfte machen) Heft vielleicht nit der weil, selt ich aber das gewist haben, un wen mir dein schwer (Schwiegervater) selt al sein Vermögen gegeben haben, Welt dich nit hingeben haben, dein schwer hat mir anders zugesagt zu der Hochzeit: er wil mit dir lernen, das du in kaum 2 jaren ein morenu nit aus der wegen solst. hitz hast du gelernt mischkeln tag un nacht — Hab dich nit gezogen zun mischkeln — fercht mich, das dich got gelobt sei er nit sol strafen wegen Vernachlässigung des Thorastudiums, derhalben mein liber sohn, schreib ich dir da un mein ganzen willen un Meinung das du mir nit anderns solst ton un solst herkumen lernen. Is noch nit zeit mit dir zu handeln, den ich es ganz und gar nit wil leiden, das du drumeln (Geldgeschäfte machen) solst, den ich wil. dir halten den besten lehrer den ich in Prag bekumen kan, denman Mtlob in mein Haus mer lernt als man in ganz Prag bei ein Hausvater lernt . . . derhalben verhöf ich das du mir hie men must lernen als dorten un derfst nischt verzehren kan dir gottlob die kest (Beköstigung) wol geben, derhalben Hof ich, du werft mir selches folgen; las dich dünken bist* wieder in polen gefahren lernen, solst nischt dran verlieren, kanst ale zeit ein handelsman Wern, wie es vielleicht dein schwer vir (vor) hat. hat es aber' nit vermein, das du nit etlich jare nach der Hochzeit selst ernstlich gelernt haben, welt sunst werlich nit aso vil gelegt haben auf dich." Es ist geradezu rührend, wie ein Kaufmann, freilich der Sohn eines bekannten Gelehrten, seinem zum Kaufmann bestimmten Sohn, der eine vermögende Frau geheiratet hatte, die Notwendigkeit des Studiums, bevor er sich dem Erwerbe widmet, darzulegen bemüht ist. Bedenkt man, wie schwer die Zeit damals war, so liegt in diesem Briefe eines schlichten Mannes die stärkste Widerlegung der törichten Behauptung so vieler Judengegnerdaß die Juden zu allen Zeiten nur von Gewinnsucht getrieben-worden seien. Noch ein zweites Beispiel sei mitgeteilt, das in ergreifender Weise die Sehnsucht einer in Prag zurückgebliebenen Frau nach ihrem Manne zum Ausdruck bringt, von dem sie sieben Wochen lang keine Nachricht erhalten hatte „in Wahrheit Weis ich mit, wie ich leb vor grosen kummer, got gelobt sei er weis, wie mir is. ich es nit, ich trink nit, ich schlauf nit, mein leben is mir kein leben. Den in guten Zeiten wen ich nit ale woch Hab zwei briw gehat do Hab ich gemeint, ich wer nit kenen leben.. . noch hat mir an alen nit aso vil gelegen as doaran, den das is mein bit frie un spat fir dein lang leben bis 100 jar wil das auch derzu befelen. was sol ich ton... .. wen mir einer mein tag het seln sagen von aso ein kummer het ich in gewis aufgesen. was sol ich ton, mus zu alen sagen auch das is zum guten. (Ein Bote habe ihr berichtet, er habe den Mann in Linz gesehen) „magst mir gleiben, ein engel zu unterscheiden (lehavdil) Hab ich gehert. Erst Hab ich mich wider gekränkt as das du nischt geschrieben hast, nernt mich wunder ast du in der Zeit ein Vogel last flian (fliegen) un solst nit schreiben, is doch deine art nit oder; (aber) ale zeit wen mir einer hundert Dukaten hat geschenkt, wer mir gewis nit aso lip wie wol doch as mir iklicher (jeglicher) Pfennig is izundert eintausend". Auch dieses Bekenntnis, trotz seiner verwahrlosten Form, ist in seiner schlichten Natürlichkeit und seinem ernsthaften Kummer geradezu rührend. Es ist unmöglich, in alle Einzelheiten einzugehen. Man kann gewiß nicht sagen, daß alle diese Männer und Frauen hochgebildet sind und noch viel weniger, daß sie die deutsche } Sprache vollkommen beherrschen, aber man sieht, und darin liegt für uns, abgesehen von dem mannigsachen Inhalt, die große Bedeutung der Publikation, wie sich schlichte Männer und j einfache Frauen schon damals, also fast'IV2 Jahrhunderte vor j dem Auftreten Mendelssohns bemühten, sich in deutscher Sprache auszudrücken, daß also die deutsche Sprache, freilich korrumpiert, und mit zahlreichen hebräischen und anderen Ausdrücken gemischt, - die Umgangssprache der deutschen Juden nicht bloß etwa Christen gegenüber, sondern auch untereinander war. Nicht ohne Neid habe ich in der Anmerkung am Anfang dieser kleinen Studie den Titel des Buches' abgeschrieben: „Historische Kommission der israelitischen Kultusgemeinde Wien." Die Publikationen dieser Kommission, von der ich bisher nichts wußte, sind bis jetzt freilich nicht zahlreich. Als erster Band ist das „Judenbuch der Scheffstraße zu Wien 1388—1420", herausgegeben von Arthur Goldmann, als zweiter „das Wiener Ghetto und seine Bewohner", bearbeitet von Ignaz Schwarz, erschienen. Aber die Tatsache, daß derartiges existiert, daß die Wiener Gemeinde, die auch, wenn ich nicht irre, jeden Winter öffentliche Vorlesungen arrangiert, literarische Publikationen nicht bloß unterstützt, sondern von sich aus herausgibt, erregt in uns den Wunsch, ähnliches für uns zu begehren. Dies soll kein Vorwurf sein. Unsere große Berliner Gemeinde unterhält Schulen, Religiönsanstalten, eine bedeutende

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