Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1911)
- Date
- 1911-03-17
- Page
- Seite 131 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Tatsache, daß die Franzosen die Zigeuner „Boheme* ncmnten, den Beweis ableiten, daß es sich um aus. den böhmischen Wäldern zurückgekehrte Juden handelte. Solche Art wissenschaftlicher Beweisführung war nur möglich auf Grund einer großen Geschichtsünkenntnis, sowohl der Gelehrten als des Volkes. Auch in der Neuzeit noch hat selbst der bekannte Kulturhistoriker und Privatdozent an der Universität München Herr Dr. Ä. Wirth in seinem „Abriß der Weltgeschichte" (Bonn, 1900) einen Vergleich zwischen Juden und Zigeunern an stellen müsien un d schreibt hinsichtlich der Juden: „Wenn die Ausbreitung in aller Welt angestaunt wird, so haben Parsi, Armenier und Zigeuner dasselbe geleistet. — Er (der Jude) teilt mit jenen anderen die unselige Fähigkeit, sich parasitisch an ändere Volkstümer aufzusaugen, aber er gibt Ungleich jenen auch Eigenes. Er weiß in Kunst und Wissenschaft Dauerndes und Wertvolles zu schaffen." Dieser Vergleich mit den Zigeunern ist ein Zeichen, daß auch in der heutigen Gelehrtenwelt die alte Verquickungssucht noch nicht ganz verschwunden ist. Ich habe darauf hingewiesen, daß die mit dem Ende des 18. Jahrhunderts einsetzende Vergleichung der Zigeunersprache auf den hindoftanischen Ursprung dieses Volkes hinwies. Dem berühmten Hallenser Gelehrten Pott* 2 * 4 * * 7) blieb es Vorbehalten, in seinem 1844 erschienenen Werk über die Zigeuner durch linguistische Untersuchungen hier volle Klarheit zu schaffen. Andere?) haben Potts Forschungen weiter ausgedehnt, so daß es heute feststeht, daß die Zigeuner hindoftanischen Ursprungs sind und in Indien ihre Heimat haben. Aber auch die historischen und literarischen Forschungen der Neuzeit ergeben die Unhaltbarkeit der Verquickung von Zigeunern und Juden und der Behauptung Wagenseils. So spricht schon der berühmte byzantinische Retor Mazaris in seinen „Hadesgesprächen"^) von sieben Völkerschaften, welche. j den Peloponnes bewohnen; unter diesen zählt er auch Jud en und Aegypter getrennt aus. Nach den beiden bedeutendsten; Geschichtsforschern und Geschichtsschreibern der mittelalterlichen griechischen Geschichte, Gregorovius4) und Fallmereyer») sind hierunter Aegypter-Zigeuner zu verstehen. Auch trifft man heute, im Innern Griechenlands noch Ruinen, die den Namen „Zigeuner-" bzw. „Aegypterburgen" führen, neben den Ruinen der einst stolzen fränkischen Feudalschlösser und der ärmlichen Judenansiedlungen, die heute noch „Judenburgen" heißen?) Auch hieraus ergibt sich die Tatsache, daß Juden und Zigeuner zu allen Zeiten getrennte Völkerschaften waren, die keinerlei Gemeinschaft miteinander hatten, sowie, daß sie längst vor der Einwanderung als getrennte Völkerschaften nebeneinander existierten. Ja, Mazaris erzählt in seinen „Hadesfahrten"?) daß wohl Mischungen zwischen Juden und den feudalen herrschenden Einwohnern vorkamen, jedoch weiß er nichts von Mischungen mit Zigeunern zu berichten. h Pott,' „Tie Zigeuner in Europa und Asien", ethnographischlinguistische Untersuchung. 2. Band. Halle, 1844. 2) So z. B. Liebich, Wlislocki, Finkh, Erzherzog Josef v. Oesterreich, Pischel, Miklosich u. a. *) Missen, Analekten der mittelgriechischen Literatur. Leipzig 1855—1862. 