Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1911)
- Date
- 1911-03-24
- Page
- Seite 136 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3228961-3228974--67322-3279533- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Der Budgetausschuß des österreichischen Abgeordnetenhauses setzte die Verhandlungen über das Budget des Ministerium des Innern fort. Der Abgeordnete Nemec forderte die Regierung auf. zum Schutz der grundlos aus Preußen Ausgewiesenen einzngreifen/ Außer anderen Klagen, die verschiedentlich vorgebracht wurden, beklagte sich der Abgeordnete Kuranda über die grundlose Ausweisungder jüdischen Staatsangehörigen aus den östlichen Provinzen Preußens. Er glaube, daß eine generelle Reglung, dieser Verhältnisse durch eine Konferenz mit den Behörden des Deutschen Reichs die alleinige Abhilfe bieten könne. Ueber Massenausweisungen der Juden aus Rußland wird geschrieben: Die neuerdings immer stärker grassierenden Iudenausweisungen sind zu einer förmlichen Katastrophe ausgeartet. Gleichzeitig kommen Hiobsbotschaften aus Punkten, die voneinander weit entfernt sind — aus dem Gouvernement Tschernigow und aus Tscheljabinsk- Allein aus den Dörfern des Kreises Surasch sind 219 Familien, aus dem Kreis Starodub 64 Familien, aus einem anderen Kreis 600 Personen, insgesamt etwa 2000 Seelen ausgewiesen worden. Zugleich damit findet am äußersten Ende des Reichs die Ausweisung von 51 jüdischen Familien aus Tscheljabinsk statt, unbeachtet dessen, daß damit der gesamte lokale Gerreidehandel lahmgelegt wird. Die Tscheljabinsker Ausweisungen haben am Orte eine solche Unruhe hervorgerufen, daß das dortige Börsenkomitee sich veranlaßt sah, den Minister des Innern um Aufhebung der rigorosen Maßnahmen zu ersuchen. Die Provinzadministration ist offenbar bemüht, gerade in diesem Moment ihre iudenfeindlichen Tendenzen an den Tag zu legen und damit auch die gesetzgeberische Arbeit in der Duma zu beeinflussen. Mir ist von einem zionistischen Korrespondenten, natürlich in der kräftigen Art, in der diese Herren sich auszudrücken pflegen, nahegelegt worden, noch einmal auf die Debatten über den Zionismus im türkischen Reichstage zurückzukommen. Ich sehe dazu gar keine Veranlassung. Wer gegen den Zionismus auftritt, ob er nun türkischer Minister oder deutscher Gelehrter und Zeitungsschreiber ist, wird von den Zionisten aller Länder mindestens als Lügner, jedenfalls als Oretiu betrachtet. Jedes Wort, das er sagt, wird als unwahr, als grobes Mißverständnis der Grundsätze des Zionismus^ hingestellt. Das sind wir seit Jahren gewöhnt. Wir werden' deswegen nicht aufhören, den Zionismus zu bekämpfen, wo er sich auch zeigt, , in der Türkei oder in Deutschland, und ihn als eine verderbliche, die wirtlichen Interessen der Juden überhaupt und besonders der deutschen Juden schädigendes Erscheinung zu verfolgen. Wilhelm Nasbe. Von Fanny I. schloß Wilhelm oh n. (Nachdruck verboten.) 