Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1911)
- Date
- 1911-03-24
- Page
- Seite 139 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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,; ... V.. - - -; Eine Frage bliebe noch zu erörtern. Wie ist er möglich, daß der Stamm Ascher , schon um die Mitte des 14. Jahrhunderts in seinen späteren Wohnsitzen um Akko herum saß, während doch zu. dieser Zeit Israel, der allgemeinen Annahme nach, noch in Aegypten schmachtete? Menerptah, „der Pharao des Auszugs", gelangte ja erst 1234 zur Regierung^ Um diesen Widerspruch zu erklären, nehmen Gelehrte wie Spiegelberg an, daß nur ein Teil der zwölf Stämme, er nennt ihn die Gosenstämme, sich nach Mizrajim begab, während die anderen Stämme, darunter die Bern Ascher, in Kanaan verharrten. Steuernagel hingegen hält es für möglich, daß der Auszug , aus' Aegypten, wenn auch nicht gerade „480 Jahre" vor der Gründung des Tempels Salomos — „480" ist eine verfängliche Zahl; bis zum Ende des Exils verflossen ja wieder gerade „480" Jahre —, daß der Auszug, sage ich, bedeutend früher stattfand als jüngst noch angenommen wurde. Der Laie vermag diese Fragen nicht zu entscheiden. Wunder nehmen sollte es uns.jedoch nicht, wenn auch hier die ehrwürdige Ueberlieferung recht behalten und sich schließlich historischer erweisen sollte, als die überkühnen Hypothesen gewisser moderner Forscher. Feiert doch König Menerptah selbst auf der im Jahre 1896 in der thebanischen Totenstadt ausgegrabenen Stele seine Siege über Palästina und Israel. „Die Fürsten sind zu Boden geworfen und sagen „Schalöm" — Jenoam (bei Sichern) ist vernichtet — . . . Israel ist verwüstet ohne Feldfrucht, Palästina ist eine Witwe für Aegypten geworden." Und diese Siege über die schon angesiedelten Israeliten will Menerptah in seinem fünften Regierungsjahre davongetragen haben. Zur Zeit des sogenannten „Pharaos des Auszugs" saßen die Israeliten.also schon als Ackerbauer im gelobten Land, „unter ihrem Weinstock und ihrem Feigenbaum?" Was wird dann aus der langen Wanderung durch die Wüste? Hoffen wir, daß die „Neue Hagada", welche Herr Dr. Jampel in Schwedt uns verspricht, recht bald erscheinen und neues Licht in diese Fragen bringen wird. WdilchkOriostbrieke aus dem Ishrr 1699. Von Ludwig Geiger. er sich Rechenschaft über das große Problem geben will, wie war die Stellung der deutschen Juden zur Sprache ihres Mutterlandes, wird an dem 17. Jahrhundert ziemlich schnell vorübergehen. Hier klafft zwischen den schönen Anfängen des 16. und der herrlichen Blüte des 18. Jahrhunderts eine bedenkliche Lücke. Auch der glückliche Fund, von dem im nachstehenden ein kurzer Bericht gegeben werden soll, ist nicht imstande, diese Lücke auszufüllen, gewährt aber einen äußerst willkommenen Beitrag und bereichert unsere Kenntnis in hohem Grade. Es ist eine Sammlung von Privatbriefen,*) die Prager Juden und Jüdinnen an Wiener Glaubensgenossen, Verwandte, y Jüdische Privatbriefe aus dem Jahre 1609. Nach den Originalen des Königl. und Kaiser!. Haus- Hof- und Staatsarchivs im Aufträge der historischen Kommission der Israelitischen Kuttusgemeinde in Wien, herausgegeben von Dr. Alfred Landau und Dr. Bernhard Wachstein mit 8 Schrifttafeln. HI. Bd. der Quellen und Forschungen zur Geschichte der Juden in Deutsch-Oesterreich, herausgegeben von der historischen Kommission der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien. Wien und Leipzig, Wilhelm Braümüller, 1911. 