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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-03-17 · Heft 11 (17.3.1911) · p. Seite 130

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 11 (17.3.1911)
Date
1911-03-17
Page
Seite 130 (sequence 10)
Language
German
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jugendlichen Helfern und Helferinnen heranzubilden, dev, theoretisch und praktisch geschult, inder Lage sein wird, Aemter in der Wohlfahrtspflege mit Erfolg zu übernehmen. Die formelle Organisation der A. J. Ch. ist die, daß die Leitung der Geschäfte den Board of Directors zusteht, die — 21 an der Zahl — von den Mitgliedern auf die Zeit von drei Jahren gewählt, werden. . Die Direktoren selbst wählen aus ihrer Mitte den -Präsidenten, Vizepräsidenten, Schatzmeister und Sekretär auf ein Jahr. Ausdrücklich bestimmt ist, daß niemand diese Aemter länger als drei Jahre, das eines Direktors länger als sechs Jahre bekleiden darf, um durch den Wechsel in den Personen alle geeigneten Persönlichkeiten zu Aemtern und Einfluß gelangen zu lassen. Eine Entfernung aus dem Amt ist beim Vorliegen wichtiger Gründe durch * 2 */3 Mehrheitsbeschluß der Direktoren möglich. Oberste Äuffichtsinstanz ist die Mitgliederversammlung. Neuerdings wird besonderer Wert gelegt auf die Errichtung von Stiftungen für Weiterzahlung von Beiträgen nach dem Tode eines Mitgliedes. Die Stifter für den dadurch gebildeten Fonds sind aus einer Ehrentafel verzeichnet. Die Betonung der finanziellen Gesichtspunkte, namentlich durch Aufnahme der Zeichnungsscheine in das Handbuch hat ihren guten Grund, denn die A, J. Ch. beschaffen lediglich die Geldmittel für die ihr angeschloffenen Einrichtungen, die Sorge für die Armen und Leidenden aber bleibt den einzelnen Vereinen überlassen, die sie durchgängig von geschulten und der Hauptsache, nach bezahlten Kräften erledigen lassen. Alles in allem bietet das Handbuch einen interessanten Ueberblick über Chikagos jüdische Wohltätigkeit, dadurch aber gleichzeitig wertvolle Anregungen für das, was die jüdische Wohlfahrtspflege Berlins erstreben muß: den Zusammenschluß der Vereine und die Heranbildung zukünftiger Helfer und Helferinnen. Ligkuner und Juden. Historisch-ethnologische Studie von Fr. Wilh. Brepohl-Wiesbaden. IV. othwelsch war aber eine Geheimsprache der Landsknechte, Diebe und Handwerksburschen. Mit Zigeunerisch hatte sie nichts zu tun. i) Nun war allerdings das Rothwelsch mit einigen an das Hebräische erinnernden oder aus ihm abgeleiteten Worten versehen. Es scheint, daß Landsknechte (oder Händler bei diesen) diese Worte gebraucht und dann diese Worte zur Bildung der deutschen Gaunersprache mit verwandt worden find. Aber wenn Wagenseil einige Dutzend Worte von einem ganzen Wörterbuch2) zum B e w eis der Abstammung einer Sprache respektive eines Volkes anführt, so machte er damit einen Fehlzug, der seiner Amtseigenschaft als Dozent für orientalische Sprachen wenig Ehre macht. ■ Wenn er nicht vom Studierzimmer aus der Herkunft der Zigeuner nachgeforscht hätte, so wäre er vielleicht auf den richtigen Weg gekommen und hätte ans der Sprache der Zigeuner , heraus auf deren wirkliche Herkunft schließen können. -Schon 1776 fand ein Pfarrer Valyi aus Ungarn, als er aus der Universität Leiden studierte, eine auffallende Aehnlichkeit zwischen dem Zigeunerideom seiner Heimat und der Sprache h Bergt. AvS Lallemant, Das deutsche Gaunertum a. a. O. Bd. 1, Seite 10. 