Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1911)
- Date
- 1911-03-17
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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»•.****.■. Dxr Oemetndebote. Beilage zur „Allgemeinen Leitung deF Zudentums^. korrelponden?kn und Mschrichtrn. Deutschland. 8. Berlin, 12. März. In der heutigen Repräsentanten- Versammlung gab her Vorsitzende Herr Louis Sachs zunächst der Versammlung Kenntnis von einigen Eingängen des Gemeindevorstandes. Sehr überraschend kam die Mitteilung, daß Herr Netter sein Amt als erster stellvertretender Vorsitzender des Gemeindevorstandes niedergelegt hat. An seiner Stelle ist Herr Kommerzienrat Eisner gewählt worden, während Herrn Sanitätsrat Dr. Julius Stern das Amt des zweiten Stellvertreters übertragen worden ist. Von den Lehrern der Gemeinde-Knaben- und Mädchenschulen ist ferner ein Dankschreiben eingegangen für die Neuordnung der Gehaltsverhältnisse. — Das Vermächtnis des Bankiers Gustav Eüterbock zu Mohltätigkeilszwecken im Betrage von 1500 Mark wurde nach kurzer.Debatte angenommen. Der Wunsch nach Herausgabe eines Schulberichtes zum diesjährigen Ostertermin ist vom Schul- und Talmud-Thora-Vorstand abschlägig beschieden worden, der diesen Termin für einen besonders ungeeigneten Zeitpunkt hält. Der Ausschuß III ist gerade der entgegengesetzten Ansicht gewesen und erblickte in dem bevorstehenden Wechsel in der Leitung der Knabenschule gerade einen sehr geeigneten Termin, um einen Rückblick über die Schulen zu veröffentlichen. Auch Herr Löwenthal bedauerte lebhaft mit dem Referenten der Vorlage Herrn Prof. Vlaschke das .Nichterscheinen eines Berichtes. Herr Syndikus Justizrat Lilienthal, glaubte betonen zu müfftzn, daß nur aus rein sachlichen Gründen die Ablehnug erfolgt ist, nicht etwa weil die Frist zur .Veröffentlichung eine zu kurze gewesen ist. — In die gemischte Deputation zur Beratung über A e n d e r u n g der Bestimmungen für die Repräsentanten-Wahlen wurden die Herren Direktor Dr. Minden, Stadtältester Dr. Weigert, Löwenthal und Justizrat Tr. Ignatz Cohn gewählt. Seitens des Gemeindevorstandes sind die Herren Geheimrat Dr. Timen» dorfer und Geheimrat Dr. Pieck abgeordnet worden. — In die gemischte Deputation zur Beratung über eine Ergänzung des Statuts der vereinigten Synagogen-Vorständ e wurden die Herren Löwenthal, Siegfried Sachs, Justizrat Veit Simon und Geheimrat Blumenthal abgeordnet. Vom Gemeindevorstand sind die beiden vordem genannten Mitglieder auch in diese Deputation delegiert worden. — In die. Durchreisenden-Kommission wurde Herr Emil Cohn als Gemeindemitglied entsandt, der als Repräsentant bisher schon in dieser Kommission tätig war. — Die turnusmäßig ausscheidenden Mitglieder der Kommission für die festgottesdiens!» lichen und musikalischen Angelegenheiten wurden sämtlich wiedergewählt. — Mit der Anordnung des Plätzetarifs für die Synagoge Rhkestraße erklärte sich das Plenum einverstanden, ebenso — in erster und zweiter Lesung — mit der Abänderung der Satzungen der Bibliothek-Kommission, die auch nunmehr in Druck gelangen sollen. — Zu den Kosten der Dresdener Internationalen Hygiene- Ausstellung (Gruppe Hygiene der Juden) wurden debattelos und einstimmig 500 Markbewilligt. Die Bibliotheks-Kommission soll, wie wir bereits in der vorigen Nummer mitzuteilen in der Lage waren, ermächtigt werden, die ihr geeignet erscheinenden Objekte aus der W olfschen Sammlung, zur Verfügung zu stellen. — Dem Religionsverein Westen wurden'zum Umbau seiner Synagoge 14 000 Mark als Zuschuß bewilligt. Mit der-Mietung'dcr beiden Säle des Etablissements Wilmersdorfer Festsäle, des Saales der Bötzow-Brauerei, des Saales „Schwarzer Adlers des kleinen Saalesder Kellerschen Festsäle, des Festsales Beuthstraße 20 zur Veranstaltung von Festgottesdiensten erklärte sich die Versammlung einverstanden.. — Für die vor kurzer Zeit beschlossene Neureglung der Gehaltsverhältnisse der. Lehrer und Lehrerinnen wurden die Mittel einstimmig bereit gestellt. Die Mehraufwendungen betragen die sehr erhebliche Summe von 59300 Mark. — DerSchul- und Talmud Thora-Vorstand, hatte den Antrag unterbreitet, für die zahnärztliche