183 Seiten deutschen und 61 Seiten hebräischen Text. Die Arbeit ist außerordentlich gründlich und gelehrt, der Text der deutschen Briefe umfaßt 90 Seiten,- denen Mex unten sehr zahlreiche Anmerkungen beigefügt werden, etwa 7v Freunde, Kunden oder Geschäftsgenoffen teils in hebräischer, teils...und hauptsächlich in jüdisch-deutscher Sprache geschrieben haben, Briefe, die durch einen bisher nicht aufgehellten Zufall in das Wiener Haus- Hof- und Staatsarchiv gelangten, und dort sorgfältig aufbewahrt worden sind. Sie wurden nicht mit der Post, sondern durch einen Privatunternehmer Loeb Sarel Guttmans expediert, der eine Art Privatpost organisiert zu haben scheint, und die ihm anvertrauten Schriftstücke durch einen christlichen Boten beförderte. Daher werden, da dieser Bote die Adressanten ebenso wie die Schreiber kannte, keine ausführlichen Adressen angegeben, sondern meist nur der Name, seltener nähere Bezeichnung der Wohnung hinzugesügt. Ganz regelmäßig aber wird der Adresse eine Verwünschungsformel beigegeben, welche den unbefugten Erbrecher des Briefes mit dem „Banne unseres Rabbi Gerson" bedroht. Von der Hand des Unternehmers hat sich ein Verzeichnis erhalten, laut dem er für die ganze Sendung 1V2 Gulden und 8 Kreuzer bekam, 22 Kreuzer Auslagen hatte und dem Boten. V2 Gulden geben mußte. Bei manchem Briese ist bemerkt, daß der Schreiber nichts gab; der am meisten zahlende entrichtete 18 Kreuzer, die meisten viel weniger, die geringste Vergütung bestand in 4 Kreuzern.. Die Form der Briefe ist außerordentlich merkwürdig. Es sind ganz bestimmte Formeln, die den rein deutschen Briefen der Zeit des 14. bis 17. Jahrhunderts entsprechen und möglicherweise den Kindern schon in der Schule eingeprägt wurden. Die üblichste ist: „Vil guter seliger gebenschter freidiger jar/ die solen dir ale weren war/ (einmal wird noch hinzugefügt: auf dein heipt (Haupt) un har) oder es heißt: vil freid un nimer mer kein leid — etwa mit dem Zusatz: sol sein bereit zu alle zeit. Diesem Wunsch folgt ein kurzer Bericht über das eigene Wohlbefinden, woran sich dann die eigentlichen Mitteilungen knüpfen. Die Unterschriften der Briefe sind ausschließlich hebräisch, auch die Schlußformeln, die der Unterschrift vorangehen, sind gelegentlich gereimt, z. B.: „damit behit enk got/ fri und spot/ vor aler nod." Charakteristisch ist, daß von den Männerbriefen etwa die Hälfte, von den Frauenbriefen nur ein einziger datiert ist. Der Unterschrift folgen Grüße z. B. für: „ale, die nach mir sregen" oder „ales was enk lib is". Schon aus den angeführten kurzen Beispielen geht hervor, daß die Sprachform ein ziemlich stark korrumpiertes Deutsch ist. Es sind nicht bloß viele hebräische Worte eingesügt, sondern gar manche aus dem. Polnischen und Böhmischen entnommen; Diminutiva werden durch Anhängung der Endung: „lich" an den Plural des Substantivs gebildet, z. B. „kinderlich, kitlich, schwerlich" u. a. eine Bildung, die auch in den schwäbischen, fränkischen und bayerischen Mundarten vorkommt. Häufig wird ein t dem Worte angehängt, oder statt eines s gesetzt, z. B. malt mal oder vormalt vormals. Häufig wie im Jüdisch - Deutschen überhaupt wird das ge vorgesetzt, g. B. gesein und geweren statt sein und weren, ebenso wie im Mittelhochdeutschen. Um aus den zahllosen Einzelheiten über die die vortreffliche Einleitung sehr gute Kunde gewährt, nur ein Beispiel hervorzuheben, sei die Flexion des Wortes werden mitgeteilt. Sie lautet: „ich wer, du werft, er wert, wir Wern, ihr wert, sie Wern", für das?artieip. Mt. kommt außer der üblichen Form geworden, auch worn und geworn vor.. Briefe, die alle an einem Tage, dem 22. November 1609, abgeschickt, also an diesem oder wenige Tage vorher geschrieben Seiten werden mit einer trefflichen Einleitung und einem hochwichtigen Lexikon der jüdisch »deutschen Ausdrücke ani;efüllt. Die beigefügten Faksimiles, ganz vorzüglich ausgeführt, sind für., die Geschichte der Schrift.ungernein wertvoll. ■; rjfoi ■ ' •:; ' Ai ■ . ,