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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-03-17 · Heft 11 (17.3.1911) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 11 (17.3.1911)
Date
1911-03-17
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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und deshalb sollte man jetzt noch einmal den Versuch unternehmen. Herr Justizrat C o h n weist nochmals darauf - hindaß das geplante Mittel dem Gottesdienst nichts nutzen wird, und hält es für viel wichtiger, an dem geregelten Gottesdienst nicht zu rütteln. Wenn Herr T.ietz. wolle, so könne er auch denjenigen, die den Wunsch äußern, aus 1/2 stunde Urlaub gewähren, um an dem Gottesdienst zu der bisherigen Zeit teilzunehmen. Nachdem auch Geheimrat Senator seine Zustimmung zu dem Anträge gegeben, erklärte Herr Tietz, daß bei einer Urlaubserteilung zum Gottesdienst ein ordnungsmäßiger Geschäftsbetrieb gar nicht ansrecht erhalten werden kann. Er versicherte, daß an den Tagen, an denen Totenfeier stattfindet, ganze Rayons seines Geschäftes verwaist sind und daß seine drei Personalleitungen bereits den Antrag gestellt hätten, nur einen gewissen Prozent, satz jüdischen Personals anzustellen, um diesen Mißstand wirksam zu beseitigen. Er fügte erfreulicherweise hinzu, daß, solange er dem Geschäfte vorstehen werde, dieser Wunsch niemals seine Zustimmung erhalten werde. Herr Emil Pincus wies mit Nachdruck darauf hin, daß es sich bei dem vorliegenden Anträge in gar keiner Beziehung etwa um eine Verlegung des Freitag-Abend-Gottesdienstes handle, der in der üblichen würdevollen Weise wie bisher ausgeführt werden würde. Er glaubt auch nicht, daß die späte Stunde des Gottesdienstes ein Hemmnis für die Rabbiner sein'werde, die ja nur einmal im Laufe des Winters dies Opfer zu bringen brauchten. Auch Herr Kommerzienrat Ger so n Simon befürwortete den Versuch eines Gottesdienstes um 8Va Uhr abends. Sollte die Versammlung sich in ihren Erwartungen täuschen, so habe sie doch, das ihrige getan, um den kaufmännischen Angestellten die Möglichkeit zu geben, an einem Predigtgottesdienst teil- ^zunehmen. Hiermit schloß die Debatte, und die Ueberweisung der Vorlage zur Ausschußberatung wurde einstimmig angenommen. *** Berlin, 14. März. Der Vorstand der „Jüdischen Reform- Gemeinde" versendet an die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde zu Berlin folgendes Rundschreiben: Die Wahlkämpfe des letzten Herbstes haben aufs neue gezeigt, daß das Wesen und die Bestrebungen der Jüdischen Reform-Gemeinde nicht genügend bekannt sind. Wir fühlen uns deshalb verpflichtet, allen, denen das Judentum am Herzen liegt, die Gelegenheit zu bieten, unsere religiöse Anschauung und die Art unseres Gottesdienstes im rechten Lichte kennen zu lernen. Unser Prediger, Herr Dr. M. Levin, wird in unserem Gotteshause, Johannisstraße 16, an drei aufeinander folgenden Sonntagen, am 19. und 26. März und am 2. April über folgende Themata sprechen: 1. Die Stellung der Reform zur Heiligen Schrift; 2. die Entwicklung des Judentums und die Reform; 3. die Gestaltung des Gottesdienstes in der Reform. Wir laden hierdurch alle Mitglieder der Jüdischen Gemeinde in unser Gotteshaus ein. Beginn des Gottesdienstes: vormittags IOV2 Uhr präzise. *** Berlin, 14. März. Die hier erscheinende hebräische Wochenschrift „Haibri" bringt in der Nummer vom 3. März einen Berichs über die letzte Generalversammlung des „Vereins zur Erhaltung des überlieferten Judentums", der zum Schluß folgende Mitteilung enthält: Der Großkaufmann, und Handelsrichter Herr Fränkel aus München, der als Gast der Versammlung beiwohnte, bekundete seine Freude über die Wirksamkeit des Vereins und wies zugleich darauf hin, daß die Berliner Orthodoxen nunmehr die Unterstützung der Regierung nachsuchen könnten,,, wie es bereits die Orthodoxen in anderen großen Gemeinden mit Erfolg unternommen hätten. „Die Regierung kann unmöglich das unüberlegte Verfahren einer Gemeindeverwaltung dulden, die alles, was den Orthodoxen teuer und heilig ist, zerstört, und daß die konservative Minorität, die zur Erhaltung der Gemeinde beisteuert, ihrer 'Rechte beraubt wird." Es folgte hierauf die Wahl des Vorstandes, und wurde dieser ersucht, behufs Erlangung der Forderungen des Vereins sich noch einmal mit der Gemeindeverwaltung in Verbindung zu setzen und die Unterstützung der Regierung nur dann nachzusuchen, wenn kein anderer Ausweg bleiben sollte". *.