Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1911)
- Date
- 1911-03-17
- Page
- Seite 129 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Durch:das Buch soll das Interesse des Inhabers an der Werbung neuer Mitglieder wachgehakten werden. Das kleine Buch wird jedem zugestellt, von dem man annehmen kann, daß er die Bestrebungen der A. J. Ch. zu unterstützen vermag, wenn er sich auch nur mit einer geringen Summe beteiligte. Denn der arme Mann von heute kann unter amerikanischen Verhältnissen morgen reich sein und seinen Beitrag erhöhen. Die Hauptgrundsätze der A. J. Ch. sind als Anleitung für den Büchinhaber dem Titelblatt vorgedruckt, damit er sie stets vor Augen hat, sie sind abgedruckt auch als Führer für die neu Beitretenden mit der dringenden Bitte, sie in Wort und Geist aufzunehmen. Nach ihnen ist ausgeschlossen die Unterstützung aller Formen von Bettelei, Verkauf von Eintrittskarten und Pro? grammen für Festlichkeiten. Bazare, Jahrmärkte und dergleichen. Des weiteren soll verhindert werden die Gründung von neuen Anstalten und Vereinen ohne ausdrückliche Billigung der A. J. Ch. Dis sind die zwei Grundpfeiler, auf denen sich die Chicagoer Wohlfahrtspflege aufbaut, zwei Momente, die gerade in unserer Berliner jüdischen Wohltätigkeit immer noch nicht die Beachtung findendie sie vom Standpunkt zeitgemäßer Armenpflege für sich beanspruchen dürfen. Daß bei uns noch mancher Verein sein jährliches „Wohltätigkeitsfeft" veranstaltet, dessen Erträgnis zu den aufgewandten Kosten und persönlichen Mühen int Mißverhältnis steht, ist hinreichend bekannt. Weniger bekannt wird es aber sein — eine neuerdings erfolgte Besprechung von Vertretern der dem Verband für jüdische Wohltätigkeitspflege angeschlossenen Vereine hat es klar ergeben — daß es eine große Anzahl von Vereinen gibt, die sich trotz geringer Mittel ganz Berlin als Wirkungskreis gewählt haben, alles bearbeiten, was an sie herantritt und demgemäß im einzelnen kaum etwas Nennenswertes erreichen können. Ueberdies hat der Verband über Neugründungen von Vereinen zu klagen, ohne daß man sich bei ihm vorher über deren Zweckmäßigkeit erkundigt hätte. Es besteht auf diesem Gebiet noch eine große Kräftevergeudung, die zum größten Teil in persönlichen Umständen ihren Grund hat, deren Beseitigung sich der geschäftsführende Ausschuß des Verbandes aber zurzeit angelegen sein läßt. Man kann diesem Bestreben des Verbandes, geordnete Verhältnisse innerhalb der Tätigkeit der ihm zugehörigen Vereine nur besten Erfolg wünschen und ihm als nachahmenswertes Vorbild das Wirken. der A. J. Ch. in Chikago vor Augen führen. Der oft zum Ausdruck gebrachte, aber dadurch noch nicht beweiskräftiger gewordene Gedanke, ein Zusammenschluß der Vereine würde ein Abbröckeln der Mitgliederzahl in den einzelnen Vereinen verursachen, scheint, wenn man den Chicagoer Mitteilungen folgt, unbegründet. Es tragen zu den A. J. Ch. an 3000 Mitglieder bei, deren Namensliste interessante Schlüsse auf Einwanderung deutscher Elemente ziehen läßt. Es gibt „drüben" wohl keinen Namen, der sich z. B. nicht auch in der Wählerliste der Berliner jüdischen Gemeinde oder in den Mitgliederverzeichnissen der großen deutschen jüdischen Vereinigungen vorfände. Die Jahresbeiträge belaufen sich im einzelnen von 1 Dollar (4 Mark) bis zu 20 000 Dollars (80 000 Mark). Der jährliche Mitgliedsbeitrag beträgt mindestens 25 Dollars (100 Mark). Der Bericht des Schatzmeisters ergibt denn auch erhebliche Summen: 2978 Mitgliederbeiträge. 