Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1911)
- Date
- 1911-03-17
- Page
- Seite 132 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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„Willst du einen Schluck Wasser, mein süßes Herz? Mein teures Leben, willst du? Ich gebe dir einen Umschlag auf den Kopf, einen Umschlag auf das Herz, mein Liebling. Das wird gut tun,, wie? Dann wirst du einschlafen — schlaff mein Täubchen." Sie brachte sie zu Bette wie ein Wickelkind, dann ging auch sie und Berele zur Ruhe. Mitternacht war schon vorüber und sie schliefen noch immer nicht, doch keines sprach ein Wort. Berele zog das Daunenbett über den Kopf und darunter klopfte er sich die Brust, denn er fühlte sich schuldbewußt an diesem großen Unglück. Er war dumm, er war leichtsinnig, er sah nicht, daß ihn Ore heimlich zum besten haben wollte. Zuweilen steckte er dey Kopf hervor und lauschte. „Bruchele, hast du gehört?" „Was?" „Blümele weint." Bruchele beruhigte ihn: — „Blümele schläft" — sagte sie und daraufhin versteckte er sich wieder unter den Daunen und schlug seine Brust beinahe wund. Und als Bruchele glaubte, daß er eingeschlafen sei, schlüpfte sie aus dem Bette und schlich zu Blümele hin. Blümele rührte sich nicht. Da hüllte sich die Mutter in ein Tuch ein und setzte sich auf den Bettrand hin. Berele steckte wieder den Kopf hervor. „Sie phantasiert im Fieber, Horst du es?" — flüsterte er in die Richtung bin, wo er Bruchele vermutete. Und, weil er keine Antwort bekam, glaubte er, daß die Fran schlafe. Da stieg auch er aus dem Bette und schlich gleichfalls zu Blümele hin. So saß jedes ohne Vorwissen des anderen bis zum Morgengrauen dort und beide bissen die Zähne aufeinander, um die Schlafende ja nicht durch einen Seufzer im Schlummer zu stören. Doch Blümele schlief nicht. In ihrem Herzen, in ihrem Hirne hämmerte es laut und sie dachte daran, daß Fanny Friedländer glücklich sei, sie aber unglücklich. In! Friedländers Haus war feierliche Helle, hier aber traurige Finsternis. Dort lacht man, hier getraut man sich nicht zu weinen. Dort ist einer, von dem sie seit vielen Tagen als von dem ihrigen geträumt hat und der jetzt der Fanny Friedländer gehört. Warum gehört er ihr, warum ihr? Hat sie früher von ihm geträumt? Hat ihre Seele sich früher mit' ihm befreundet? Mit der Seele war sie schon seine Braut. Ist das gar nichts? Heißt das nichts, wenn die Seelen sich miteinander verloben? O, das ist nicht möglich! Das ist ein heiliges Bündnis, weil Gott davon weiß. Fanny Friedländer hat kein Recht auf jenen Mann. Mit solchen Gedanken quälte sie sich während der ganzen Nacht und seufzte gar nicht dabei. Denn sie fürchtete, ihre Eltern könnten glauben, daß sie männersüchtig sei — ehrbare sittsame Mädchen dürfen sich nicht mit derlei romantischen Dingen befassen. Bruchele seufzte auch nicht. Auch Berele schwieg und dennoch war es, als ob das Stübchen voll von erstickten Seufzern wäre; es war wie eine Muschel, in der es immerfort summt und summt, denn als sie am Meeresgründe lag, da hatten die Wellen ihr Leid in sie hineingesungen. Auch jene zahlreichen Leute, die abends hier gewesen waren, hatten ihren 5 Schmerz hier gelassen; deren unterdrücktes Schluchzen war es wohl auch, was man in dem flüstern Zimmer so beängstigend empfand. Denn man glaube nicht, daß diese Leute teilnahmslos von hier weggingen. O nein. Es gab niemand, dem Ore Heimlichs roher Scherz