Behandlung von Zöglingen der Knaben, und Mädchenschule einen Zahnarzt mit einem Jahresgehalt von 500 Mark anzustellen. Der Gemeindevorstand ist der Meinung, daß es genügen dürste, wenn die Eltern der Zöglinge auf die Notwendigkeit einer zahnärztlichen Behandlung vom Schulärzte aus hingewiesen werden. Unbemittelten Kindern soll eine Beihilfe zur Behandlung gewährt werden, und zwar ist ein Pauschalsatz von je 150 Mark für jede der beiden Schulen beantragt worden. Die Versammlung billigte diesen Vorschlag debattelos, nur der Vorsitzende bemerkte treffend hierzu, daß der Gemeindevorstand sehr bald mit einer Nachforderung kommen werde. — Die Bewilligung einer Ausgabe zur Anschaffung verschiedener Kultusgegenstände für die Jnterimsgottesdi'enste wurde in die geheime Sitzung verlegt. — Die Ausgabe zurAnschaffung und Ei n r i ch t u n g e i ne s A q u a ri u m s im Hofe der Mädchenschule wurde ge' nehmigt, ebenso die Schaffung der Stelle eines dritten Jnspizie nten bei der Kommission zur Beschaffung des Koscherfleisches. Zu einer ausgedehnten Debatte gab schließlich der Antrag von Mitgliedern der Versammlung Anlaß betreffend versuchsweiser Einrichtung eines Predigt-Gottesdienstes am ersten Freitagabend der Wintermonate. Der Referent Herr Löwenthal wies darauf hin. daß durch diese Einrichtung den kaufmännischen Angestellten Gelegenheit gegeben werden soll, an einem Predigtgottesdienst teilzunehmen. Das Bedürfnis dieser Leute hiernach sei zweifellos vorhanden, und deshalb sei der Versuch zu befürworten. Auch einige Rabbiner hätten sich bereits zur Uebernahme der Predigt bereit erklärt. Der Gottesdienst soll um 81/i oder 8l/2 Uhr abends an den genannten Terminen in der Lindenstraße-Synagoge eingerichtet werden. Herr Justizrat Dr. Cohn widersprach diesem Antrag, den er vorläufig außerdem für praktisch wertlos hält, da die Wintermönate sich ihrem Ende nähern. Er verkennt auch nicht, daß das Schicksal des Antrages wohl gegeben ist, da bereits neue liberale Mitglieder ihre Zustimmung gegeben haben. Ihn erfüllt mit Bedenken, daß, wenn der Predigtgottesdienst wirklich Anklang finden würde, er den gewöhnlichen Gottesdienst erheblich schädigen müßte, der besonders in den Wintermonaten sehr stark besucht ist. Im übrigen hält er auch die Einrichtung für illusorisch, da die kaufmännischen Angestellten doch nicht nach Geschästsschluß in die Synagoge kommen werden. Die Einrichtung habe vor Jahren schon einmal bestanden und sei vollständig ins Wasser gefallen. Herr Gemeindesyndikus L i l ie nt h a l erklärte, daß der Gemeindevorstand noch keine Gelegenheit gefunden hat, zudem erst vor kurzem gestellten Anträge Stellung zü nehmen, und bat deshalb um Ueberweisung des Antrages an den Ausschuß. Herr Oscar Tietz befürwortete dringend die Annahme der Vorlage, da nach seiner Kenntnis ein großer Teil der Angestellten geradezu danach lechze, auch einmal Gelegenheit zu h.'.ben, an einem Predigtgottesdienst teilzunehmen. Für das Judentum gäbe es nichts Schlimmeres, als den Jndifferentismus, der nur durch Äufrüttlung beseitigt werden könne. Herr Prof. Vlaschke ist der Ansicht, daß man denjenigen, die den Gottesdienst besuchen können und wollen, auch Gelegenheit dazu geben müsse. Es könne nicht als berechtigt angesehen werden, zu sagen, daß doch nichts daraus werde. Die bereits erwähnte Einrichtung eines derartigen Gottesdienstes vor etwa zehn Jahren habe an dem Fehler gelitten, daß der Gottesdienst in der Lützowstraße- Synagoge eingerichtet wurde. Mehr als Hunderts seien der Meinung, daß der frühe Gottesdienst geradezu gefördert. werde durch den Predigtgottesdienst am Freitagabend. Herr Direktor Minden glaubt als Unterton in den Cohnschen Ausführungen die Furcht vor Neuerungen erblicken zu müssen. Es liegt hier ein Bedürfnis vor, das aus den Kreisen der Interessenten an die Antragsteller herängetreten ist. Für viele Tausende junger Leute und junger Mädchen, die hauptsächlich der Provinz entstammen, existiert keine Familie, in der sie den Freitagabend in gewohnter Weise feiern können, und da kann man nicht weit genug die Pforten des Gotteshauses öffnen. Vor zehn Jahren hat der 8 Uhr-Ladenschluß noch nicht bestanden