295201.50 Dollars (1180806.- Mark) 40 Schenkungen . . 5699.44 Dollars (22797.- Mark) zusammen 300900.94 Dollars (1203603.76 Mark). Aus dieser gewaltigen Quelle werden die den A. J. Ch. angeschlossenen 14. Anstalten und Vereine gespeist, deren Namen hier folgen mögen, da sie gleich einen Ueberblick über die von ihnen geübte Tätigkeit gewähren. Die beigesetzten Ziffern bezeichnen die von den A. J. Ch. gewährten Beihilfen : 1. Michael Keese Hospital (Krankenhaus) . . 75 000 Dollars 2. Jewish Aid Society of Chicago (Hilfsverein) 82 700 „ 3. West Side Dispensary (Poliklinik). . . .10 625 „ 4. Home for Aged Jews (Altersheim) ... 12 250 „ 5. Chicago Home for Jewish Orphans (Waisenhaus . . . .. 26 800 6. Bureau of Personal Service. 9000 „ 7. Jewish Training School of Chicago (Ausbildungsschule für soziale Hilfsarbeit) . . 15 150 „ 8. Home for Jewish friendless and working Girls (Heim für alleinstehende Arbeiterinnen) . 16 800 . „ 9. Chicago Lying-in Hospital (Wöchnerinnen- Hospital) . .. 10. Womans Loan Association (Frauen-Vorschuß-Verein).. 1500 11. The Helen day dlursery (Tagespflege) . . 3180 12. Jewish home finding Society of Chicago (Vermittlung für Tages stellen) .... 4025 13. Naxwell Street Settlement Association 14. Chicago Winfield Tuberculosis Sanatorium . 3775 Erwägt man, daß jedes einzelne dieser Institute außer den vorbezeichneten Beiträgen der A. J. Ch. noch Einnahmen aus ihnen direkt zufließenden Geschenken und Stiftungen hat — die aber nur mit Zustimmung der A. J. Ch. angenommen werden dürfen, so ergibt sich ein großartiges Bild ainerikanischer Wohlfahrtspflege. In zehnjähriger Tätigkeit ist dieser Stand erreicht worden, den eine Festrede des Präsidenten Julius Rosenwald des näheren erläutert. Die Rede enthält eine Fülle interessanter Einzelheiten, von denen hier zwei hervorgehoben seien: Einmal läßt sich das Wirken der A. J. Ch. nicht nur zahlenmäßig dartun. Mindestens gleichwertig ist der ideelle Erfolg, das Einwirken auf jüdische Gemeinden anderer Städte und aus nichtjüdische Organisationen, die sich die A. J. Ch. zum Muster genommen haben. Mit gutem Grund wird das Werk angesehen als the most progressive in philantropic Works — as the most liberal in its contributions — als das fortgeschrittenste und freigebigste im Dienste der Menschenliebe. Im besonderen verweist der Präsident sodann auf eine erfreuliche Einrichtung: die „Young Men’s A. J. Ch." Diese Vereinigung ist vor drei Jahren als Hilfsgruppe der A. J. Ch. eingerichtet worden und zählt bereits 2000 Mitglieder, junge Leute, die eine fruchtbare Werbetätigkeit für die A. J. Ch. begonnen haben. Auch St. Louis und Cincinnati kennen der" artige Young Men’s Auxiliary, deren Bestehen der Präsident als hoffnungsvollstes Zeichen für die Zukunft anspricht. Wenn es zutrifft, daß dem, der die Jugend für sich hat, die Zukunft gehört, so sind die Aussichten für die Zukunft der jüdischen Wohlfahrtspflege in Berlin nicht besonders erfreulich. Denn das Interesse, das die Jugend der jüdischen Armenpflege entgegenbringt, kommt vorerst als Hilfe für die Zukunft nicht in Betracht. Es erscheint als dringende Aufgabe des Verbandes, auch in dieser Hinsicht Wandel zu schaffen und einen Stamm von