nicht in die Seele geschnitten hätte, denn so etwas war noch niemals geschehen. Der Jude versteht Spaß und in Dörfern und Kleinstädten gibt es immer einige Leute, *bic sich fortwährend darüber den Kopf zerbrechen, wie man den Bekannten einen lustigen Streich spielen könnte. Jegröber der Scherz ist, um. so mehr wird über , ihn -gelacht. In Naghsöröd war Ore Heimlich der Spaßmacher und um.seiner Späße willen verzieh man ihm die Ungehörigkeiten, welche er sich in der Fleischbank, zuschulden kommen ließ.. . - . In einem jungen Herzen Hoffnung erwecken, eine arme Familie in Kosten stürzen und eine ganze Gemeinde zur Verlobung rufen lassen, wo gar kein Bräutigam ist — das schien unerhört. Wie man auch die Sache drehte und wandte, kam man immer wieder darauf hinaus, daß es eine Niederträchtigkeit war. Schon die Veranlassung und dann die Einladung zum Bahnhof hinaus — na, das war schon das Niederträchtigste. Was mochte sich wohl jener fremde Bocher gedacht Huben, als sich ihm Berele Beer vorgestellt?" Dann diese große Schande — Blümeles große Schande — also das kann selbst der liebe Gott nicht verzeihen, denn in Schande bringeil darf man niemand. Schon nach Ausspruch des Talmud verdient ein derartiges Vergehen die Strafe der Verdammnis- und einem jungen Mädchen gegenüber begangen ist dies eine gar große Sünde. „Der so etwas begangen hat, ist ein gewissenloser Mensch," sagten die einen. „Leichtsinnig und unzuverlässig," ergänzten die anderen. „Und ein solcher Mensch ist Fleischhauer," sagte Towije Rotfleck, der das Fleischhackrecht gern seinem Schwiegersohn verschafft hätte. Diese Worte fielen auf fruchtbaren Boden, und der darin ausgedrückte Zweifel faßte bei den Leuten so tief Wurzel, daß sie ihn nicht loswerden konnten. Aus Blümeles Angelegenheit wurde eine rituelle Sache; die moralischen Punkte hatten ihre Wichtigkeit nicht verloren, dennoch fiel jetzt der religiöse Standpunkt schwerer in die Wagschale der öffentlichen Meinung. Bis zum Samstag gestaltete sich die Frage folgendermaßen: darf man bei einem Fleischer, der so etwas tim kannkoscheres Fleisch einkaufen? Kann man einem solchen Menschen vertrauen? Muß man nicht befürchten, daß ein solcher Mensch tresenes Fleisch anstatt des koscheren verkauft? Unruhe gärte in der Gemeinde, und die Gewissen kamen in Aufruhr. Es gab Frauen, die sich nicht mehr getrauten, zum Sabbat Fleisch holen zu lassen; auch solche gab es, die am Freitag zum Rabbi gingen, um ihn zu fragen, ob man die Geschirre nicht der rituellen Reinigung unterwerfen sollte, denn vielleicht verkaufe Ore Heimlich tresenes Fleisch. Reb Mendl Eibisch, der Gemeindevorstand' kündigte unter dem Druck der allgemeinen Meinung für Samstag eine Gemeindesitzung an. Ore Heimlich traute seinen eigenen Ohren nicht. Man will ihn doch nicht wegen eines Scherzes maßregeln? Er tat seine Schritte, doch vergeblich Die Gewitterwolken, welche sich über seinem Haupte drohend zusammengezogen hatten, konnte er nicht mehr vertreiben. „Freilich," zankte die lange Genendl, „dir geht der Sinn immer nur nach Späßen. Ich heirate einen solchen Niemand, und er hat Lust zu scherzen." Samstag aßen die Leute hastig ihr Mittagsmahl. Wer sonst nach dem Essen der Ruhe pflegte, verkürzte heute die Siesta, denn jeder wollte bei der Sitzung anwesend sein. Fortsetzung folgt. Druck und Verlag von Rudolf Mo ff Lin Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max BaUchwitz in Berlin.