16. November schloß Wilhelm Raabe, Deutschlands größter Humorist, d er Romantiker auf dem Parnaß, der behaglich plaudernde Schilderer kleinbürgerlicher, kleinstädtischer und kleinstaatlicher Verhältnisse — seine so träumerischen und doch tief- und klarblickenden Augen. Er ging' ein in das Land, von des Bezirk kein Wanderer wiederkehrt. Für diesen lachenden Philosophen, welcher bei eigenen Sorgen und Lebenskämpfen niemals den Humor verlor, welcher das Lachen als eine Notwendigkeit, als ein Gegengewicht füx alle Misere und Plage des Alltags betrachtete ■— für ihn existierten menschliche Schwächen nur, um feine Satire daran zu üben,, und dann bei jedem die guten Seiten ans Licht zu ziehen. Für diesen Dichter - gab es nichts Verborgenes, Zwiespältiges im irdischen Dasein. Er beleuchtete jedes Wesen', und jedes Ding mit seiner hellstrahlenden Laterne imfr sog Licht aus dem Dunkeb und der Vergänglichkeit.' Seine Erzählungen spielen in kleinen Nestern; mit den zarten Fäden seines Humors umspinnt er Menschen, Ereignisse; malt in satten Farben kleinliche Charaktere, brave und böse Kostgänger des Herrn. Allem gewinnt jedoch Naabe. eine heitere Seite ab — und so verführt er auch den verärgertsten, verbissensten Leser, mit ihm zu wandern und sich an den Geschehnissen der zopfigen Kleinstadt und' ihren rückständigen, guten und'unguten Stadtvätern, Bürgern, Beamten und — Basen zu ergötzen. Wer sich einmal in Raabes Art, zu schildern, hineingefunden, den läßt er nimmer wieder los. Es erübrigt sich wohl, des Dichters Werde- und Lebensgang hier zu schildern, wir wollen an dieser Stelle , nur fein Verhältnis zu den Juden beleuchten. In seiner, im Jahre 1873 erschienenen Erzählung: „Höxter und Corvey", welche zwei Jahrhunderte früher spielt, 1673, — 1773 setzt die Handlung ein—ist die Hauptperson eine alte Jüdin, die Kröppel-Leah. Höxter, die alte Stadt an der. Weser, und die benachbarte Abtei Corvey, werden von den französischen Truppen unter Marschall Türenne, arg heimgesucht. Die Soldateska haust nicht nur..ip den Bürgerhäusern, sie verschmäht auch die Behausungen, der jüdischen %\vr wohner nicht. Ost- und Westfalen geraten unter Jeromes Regime, de'» Code Napoleon wird eingesührt. Somit fällt die alte Gerechtsame von Höxter: „Die Geleitsteuer", seit Anno 1624. den Hvxteranern verliehen, für die Judenschaft fort; Daxob großer Ingrimm der Stadtväter, und des Janhagels; gegen die daran schuldlosen Juden. Die Juden sollen vor das Tor gebracht, d. h. ausgewiesen werden. Niemand bleibt von dieser grausamen Maßregel verschont — weder Alte, Kranke noch Kinder. . < Die arnre, bucklige Kröppel-Leah liegt schwer, krank, infolge ausgestandener Angst und den Mißhandlungen einiger bei ihr ein gedrungenen Mordbrenner. . Man hat in dem ärmlichen Häuschen, das die Kröppel- Leah mit ihrer vierzehnjährigen Enkelin allein hewyhnt, nach Geld und Schmuck gesucht. Als die wüsten Gesellen nichts finden, würgt der. eine die alte schwache Frau, sie soll gestehen, wo sie ihren Besitz verborgen hat. Ein zweiter will sich an der liebreizenden Simeath, ihrem Enkelkind vergreifen. In dieser Minute höchster Gefahr erscheinen der Klosterbruder, Henricus v. Herstelle, ein ehemaliger Offizier und nunmehr Mönch im Kloster Corvey, der. Bürgermeister von Höxter und der Pfarrer von St. Kilian auf der Bildfläche. Den Genannten hat sich der Neffe des Psarrherrn, der relegierte Student Lambert Tewes angeschlossen.. Die- Herren find zum Schutze Leahs herbeigeeilt, welchenichts nur bei ihren Glaubensgenossen in höchster Achtung steht. Der Student legt seinen Arm schützend um -Simeath, er tröstet die Großmutter mit guten Reden. Leah erwidert mit matter Stimme: ,; „Doch die Fremden Hausen auf der Wohnstätte des Samen Abrahams,, junger Herr. Me Kinder von Juda und Israel irren als ein Spott und. Spuk zerstreut. .. Sie haben keinen Ort mehr, da sie Herren ihres Hauses und. Leibes sind." '