2) Seinerzeit in Basel erschienen. eines malabrischen Studenten, besten Bekanntschaft er machte - Er legte ein Wörterbuch an und fandheimgekehrt, daß die Zigeuner fast alle malabrischen Worte verstanden?) . Diesem Mann gebührt das Verdienst, zuerst, wenn auch nur indirekt auf die wirkliche Abstammung der Zigeuner, nämlich die indische,2) hingewiesen zu haben. Wagenseil hätte dasselbe erleben können, wenn er sich nur die Mühe gegeben, echtes Zigeunerisch zu hören. Sofort hätte er gefunden, daß nicht der geringste Anktang an das Hebräische bestand. Erst wenige Jahrzehnte nach ihm, -1782 fanden zwei mit mangelhaften Sprachkenntnissen ausgerüstete Männer, R ü big er?) und Grellmann4 5) auf Grund ungenügenden Materials, mehr zufällig als durch Sprachstudien, die indische Eigenart des Zigeunerideoms. Die Theorie Wagenseils, welche bis dahin herrschte, wurde damit in den.Gelehrtenkreisen zu Grabe getragen. Allein im Volk wucherte sie weiter. Es sei noch ein dritter Punkt der Wagen feilschen Ausführungen erwähnt: „Es war noch übrig, daß die aus dem Finstern zum Fürschein kommen wollende Juden etwas mitbrächten, sich dadurch bey denen Leuten angenehm und beliebt zu machen. Nun Silber und Gold, noch was sonst unter den Menschen geschätzt wird, hatten sie nicht. Demnach wurden sie eins, sie wollten sich ihrer alten, und von Mose oder David auf sie gebrachten Kunst berühmen, daß sie nehmlich alle gefehrliche entstandene Feuersbrunsten löschen, auch wann sie irgendwo beherbergt würden, machen könnten, daß solches Haus, Scheune oder anders Gebäu nimmermehr abbrenne, welches für Reiche und Arme, Hohe und Niedere, sonderlich mit eigenen Wohnungen versehene und begüterte, eine herrliche Sach war, wann sie forthin keinen Feuerschaden zu befürchten hätten. Ferners beschlossen sie gleicherweiß sich auch bei ihrer andern Kunst Chochmas hajad, aus den Linien der Hand allen Menschen ihr bevorstehendes Glück und Unglück, die Länge des Lebens- und was einem sonst begegnen kann, zu weissagen, gleicherweiß zu berühmen, als wodurch sie ins gemein beh denen fürwitzigen Weibsbildern, welche allezeit mehr auf den künftigen als gegenwärtig ihren Zustand bedacht zu seyn pflegen- und worunter die unverheirateten nichts liebers, als den, mit welchen sie in Ehestand , leben sollenwissen möchten, gar Willkomm sehn würden."- Die Haltlosigkeit dieser Ausführungen braucht nicht erst bewiesen zu werden. Es gibt bekanntlich kein Volk, welches dem Aberglauben so abhold Ist wie der Jude. Schon das Gesetz verbietet ihm Zauberei. Es zeugt daher von der mangelhaften Kenntnis des Judentums in jener Zeit, wenn die Behauptung, daß die Zauberstücke der Zigeuner jüdische, von Moses und David übernommene seien, Glauben fand. Die Zigeunerkunststücke sind ägyptischen Ursprungs. Schon vor der Einwanderung nach den westeuropäischen Ländern im Byzantinischen Reich übten die Zigeuner ihre Zauberkünste. Dafür sind massenhafte Belege erhalten geblieben?) Ueberhaupt ist die Ansichtdes Professors Wagenseil in ihrem ganzen Aufbau ein Kartenhaus. Er wollte aus der *) Anzeigen aus den sämtlichen kaiserlichen, königlichen Erblanden. 6. Jahrgang 1776. Seite. 87., 2) Wenn die Zigeuner nun auch nicht direkt aus Malabrien herstammen, so wies doch diese Spur nach Indien. 2) Rüdiger, Neuester Zuwachs der deutschen, fremden und allgemeinen Sprachkunde. Leipzig 1782, I. . . . 4) Grellmann, Historischer Versuch über die Zigeuner. (Göttingen . 1787.) . . , ,. ... ■ . ■ .. ■■■ 5) Vgl. meinen Artikel „Die Zigeuner im Byzantinischen Reich" in dem Internationalen Archiv für Ethnographie 1910—19111

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