* Berlin, 14. März. Wir erfahren soeben, daß Herr Moritz Man heim er seinen Austritt aus dem Vorstand der Altersorgungsanftalt der jüdischen Gemeinde erklärt hat. Dieser so überraschend kommende Entschluß des edlen, hochverdienten Mannes, der seit zirka 40 Jahren der Leitung der zum nicht geringen Teil von ihm selbst geschaffenen segensreichen Institution angehörte, dürfte auf sein hohes Alter zurückzuführen sein, das ihm nicht mehr gestattet, in gleicher MWMnMWWKMK Weise wie bisher hingebungsvoll deri mit erheblichen Opfern an Ze und Kraft verbundenen guten Sachern, dienen. Herr Manheimer scheidet nun aus diesem seinem langjährigen Ehrenamte begleitet von dem innigsten Wünsche seiner zahlreichen Verehrer und Freunde, daß der Allgütige ihn und seine verehrungswürdige Gattin noch recht lange zum Segen unserer Gemeinde erhalten möge^ -^-Berlin, 9. März. Der Verein für Statistik der Juden hielt am 26. Februar seine diesjährige ordentliche Hauptversammlung ab. Dem vom Vorsitzenden des Vereins erstatteten Tätigkeitsbericht entnehmen wir folgendes: Die vom Bureau für Statistik der Juden herausgegebene „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden" hat auch in dem jetzt vollendeten 6. Jahrgang das gehalten, was sie früher versprochen hat und ihren guten Ruf immer mehr befestigt. Die Zeitschrift darf sich das Verdienst zuschreiben, exakte Forschungen über Juden und Judentum auf eine ganz neue Basis gestellt zu haben. Besonderer Wert wird bei der Bearbeitung des Stoffs darauf gelegt, auf Fehlerquellen hinzuweisen, Erläuterungen zu statistischen'Ergebnissen zu geben und vor falschen Schlüssen zu warnen. Im übrigen rpar das Bureau im abgelaufenen Jahr fast ausschließlich durch die Bearbeitung eines monumentalen Werks in Anspruch genommen, welches soeben vollendet ist und demnächst im Verlage von Franz Siemenroth, Berlin, erscheinen wird. Es ist nun ein Tabellenwerk geschaffen worden, welches alles amtliche statistische Material für sämtliche Länder der Erde enthält, so weit es 'sich aus die Statistik der einzelnen Konfessionen bezieht. Auf dieses Werk hat sich die gesamte Tätigkeit des Bureaus im verflossenen Jahr konzentrieren müssen, so daß daneben wenig Zeit für andere Arbeiten blieb. Gleichwohl konnte die Untersuchung Dr.. Segalls über die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung' in München von 1875 bis 1905, die der Verein für Statistik der Juden in München herausgegeben hat, der Oeffentlichkeit übergeben werden, und es erscheint ferner in kürzester Zeit im Verlage des Bureaus für Statistik der Juden eine Spezialarbeit von Dr. Anselm Hillmann über das jüdische Genossenschaftswesen in Rußland. Ferner geht das Bureau nunmehr daran, zwei größere Untersuchungen in Angriff zu nehmen, und zwar über die Lage der Juden in Deutschland und ferner über die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in Berlin: Die Mittel hierzu sind in großzügiger Weise von der jüdischen Gemeinde zu Berlin in Höhe von 3000 Mark bereitgestellt worden. Schließlich wird zurzeit eine wichtige Enquete über die Wohlfahrtseinrichtungen aller großen Gemeinden der Erde veranstaltet. Es wurde ferner beschlossen, für die besonderen Zwecke der Meyerhoffer-Stiftung, welche neben der Förderung der allgemeinen jüdischen Statistik hauptsächlich zur Evidenzhaltung derjenigen christlichen Familien dienen soll, welche jüdisches Blut besitzen, eine Arbeit Herstellen zu lassen und sich mit einer geeigneten Kraft hierfür in Verbindung zu setzen. Bei der hervorragenden Bedeutung des Vereins für alle wissenschaftlichen und praktischen Fragen, welche die Judenheit beschäftigen, ist zu hoffen, daß die Mitgliederzahl des Vereins stetig wächst und seine Arbeiten auf eine immer sichere Grundlage'gestellt wer den *** Berlin, 14. März. Wirerfahren, daß das Vorgehen der deutschen Gemeinden in der Frage einer Reform der Wanderarmenfürsorge auch im Auslande Nachahmung findet. Vor kurzem hat der Gemeindetagdes Schweizer Gemeindebundes die Grundsätze für die Abfertigung der Durchreisenden, angenommen, die den von der Deutschen Zentralstelle Entworfenen analog sind. Mit den belgischen Gemeinden sowie mit Paris sind Verhandlungen über gemeinsames Vorgehen mit der Deutschen Zentralstelle angeknüpft worden. Doch wichtiger als alle diese Fortschritte dürfte sich die von der Oesterreichisch- Jsraelitischen Union zu Wien beabsichtigte Schaffung einer Zentralstelle nach dem deutschen Muster erweisen. Wie wir hören, hat die genannte Körperschaft an die Vorstände der österreichischen Kultusverwaltüngen eiye Einladung zu einer Delegiertenkonferenz ergehen lassen, die am 25. und 26. März in Wien stattfinden soll. Es zeigt sich also auch in Oesterreich als Folge der gleichen Verhältnisse die gleiche Auffassung über die zweckmäßigen Mittel zur Beschränkung der herrschenden Mißstände, ünd es hat sich der Wunsch geltend gemacht, mit der Deutschen Zentralstelle in Berlin in dieser Frage zusammenzugehen. Die letztere ist sehr erfreut über die Förderung ihrer eigenen Bestrebungen durch die neu zu schaffende Schwester-

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