4) Gregorovius, Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter. Band 2. Stuttgart 1889. 5) Fallmereyer, Geschichte der Halbinsel Morea. Stuttgart 1830—1836. °) E. Hopf, Die Einwanderung der Zigeuner in Europa. Gotha 1870. 7) ,HadeSfahrten", Kap. 22. Ich muß damit schließen, da der Rahmen einer Zeitschristenabhandlung sonst überschritten wird. Ebenso unhaltbar sind spätere Versuche der Ableitung von Gebräuchen scheinbar jüdischen Ursprungs, von Namen, scheinbare Aetznlichkeit in Gesichtszügen usw?) Im vorliegenden wollte ich nur: 1. die historische Entwicklung der falschen Behauptung, 2. die willkürliche Grundlage derselben schildern und Nachweisen, daß Zigeuner und Juden keinerlei Beziehungen zueinander hatten, erstens nicht Hinsichtlich der Lebensgemeinschaft, da! a) die Geschichte zeigt, daß sie vollkommen getrennt voneinander auftraten und die Juden schon Jahrhunderte in Westeuropa lebten, als die ersten Zigeuner erschienen; h) die Akten der Staatsarchive ergeben, daß wohl gleiche soziale Verhältnisse beide dem größten Elend Preisgaben, doch keinerlei Gemeinschaft zwischen ihnen bestand; c) . auch in früherer Zeit keinerlei Lebensgemeinschaft zwischen Zigeunern und Juden bestand; zweitens, daß diese auch hinsichtlich der Abstammung nicht behauptet werden kann, da sich keinerlei ethnologische Anhaltspunkte und keinerlei linguistische Verwandtschaft zeigen, und die diesbezüglichen Behauptungen Wagenseils, obwohl sie lange als ein Ergebnis wissenschaftlicher Forschung angesehen wurden, total haltlos sind. a) weil das Ergebnis der vergleichenden Sprachwissenschaft das Gegenteil der mittelalterlichen Behauptung Wagenseils ergab, nämlich daß die Zigeunersprache keinen hebräischen Anklang hat, sondern hindoftanischen Ursprungs sein müsse; d) weil schon vor der Einwanderung der Zigeuner im Orient solche neben den Juden existierten und von den mittelalterlichen griechischen Literaten schon Juden und Zigeuner als vollkommen selbständige, voneinander unabhängige und miteinander in keinem Zusammenhang stehende Völkerschaften aufgezählt werden, Leim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. Berechtigte Uebersetzung von Rosa Trencseni. VI. ' erele saß noch immer ebenso unbeweglich beim Tisch. Bruchele hockte auf der kleinen Bank neben dem Backofen ganz gebrochen vor Herzweh und Traurigkeit. Und Blümele stand beim Fenster, blickte in die schwarze Nacht hinaus, schaute in die große Finsternis und horchte in die herzbeklemmende Stille hinein auf etwas, was aus. dieser Stille herausklang, wie das frische Lachen. Und der Rausch, den sie noch nicht verstand, die Ahnung, welche sich ihr noch nicht offenbarte, die Sehnsucht und die Glückseligkeit jubelten und tobten in diesem Lachen. Sie preßte ihr glühendes Gesicht an die kalte Fensterscheibe, bohrte ihren Blick noch tiefer in die finstere Nacht hinein — wie wenn sie jene Glückliche sieht, die in dieser Nacht lachen kann! — Dies konnte nur das Lachen der Fanny Friedländer sein. „Mutter, ich bin müde" — klagte sie leise und schwankte zum Bette. Bruchele eilte zu ihr hin, küßte sie, umarmte sie und sprach liebkosend zu ihr, wie wenn man ein Schoßkind beruhigt. 4) Ich denke diese Punkte später einzeln in der Broschüre mit .zu erörtern. ,